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Mexiko: Migranten im Visier der Kartelle

Endlich Ausruhen. Zumindest für einen Tag kann Noel Canales nun einfach durchatmen. Spät in der Nacht hat ihn die Bestie hierher gebracht. Er ist erschöpft, denn die Fahrt auf den Dächern des Güterzuges, den alle „la bestia“ nennen, ist anstrengend. Und gefährlich. Immer wieder stürzen Reisende von dem Dächern der Waggons, andere werden entführt. Der junge Mann aus Honduras weiß zu schätzen, dass Pfarrer Alejandro Solalinde in der südmexikanischen Kleinstadt Ixtepec einen Platz für Menschen wie ihn geschaffen hat: „Hier können wir uns besinnen, bekommen etwas zu essen und sammeln neue Kräfte.“

Etwa 50 Migranten sind an diesem Morgen in der Herberge, die der Padre „Brüder auf dem Weg“ genannt hat. Einige waschen ihre wenigen T-Shirts und Hosen, andere nehmen, wie Canales, an einer Messe teil. Am nächsten Abend will er wieder auf den Zug springen, um bald im US-amerikanischen Laredo anzukommen. „In meiner Heimat wartet meine Frau darauf, dass ich Geld schicke“, sagt er und zeigt das Foto seiner kleinen Tochter. In einem Jahr will er wieder bei ihr sein. Wenn alles gut geht.

Migranten während der Reise schutzlos

Wer als Migrant durch Mexiko in die USA reist, hat viele Feinde: Migrationsbeamte, Polizisten, Jugendbanden. „An keinem Ort kann man bessere Geschäfte mit der Ausbeutung der Wanderarbeiter machen“, erklärt Solalinde. Mit eigenen Augen hat er gesehen, wie Beamte und Kriminelle zusammenarbeiten, um die Reisenden zu erpressen. Seit sechs Jahre betreibt er die Unterkunft, unterstützt wird er auch vom Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat. Nicht, dass vorher alles ruhig gewesen sei, sagt er, aber seit das Kartell der Zetas mit den Entführungen begonnen hat, habe sich die Lage noch verschärft. Erst am 7. Februar fand das Militär 73 verschleppte Auswanderer in einem klandestinen Gebäude der Zetas, und allein zwischen April und September letzten Jahres registrierte die Staatliche Menschenrechtskommission 11.300 entführte Migranten.

Einer von ihnen ist Franzisco Martínez. Der 25-Jährige kam wieder frei, nachdem seine Mutter 5.000 US-Dollar Lösegeld gezahlt hatte. Doch wer wie einige seiner Mitreisenden keine Angehörigen hat, die Geld schicken können, bekommt die ungezügelte Gewalt der Kriminellen zu spüren. „Einige von uns verschwanden“, erinnert sich Martínez. „Es kann sein, dass sie dich in Stücke schneiden und diese in den Fluss werfen.“

Wer sich gegen die Missstände einsetzt, lebt gefährlich

Als die Zetas letztes Jahr in der Region vier Migranten entführten, erstattete der Padre Anzeige gegen das Kartell. Ob er keine Angst hatte? Nein, er setze auf die Vernunft der Kriminellen. Die Hintermänner säßen in der Politik. Würde er ermordet, bekämen sie große Probleme. „Der politische Preis wäre sehr hoch.“ Dennoch wird der Pfarrer immer wieder von Politikern und Kriminellen angegriffen. In den letzten Dezembertagen setzten ihn bewaffnete Männer fünf Stunden fest, weil er sich für eine indigene Gemeinde stark gemacht hatte.

Sicherheitshalber hat Padre Solalinde doch vorgesorgt. Vier bewaffnete Leibwächter schützen ihn und die Herberge in Ixtepec. Verlässt der Priester das eingezäunte Gelände, folgen sie ihm auf Schritt und Tritt. So auch an diesem Abend. Gerade ist der Zug im Bahnhof eingefahren. Der Pfarrer und sein Team machen sich auf den Weg, um die ankommenden Migrantinnen und Migranten aus Zentralamerika zu empfangen. Auch der Honduraner Canales ist aufgebrochen, er will weiterreisen. „Ich bin nun physisch gut auf die Reise vorbereitet,“ sagt er und lacht, bevor er im Dunkel der Nacht verschwindet. Denn auf den Gleisen steht die Bestie zur Weiterfahrt gen Norden bereit.

Autor: Wolf-Dieter Vogel

 

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Filmbeitrag über "La Bestia" - Den Todeszug (Youtube)