Peru |

Menschenrechtlerin Santisteban ist eine radikale Denkerin

Sie ist studierte Juristin, glaubt aber nicht, dass man mit Gesetzen wirklich etwas ändern kann. Im Februar hat Rocio Silva-Santisteban die Geschäftsführung des peruanischen Menschenrechtsverbandes übernommen.

"Langfristige Änderungen müssen im Kopf geschehen und das braucht Jahre", sagt Rocio Silva-Santisteban und streicht sich die glänzenden schwarzen Haare aus dem Gesicht. Die 48-jährige Journalistin, Dichterin und Universitätsprofessorin ist seit einem Monat Geschäftsführerin der "Coordinadora Nacional de Derechos Humanos", dem peruanischen Dachverband von über 80 landesweiten Menschenrechtsorganisationen.

Seitdem ist sie unterwegs: Vom peruanischen Amazonasgebiet, wo sich Gruppen für Umweltrechte einsetzen, bis hin zu einem Dorf auf 4.000 Metern Höhe, das für den Erhalt seiner ohnehin spärlichen Wasserressourcen kämpft. Das Treffen mit so vielen engagierten Menschen gebe ihr Kraft für diese Arbeit. Silva-Santisteban redet sich in Fahrt: Peru sei zwar wirtschaftlich auf Wachstumskurs, die Verteilung des Reichtums aber "immer noch so ungerecht".

Unterschiedliche Vorraussetzungen für Frauen

Ein Missstand, der sich der Menschenrechtlerin zufolge auch bei der Chancengerechtigkeit für Frauen zeigt. "Wir haben einerseits hoch ausgebildete Frauen in guten Positionen und andererseits Frauen auf dem Land, die nicht schreiben und lesen können", beschreibt Silva-Santisteban die Kluft, die sich innerhalb der peruanischen Gesellschaft auftut. Sich für diese Frauen einzusetzen, ist eine der Aufgaben ihres Verbands.

Rocio Silva-Santisteban hat keine Angst, sich so zu zeigen, wie sie ist. Radikalität und die Lust an Grenzüberschreitung ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Mit 20 Jahren bezeichnete sie sich bereits als Feministin und veröffentlichte ihren ersten Gedichtband - mit erotischen Gedichten. Für ihre Diplomarbeit über indigene Selbstverteidigungsgruppen begab sich die junge Frau alleine in die Dörfer des nördlichen Perus - vor 20 Jahren ein Unding für ein gut behütetes Mädchen der limenischen Mittelschicht. "Mein dichterisches Schaffen hat mir damals zu einer inneren Stärke verholfen", blickt sie zurück.

Ungewöhnlicher Zugang zur Religion

Auch ihr Verhältnis zum Christentum ist von dieser Radikalität geprägt. "Maria Magdalena hat mich immer mehr angezogen als die Jungfrau Maria mit ihrer einseitigen Fixierung auf die Mutterschaft", erklärt die Mutter einer 22-jährigen Tochter. Wie Maria Magdalena Jesus die Füße mit ihren Haaren trockne, sei "schon wieder so verrückt, dass es nur radikale Liebe sein kann". Als ihr bester Freund während des Studiums verkündete, Jesuit zu werden, unterstützte sie ihn.

Mystik und Rationalität sind für die promovierte Literaturwissenschaftlerin heute der Zugang zu ihrem Glauben. Mit magischem Denken kann sie nichts anfangen, viel dagegen mit den Schriften eines Johannes von Kreuz, einer Teresa von Avila oder Sor Juana Ines de la Cruz. In wichtigen Lebenskrisen, so Silva-Santisteban, habe ihr eine Lektüre christlichen Glaubensgutes geholfen.

Und die katholische Kirche? Rocio Silva-Santisteban seufzt tief. "Wenn die Hierarchie der Kirche nur so engagiert an der Seite der Ausgeschlossenen wäre wie ihr Fußvolk." Dabei fällt ihr etwa das Engagement peruanischer Priester und Ordensleute für die Rechte von Bauerngemeinschaften gegen die Ausbeutung ihrer natürlichen Ressourcen ein. Die Kirche bedürfe einer dringenden Reform und müsse Stellung beziehen, ob sie "auf der Seite der Mächtigen oder auf Seiten der Subalternen" stehe.

Autorin: Hildegard Willer (kna)