Bolivien |

"€žMesser im Amazonas"€?

Wegen geplanter Großprojekte im tropischen Amazonasregenwald gerät Boliviens Linksregierung zunehmend unter Druck. Für wachsenden Unmut sorgte zuletzt der umstrittene Bau einer Überlandstraße vom zentralbolivianischen Villa Tunari nach San Ignacio de Mojos im Osten des Landes. Am Donnerstag vergangener Woche erteilte die neue Umweltministerin Cynthia Silva Maturana die Baugenehmigung. Maturana ist vom Fach. Die Biologin war Chefin der staatlichen Straßenbauagentur ABC und ist Expertin für Naturschutzgebiete. Die Trasse werde umweltschonend und sozial verträglich konstruiert, versicherte sie auf einer Presseerklärung. Doch sehen das nicht alle so. Nur wenige Tage zuvor waren ihr Vorgänger Juan Pablo Ramos und sein enger Vertrauter Luis Beltrán zurückgetreten. Die jetzt genehmigte Baulizenz hatten sie »aus Gewissensgründen« verweigert.

Denn das »Messer im Amazonas«, so Umweltschützer zum Straßenprojekt, stößt mitten durch das »Indigene Gebiet Nationalpark Isiboro Sécure« (TIPNIS), gelegen im Herzen eines der artenreichsten Zonen der andinen Tropen, dessen Berge, Täler, Flüsse und Seen sich zwischen 180 und 3000 Meter über dem Meeresspiegel ausbreiten. Hinter der 306 Kilometer langen Anbindung an Brasilien stehen knallharte wirtschaftliche Interessen. Sie soll den isolierten bolivianischen Amazonas erschließen und Zugang zum Straßensystem gen Pazifik ermöglichen. Brasilien freut sich derweil auf einen neuen Absatzmarkt und hilft gern. 80 Prozent der 418 Millionen US-Dollar Baukosten sind durch Kredite aus Brasilia finanziert und Teil der »Initiative Regionale Integration Südamerikas« (IIRSA). Straßen, Pipelines, Häfen, Eisenbahnen, Staudämme und Telefonleitungen sollen den Kontinent wirtschaftlich einen.

Grüne Erfolge auf internationalem Parkett

Dabei ist der Anspruch der regierenden »Bewegung zum Sozialismus« (MAS) in Sachen Naturschutz und alternativer Wirtschaftsentwicklung hoch. Der Kapitalismus bringe »Luxus, Bereicherungssucht und Verschwendung für einige Wenige, während Millionen in der Welt Hungers sterben. In den Händen des Kapitalismus verwandelt sich alles in Ware: das Wasser, der Boden, das menschliche Gen, die Jahrhundertkulturen, die Gerechtigkeit, die Ethik, der Tod, das Leben selbst«, klagte Boliviens Staatschef Dezember 2008 in einem offenen Brief anlässlich des UN-Klimagipfel im polnischen Posen »Konkurrenz« und »schrankenlose Profitgier« an. Die Weltwirtschaft sei dabei, den »Planeten zu zerstören«. Noch gäbe es Zeit. »Wenn die Menschheit Solidarität, Zusammenleben und Harmonie mit der Natur« wieder entdeckt, könne der »Planet gerettet werden«, so Morales.

Tatsächlich sorgt Evo auf internationalem Parkett für Furore, Bolivien präsentiert sich als Verteidiger der Mutter Erde. Beim Klimagipfel 2009 in Kopenhagen zählte das südamerikanische Land zu den schärfsten Kritikern der Industriestaaten, die entgegen aller Erwartungen keine Reduzierung des CO2-Ausstoßes vertraglich festlegten, die Abschlusserklärung blieb ohne Unterschrift. In Reaktion lud Morales April 2010 zum Alternativ-Klimagipfel ein, tausende Aktivisten, NGO und Basisbewegungen diskutierten in Cochabamba über Klima, Umweltschutz und alternative Entwicklung. Letzte Woche dann gelang ein Paukenschlag, die Vollversammlung der Vereinten Nationen nahm den Vorschlag der bolivianischen Delegation an, Wasser als Menschenrecht festzuschreiben.

Megastaudamm im eigenen Land

Daheim stößt der grüne Diskurs des Staatschefs auf Unverständnis. »Der Kreuzzug von Evo Morales für die Umwelt ist eine Show«, findet TIPNIS-Vorsitzender Adolfo Moya. Das Reservat für die bedrohten Völker der Yurakaré, Moxeño, Moja und Chimanes 20 Jahre hatten die Indigenen für das Rückzugsgebiet gekämpft. 2009 wurde den 64 Gemeinden der Rechtsstatus als »Kommunitäres Herkunftsterritorium« (TCO) gewährt. Doch IIRSA und geplante ölexplorationen ausländischer Energiemultis wie Petrobras und BP bedrohen Umwelt und Mensch.

Auch andere Infrastrukturvorhaben sind Umweltschützern ein Dorn im Auge. Am Río Madeira, ein Zufluss des Amazonas 160 Kilometer von Boliviens Grenze, werden für 13 Milliarden US-Dollar zwei Megastaudämme zur Stromgewinnung gebaut. In Zukunft produzieren sie drei Mal soviel wie der Hoover-Damm in den USA. Hatte Boliviens Regierung wegen der Umweltschäden auf eigenem Gebiet anfangs protestiert, so ist es heute still geworden. Ein politischer Deal, die IIRSA-Initiative zahlt Bolivien einen eigenen Staudamm in Cachuela Esperanza am Río Beni. Doch müssen die indigenen Völker bei Großprojekten konsultiert werden, laut neuer Verfassung bedarf es der Zustimmung des Senats in La Paz. »Wir wissen, dass wir Entwicklung brauchen«, so Moya. Aber nicht auf dem Rücken indigener Gemeinden und der Umwelt.

Autor: Benjamin Beutler