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Mexiko hat den Guacamole-Blues

 

An den Taco-Ständen in Mexiko-Stadt wird immer häufiger "falsche" Guacamole ohne Avocados serviert. Gründe dafür gibt es viele: Die gigantische Nachfrage, schlechte Ernten, die Amerikaner und Mexikos Drogenkartelle.

Guacamole auf Kartoffeln (picture-alliance/AP Photo/M. Mead)

Nicht nur in Mexiko, auch im Nachbarland USA wird Guacamole immer beliebter. Am Tag des Super Bowls, dem jährlichen Endspiel der American Football-Meisterschaft, verschlingen die US-Amerikaner den leckeren Dip auf der Basis mexikanischer Avocados sogar in rekordverdächtigen Mengen. Allein für das diesjährige Spektakel in diesem Februar waren 120.000 Tonnen der grünen Frucht in den Norden exportiert worden, rechnet die Vereinigung der Avocadoproduzenten und -exporeure APEAM vor. Zwanzig Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 2014 hat sich die Menge sogar vervierfacht.

In Mexiko dagegen sorgt der Avocado-Hunger der US-Amerikaner dafür, dass immer mehr Taco-Stände dazu übergehen, ihre mit gebratenem Fleisch gefüllten Mais- oder Weizentortillas mit "falscher" Guacamole zu servieren. Die wird zwar auch mit Tomaten, Chiliöl, Salz, Knoblauch und Koriander zubereitet; die Avocados aber werden durch Zucchini ersetzt. Dadurch behält der Dip zwar sein typisch grünes Aussehen, aber: "Das tut wirklich weh", befindet das Internetportal Chilango, auch wenn die Creme in Konsistenz und Geschmack "echter" Guacamole ähnele. Rezepte, wie das nun von der Foodbloggerin Alejandra de Nava veröffentlichte, zirkulieren bereits seit Jahren.

Doch die Aufregung darum erklärt sich aus einem besonderen Umstand: Avocados für Guacamole zu verwenden ist heutzutage in Mexiko fast schon ein Luxus. Das liegt an dem starken Preisanstieg der grünen Frucht.

Schlechte Ernte versus gestiegene Nachfrage plus Spekulanten

Schuld daran seien zurückgegangene Ernteerträge und die gestiegene Nachfrage aus den USA, so Avocadoproduzent Pedro Bucio Bucio gegenüber dem Regionalblatt Diario de Coahuila. Angebot und Nachfrage bestimmten den Preis. "Es gibt wenig Avocado hier in Mexiko und die Knappheit hat den Preisanstieg verursacht", erklärt er. Ende Juni kostete ein Kilo Avocados bis zu 100 Pesos (mehr als fünf US-Dollar).

Landwirtschaftsminister Víctor Villalobos macht dagegen Spekulanten für die gestiegenen Preise verantwortlich. Die Zahlen allerdings widersprechen ihm. So ging die Produktion in den ersten fünf Monaten dieses Jahres im Vergleich zum selben Vorjahreszeitraum um 1,2 Prozent zurück - in absoluten Zahlen um mehr als 10.000 Tonnen. Gleichzeitig legten die Exporte um 7,6 Prozent zu. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Ausfuhren sogar vervierfacht. Ein Großteil dieser Nachfrage kommt aus den USA, wo der Avocado-Konsum um 15 Prozent pro Jahr steigt - in Form von Brotaufstrichen, Salaten oder Smoothies. Avocados gelten als eine Art "Superfood": Sie sind reich an ungesättigten Fettsäuren, Kalium und Vitamin E, helfen den Cholesterinspiegel zu senken, das Immunsystem zu stärken und machen trotz vieler Kalorien nicht dick.

Ironischerweise wurden mexikanische Avocados bis 1997 aus Angst vor Schädlingsbefall vom US-Markt ferngehalten. Heute gehen vier Fünftel der Avocados aus Mexiko dorthin. Allein im vergangenen Jahr wurden Avocados für mehr als 2,5 Milliarden Dollar in die USA verkauft. Das ist mehr als der Export von Öl einbrachte. Deutschland dagegen importiert seine Avocados vor allem aus Peru, Chile, Spanien und Israel (siehe Infografik).

Die Drogenmafia mischt auch mit

Selbst die mexikanischen Drogenkartelle mischen mittlerweile im Avocadogeschäft mit. Im Bundesstaat Michoacán, Zentrum für die Herstellung synthetischer Drogen, und wegen der geografischen und klimatischen Voraussetzungen zugleich ein "Paradies" für den Avocado-Anbau müssen die Bauern Schutzgelder bzw. für "Landnutzungsrechte" für den Anbau des "grünen Goldes" zahlen. Zudem werden immer wieder Avocado-Transporte überfallen, so dass die Avocadoproduzenten dazu übergegangen sind, eigene Sicherheitsdienste und sogenannte auto-defensas, private paramilitärische Polizeikräfte, aufzustellen. Um Anbaufläche zu schaffen, haben illegale Abholzungen zugenommen. Auch brauchen Avocados Unmengen an Wasser. Das aber ist ein knappes Gut. Der Klimawandel verstärkt dieses Problem zusätzlich.

Ganz neu ist die Preisproblematik nicht. Bereits vor zwei Jahren hatten schlechte Ernten und die große internationale Nachfrage - neben den klassischen Abnehmern USA, Kanada und EU stieg auch in Japan und China der Avocadokonsum - zu einem drastischen Preisanstieg geführt. Damals dachte Mexiko sogar darüber nach, Avocados zu importieren. Denn das Land ist nicht nur der weltweit größte Exporteur von Avocados, sondern hat auch den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch. Mehr als sieben Kilo Avocado verzehrt der durchschnittliche Mexikaner pro Jahr.

Als Ende Mai US-Präsident Donald Trump mit Strafzöllen auf alle mexikanischen Einfuhren drohte, sollte Mexiko nicht härter gegen Migranten vorgehen, warnte die mexikanische Seite vor höheren Importkosten für Avocados und malte einen Super Bowl ohne Guacamole an die Wand. Die Strafzölle wurden in letzter Minute abgewendet und heute müssen viele Mexikaner - Ironie der Geschichte - wegen der ungebrochenen Nachfrage aus den USA selbst mit einem Guacamole-Abklatsch auf ihren Tacos vorlieb nehmen.

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