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Mediziner setzen auf heimische Pflanzen

Wissenschaftler in Jamaika wollen aus einheimischen Pflanzen neue Arzneien gegen Krebs gewinnen. Nachdem eine Entdeckung bereits patentiert wurde, sehen Umweltschützer die Artenvielfalt in dem Karibikstaat in Gefahr.

Erst kürzlich erhielt der Wissenschaftler Lawrence Williams ein internationales Patent auf einen Bestandteil der Pflanze ´Petiveria alliacea´, der bei der Krebstherapie eingesetzt werden soll. Wenige Tage später verkündete sein Kollege Henry Lowe, dass er einen Extrakt des Kugelmooses (´Tillandsia recurvata´) bald klinisch testen werde.

Der Zoologe Williams, der für das staatliche Forschungszentrum SRC arbeitet, sagte IPS, er habe in der Pflanze einen Einweißkomplex gefunden, der gegen Melanome sowie Lungen- und Brustkrebs helfen könnte.

Pflanzen galten bisher als Parasiten

Der Biochemiker Lowe und sein Teamkollege Joseph Bryant wollen herausfinden, ob Kugelmoos gegen Prostatakrebs Wirkung zeigt. ´Tillandsia recurvata´ – auch bekannt unter den Namen ´Ball moss´ oder ´Old man´s beard´ – galt in Jamaika bisher als Parasit, der an Bäumen und Strommasten wuchert.

Viele Experten sind mittlerweile davon überzeugt, dass einheimische Heilpflanzen eine ebenso hohe Qualität haben wie die bekannten jamaikanischen Produkte Kaffee, Kakao, Ingwer und Pfeffer. Naturschützer warnen jedoch davor, dass die Biodiversität ohne angemessenen Schutz von reicheren Ländern ausgebeutet und zerstört werden wird.

"Es gibt keinen Schutz für Pflanzen. Wir haben keine ´Rote Liste´", kritisierte der Biologe Andreas Oberli, der sich im Gespräch mit IPS auf die Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) bezog.

Unzureichende Schutzmaßnahmen

In der Tat sehen weder die jamaikanische Umweltschutzbehörde noch die geltenden Naturschutzgesetze besondere Schutzmaßnahmen für Pflanzen vor. Berücksichtigt werden lediglich die Spezies, die bereits in der Vergangenheit von der IUCN aufgelistet wurden. Die Flora auf Privatgrundstücken bleibt dabei gänzlich ungeschützt.

Laut Oberli hat diese Situation dazu geführt, dass "viele biologische Schätze der Insel" vor allem bei der Erschließung der Küstenregionen vernichtet werden. Ursprüngliche Wälder und Höhlen müssten Hotelbauten weichen. Auch im Hinterland würden viele Bäume von Bauern gefällt.

Artenvielfalt noch nicht vollständig dokumentiert

Dank seiner großen Biodiversität ist Jamaika das Land mit der weltweit fünftgrößten Zahl endemischer Arten. Nach Angaben der staatlichen Umweltagentur NEPA sind 923 Pflanzenarten nur auf der Insel zu finden. Gemäß dem internationalen Artenschutzübereinkommen CITES gibt NEPA nur Forschungsteams mit jamaikanischer Beteiligung eine Arbeitserlaubnis, wie der Zoologe Karl Aiken hervorhob.

Von den insgesamt mehr als 3.300 Spezies sind allerdings erst rund 200 katalogisiert worden. Wissenschaftler in dem Land räumen ein, dass das gesamte Ausmaß der Biodiversität noch weitgehend unbekannt ist. Oberli befürchtet, dass viele Arten ausgerottet werden, bevor sie erfasst worden sind. Die von der Regierung geschaffenen Naturparks existieren seiner Ansicht nach nur auf dem Papier. Der Biologe nannte als Beispiel die geschützte Halbinsel Palisadoes, auf der zurzeit eine Autobahn gebaut wird. Dadurch droht das Habitat einer endemischen Kaktusart zerstört zu werden.

Die Erforschung von Pflanzen begann auf der Insel bereits vor 129 Jahren. Erst seit der Gründung der University of the West Indies (UWI) 1948 werden jedoch systematische Untersuchungen zu Naturprodukten durchgeführt. Seitdem sind hunderte Pflanzen erforscht und getestet worden.

Cannabis-Präparate gegen Glaukome, Asthma und Seekrankheit

1987 entwickelten der Pharmakologe Manley West und der Augenarzt Alfred Lockhart das auf Cannabis basierende Präparat ´Canasol´, das bei der Behandlung von Glaukomen verwendet wird. Die ebenfalls von den beiden Forschern erfundenen Arzneien ´Asmasol´ und ´Canavert´ kommen jeweils bei Bronchialasthma und bei Seekrankheit zum Einsatz. Vor zwei Jahren entwickelten sie ein weiteres Präparat gegen Glaukome, ´Centimal´.

Die Zusammenarbeit verschiedener jamaikanischer Universitäten und des Instituts für BioTech-Forschung führten zu weiteren erfolgreichen Untersuchungen. An der Northern Caribbean University (NCU) ist die Wirkung von Sauerampfer (´sorrel´) gegen Krebs erkundet worden. Wissenschaftler rechnen damit, dass die Erkenntnisse zu einem Durchbruch in Lungen- und Leberkrebsforschung führen kann.

Autor: Zadie Neufville (IPS)