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Mexiko: „Das sind zwei Momente einer Identität“

Padre Eleazar aus Mexiko im Gespräch. Foto: Adveniat /2011
Padre Eleazar aus Mexiko im Gespräch. Foto: Adveniat /2011

In Lateinamerika hat sie unter kirchlichen Mitarbeitern im Umkreis indigener Kulturen ein breites Echo gefunden die „Teología India“. Aus der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung entstanden, wird sie von der Glaubenskongregation misstrauisch beobachtet.
Bei Adveniat zu Gast war mit Eleazar López Hernández einer der herausragenden Vertreter dieser Theologie. Der katholische Priester gehört dem Volk der Zapoteken an und ist Vorsitzender der mexikanischen Indianermissionszentrale (CENAMI).

Padre Eleazar, welches Ziel verfolgt CENAMI bei der Inkulturation der indigenen Kultur in die christliche Tradition?

Wegen der Integration kommt es häufig zu einer doppelten Zugehörigkeit: Wir sind Indigene in unserer Gemeinschaft und wir sind Christen in unserer Kirche. Im besten Fall führt die Integration zu einer Synthese. Dann kommen das Christliche und das Indigene zusammen und vereinigen sich. Das wird ganz besonders deutlich an der Mutter Gottes von Guadalupe, der Kontinentalheiligen. Sie gehört einerseits der christlichen Tradition der Mutter Jesu an und symbolisiert andererseits - nach indigenem Verständnis - das weibliche Gesicht Gottes. Und genau das ist es, was wir in der „Teología India“ heute versuchen: Interreligiöse, interkulturelle Dialoge zu führen, um letztlich eine Synthese zu schaffen, die sowohl von den Indigenen, als auch von Christinnen und Christen angenommen wird.

Worin sehen Sie die Bereicherung indigener Elemente für den traditionellen katholischen Glauben?

Ein wichtiger Punkt könnte die Gemeinschaft sein. Wir Indigene sehen uns nicht als Individuen, wir sind ein Volk. Die indigene Theologie entwickelt sich wesentlich von der Gemeinschaft her und wird von dort heraus gelebt. Wir als Theologinnen und Theologen der „Teología India“ sind wie Hebammen. Wir sind nicht die Eltern, aber wir helfen, diese Theologie hinaus in die Welt zu tragen.

Wie kann indigene Pastoral dazu beitragen, die Diskriminierung von Indigenen einzudämmen und die Wahrung ihrer Kulturen und Werte zu unterstützen?

Zum einen entwickelt die Pastoral innerhalb der Gesellschaft ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeit, die die Nachfahren der Ureinwohner des Landes erfahren haben. Zum anderen arbeitet die Kirche daran, das Selbstvertrauen der indigenen Bevölkerung zu stärken. Denn unser Ziel ist es, nicht nur die Diskriminierung einzudämmen, sondern den Indigenen zu ermöglichen, ihre Rechte und Werte in der Gesellschaft selbst geltend zu machen. Und dafür bedarf es Selbstvertrauen.

Was hat Sie zum christlichen Glauben geführt?

Die zapotekische Gemeinschaft, in der ich geboren und getauft bin, war durch Zuwanderer aus dem Zentrum Mexikos bereits stark vom Christentum geprägt. Schon als kleiner Junge war der christliche Glaube in meinem Leben präsent. Je älter ich wurde, desto mehr wuchs der Wunsch in mir, mich zum katholischen Priester ausbilden zu lassen.

Welche Erfahrungen haben Sie im Priesterseminar gemacht?

Die Ausbildung passte in vielen Dingen nicht mit meiner Kultur zusammen. Meine Kollegen haben sich oft über mich lustig gemacht, weil ich nicht gut Spanisch sprach. Genau aus dem Grund nahm ich mir vor, alle Anstrengungen aufzubringen, um diese Hindernisse zu bewältigen. Ich lernte sehr gut Spanisch und arbeitete mich intensiv in alle Sachgebiete ein. Am Ende meines Studiums bekam ich von den Professoren die höchste Auszeichnung, das summa cum laude.

Inwiefern hat Sie das Studium von Ihrer ursprünglichen Kultur entfernt?

Nach dem Studium wusste ich viel über den Westen und die westliche Theologie und fast gar nichts über meine eigene Kultur. Ich fragte mich, was von mir als Indigener nach der Ausbildung im Priesterseminar geblieben war. Dort hatte man mir beigebracht, dass mir die Kultur meines Volkes nichts nützt, dass ich sie aufgeben müsste, um katholischer Priester zu sein. Ich fragte mich: Ist das wirklich die einzige Möglichkeit? Muss ich mich von meiner Kultur abwenden, um ganz in der Kirche zu sein? Oder anders gefragt: Muss ich mich von der Kirche abwenden, um meine Kultur und meine religiösen Traditionen beizubehalten? Das stürzte mich in eine tiefe Krise.

Wie haben Sie den Weg zurückgefunden?

Gott öffnete mir die Augen für die Erneuerung der Kirche. Vorangetrieben durch das Zweite Vatikanische Konzil ergaben sich in der lateinamerikanischen Kirche neue Möglichkeiten. Es entwickelte sich die Indígena-Pastoral. Sie begann in den südlichen Diözesen in Mexiko und erhielt Rückhalt vom Missionszentrum CENAMI. So fand ich mit Gottes Hilfe einen Weg, um mich mit meinem Herzen zu versöhnen und das zu vereinbaren, was mir viel bedeutet: Die Liebe zum Christentum und die Liebe zum kulturellen und spirituellen Erbe meines Volkes. Gott brachte mich mit anderen indigenen Geschwistern zusammen, die ebenfalls beabsichtigten, die doppelte Treue aufrecht zu erhalten - zur Kirche wie zu ihren indigenen Wurzeln.

Diese Erfahrungen brachten mich dazu, nicht nur in Mexiko, sondern in ganz Lateinamerika aktiv an der „Teologia India“ mitzuwirken. Sie macht einen katholischen Glauben möglich, für den menschliche, kulturelle und spirituelle Vielfalt kein Hindernis ist. Sie hilft uns, uns wie Geschwister zu fühlen. Wir kämpfen für die christlichen Ideale und für die, von denen unsere Vorfahren träumten.

Interview: Mareille Landau

Adveniat setzt sich in Projekten, Gremien, in Bildungs- und Aufklärungsarbeit in Lateinamerika und in Deutschland für den Schutz und die Selbstständigkeit indigener Völker ein. Mehr Informationen finden Sie auf der Seite zum Internationalen Tag der indigenen Völker.