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Missbrauchsskandal erreicht Lateinamerika

Kaum ein Tag vergeht, an dem sich Jose Luis Escobar Alas nicht zu neuen Vorwürfen äußern muss. Der Erzbischof von San Salvador ist in die Defensive geraten. Ein mutmaßliches Missbrauchsopfer beschuldigt ihn, mit der Zahlung von Schweigegeld die Veröffentlichung einen Missbrauchsfalls verhindert zu haben. Es geht um einen Scheck über 5.000 US-Dollar, der angeblich die Unterschrift des Erzbischofs trägt und aus dem Nachlass eines 2009 verstorbenen katholischen Geistlichen stammt, der Vater eines Kindes gewesen sein soll. Dieser hatte eine heute erwachsene Frau ihren Angaben zufolge über Jahre hinweg missbraucht. Als Folge der Taten sei sie schwanger geworden.

Der Fall beschäftigt die Öffentlichkeit und Escobar Alas sah sich so sehr in die Enge getrieben, dass er bei Gott schwor, die gegen ihn vorgebrachten Vorwürfe seien haltlos. Aus Barmherzigkeit sei eine Zahlung an die betreffende Frau erfolgt, weil sie die Kirche um Hilfe für einen in Kuba studierenden Sohn gebeten habe, so der Bischof. Erst kurz zuvor waren sein Generalvikar Jesus Delgado und ein weiterer salvadorianischer Geistlicher wegen Missbrauchs suspendiert worden. Escobar Alas hatte eine Null-Toleranz-Strategie angekündigt.

Adveniat an der Seite der Opfer

Eine Null-Toleranz-Strategie verfolgt auch das Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat, das mit kirchlichen Projektpartnern auf dem lateinamerikanischen Kontinent und in der Karibik eng zusammenarbeitet. Adveniat-Hauptgeschäftsführer Prälat Bernd Klaschka erklärte auf Anfrage: "Sobald sich begründete Verdachtsfälle bei einem unserer Projektpartner oder in ihrem Umfeld ergeben, leiten wir ein Moratorium ein". Die Fördergelder blieben solange eingefroren, bis die Vorfälle aufgeklärt sind. "Bereits seit Jahren lautet unsere Strategie in dieser Frage Null-Toleranz, wie sie auch Papst Franziskus immer wieder gefordert hat." Das Lateinamerika-Hilfswerk der katholischen Kirche stehe - wie bei seiner Projektförderung - auch im Fall sexuellen Missbrauchs auf der Seite der Opfer, der Ausgeschlossenen und Ausgebeuteten.

Glaubwürdigkeit beschädigt

Die Kirche in El Salvador trifft vor allem der Delgado-Fall mit voller Wucht, weil dieser eine der wichtigsten Figuren im Seligsprechungsprozess um den 1980 ermordeten Erzbischof Oscar Arnulfo Romero war. Romeros Ruf nimmt zwar keinen Schaden, dafür aber die Glaubwürdigkeit der katholischen Instanzen El Salvadors.

In Chile ist diese Glaubwürdigkeit ebenfalls in Gefahr: Seit Monaten tobt dort ein Streit zwischen Missbrauchsopfern und der Kirche. Hohen Amtsträgern wird vorgeworfen, sie hätten versucht, des Missbrauchs verdächtigte Geistliche zu schützen und deren Taten zu vertuschen. Einer der brisantesten Fälle ist der Skandal um den Priester Fernando Karadima Farina (84), der von den 1950er-Jahren an bis 2006 in der Hauptstadt Santiago de Chile in der Jugendarbeit tätig war.

Rom verurteilt Pfarrer

Im April 2010 wurden Anzeigen von vier Opfern gegen den ehemaligen Pfarrer publik. 2011 urteilte Rom, der sexuelle Missbrauch Minderjähriger und Erwachsener durch Karadima sei erwiesen. Der Vatikan schickte den herzkranken Geistlichen in ein Kloster. Ein weltliches Strafgericht in Santiago stellte 2011 ein Verfahren wegen Verjährung ein. Die Opfer Karadimas werfen den Kardinälen Ricardo Ezzati Andrello und Francisco Javier Errazuriz vor, von dem Missbrauch gewusst und nichts unternommen zu haben. Die Inhalte eines kürzlich veröffentlichten privaten E-Mail-Verkehrs aus der Vergangenheit könnten in eine solche Richtung gedeutet werden. Zumindest sieht das die chilenische Öffentlichkeit so. Eine Lösung der Krise ist nicht in Sicht. Aussage steht gegen Aussage.

Kirche haftet für Täter

In Kolumbien ist bereits ein Urteil gefällt worden - aus Kirchensicht ein sehr hartes. Der Vorsitzende der kolumbianischen Bischofskonferenz, Tunjas Erzbischof Luis Augusto Castro Quiroga, wetterte gegen eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs: "Das ist schlicht und einfach eine Beleidigung." Es habe Fälle von Missbrauch gegeben, aber diese seien dem individuellen Fehlverhalten einiger Geistlicher zuzuordnen und nicht der Kirche als Institution. Castro fragte provozierend: "Wie viele Lehrer haben sich an Schülern vergriffen, und noch nie wurde deshalb das Bildungsministerium oder die Regierung belangt?"

Anlass für die empörte Reaktion des Erzbischofs Castro Quiroga war ein Präzedenzurteil: Konkret ging es um einen Priester, der sich an zwei ihm anvertrauten Jungen vergangen hatte. Im November 2008 wurde der Geistliche deshalb zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Obendrein sollte er eine Entschädigung in Höhe von umgerechnet 150.000 Euro zahlen. Ein solches Vermögen aber besaß der Priester nicht. Nun stellte die kolumbianische Justiz klar, dass die Kirche für den Täter haftet. Schließlich habe dieser als Vertreter der Kirche das in ihn gesetzte Vertrauen missbraucht.

Quelle: KNA, Autor: Tobias Käufer