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Maya-Imkerin: "Es tut weh, diese Zerstörung zu sehen"

In einigen Ländern Lateinamerikas boomt der Soja-Anbau - in Mexiko oder wie hier in Brasilien. Foto: Adveniat/Jürgen Escher
In einigen Ländern Lateinamerikas boomt der Soja-Anbau - in Mexiko oder wie hier in Brasilien. Foto: Adveniat/Jürgen Escher

Inzwischen gibt es in Ihrer Region ein Anbauverbot von genmanipuliertem Soja. Ist das nicht ein Erfolg?

Offiziell ist der kommerzielle Anbau von Gensoja in Campeche suspendiert. Es läuft der Befragungsprozess der betroffenen Maya-Gemeinden. Doch Proben, die sowohl wir als auch Behörden durchgeführt haben, belegen den illegalen Anbau. Wenn wir die Stichproben hochrechnen, dann handelt es sich bei mehr als der Hälfte des angebauten Soja in meinem Landkreis Hopelchén um Gensoja, trotz des geltenden Anbauverbotes. Dies wird nicht verfolgt, die Behörden spielen das herunter.

Wir fragen uns zudem, wie das Saatgut in die Hände der Bauern gelangt. Es gibt keine effektiven staatlichen Kontrollen, die den Weg von der Herstellung des transgenen Saatgutes bis auf das Feld kontrollieren. Monsanto streitet ab, das Saatgut weiter an die Bauern zu liefern. Im Befragungsprozess nehmen die Regierungsstellen offen eine Position pro Gentechnik ein. Sie versuchen ein ums andere Mal, die Maya-Gemeinden zu spalten. Der Richter am Distriktgericht Campeche, der das erste für uns günstige Urteil sprach und uns in Anhörungen Aufmerksamkeit schenkte, wurde von der Justizbehörde versetzt.

Sie thematisieren immer wieder auch die Entwaldung in Ihrer Region. Was hat das mit dem Anbau von Gensoja zu tun?


Sowohl Gensoja als auch konventionelle Soja werden als großflächige Monokulturen angebaut. Angesichts dieses Flächenbedarfs steht der Maya-Urwald im Weg. Die Halbinsel Yucatán hat landesweit die höchste Entwaldungsrate, in Campeche sind zehntausende Hektar Wald verschwunden.

Das ist ebenso illegal wie die Gensoja, wird aber ebensowenig verfolgt. Unsere Klagen vor verschiedenen Regierungsinstitutionen verlaufen im Sande. Das Fällen der Bäume erfolgt oft nachts. So werden beispielsweise enorme Eisenketten zwischen zwei schwere Landmaschinen gespannt und der Wald wird praktisch niedergemäht. Es tut weh, diese Zerstörung zu sehen.

Landwirtschaftliche Nutzung bedeutet immer auch Bewässerung. Ein weiterer Konfliktpunkt?

Ja, in mehrfacher Hinsicht. Teile der Wälder waren früher in der Regenzeit überflutet, das ist dem großflächigen Anbau von Gensoja nicht dienlich. Die Sojabauer legten Deiche, Kanalsysteme und sogenannte bis zu 80 Meter tiefe Schluckbrunnen an. Aus diesen wird kein Wasser gefördert, sondern das Wasser wird in diese Brunnen abgeleitet. So wurden ganze Areale trockengelegt. Kilometerlange Lagunen verschwanden vollständig. Wo früher Wald und Grünflächen waren, finden wir heute Ödland.

Auf der gesamten Halbinsel Yucatan gibt es so gut wie keine oberirdischen Flüsse, sondern Lagunen und natürliche Brunnen, die Cenotes. Das Wasser sickert durch den Karstboden, die Halbinsel ist durch ein unterirdisches Fluss- und Brunnensystem verbunden.

Die intensive Verwendung von Glyphosat bei der glyphosatresistenten Gensoja und generell der Pestizide im konventionellen Anbau hat das Grundwasser auf der gesamten Halbinsel verseucht, wie verschiedene Untersuchungen gezeigt haben. Durch die Schluckbrunnen schreitet dieser Prozess noch viel schneller voran. Von den Feldern gelangen die Gifte direkt ins Grundwasser.

Im Übrigen sind die Pestizde auch in Trinkwasser nachgewiesen worden, das in Flaschen verfüllt war. Glyphosat wurde sowohl im Blut der Menschen, die auf dem Feld arbeiten, wie auch bei denen, die Hausarbeit verrichten, gefunden. Das heißt, wir sind alle dem Gift ausgesetzt.

Die Imkerei ist für viele Maya-Familien eine wichtige Einkommensquelle, Sie selbst arbeiten mit Wildbienen. Welche Gefahren sehen Sie für sich und Ihre Arbeit?

Den Wildbienen fehlen die Waldblüten. Insgesamt geht durch Abholzung, Besprühungen und die Monokulturen biologische Vielfalt verloren. Das Glyphosat tötet die Bienen im Gegensatz zu anderen Pestiziden nicht, aber es schwächt sie. Wir hatten zuletzt ein großes Bienensterben und wir sehen da einen Zusammenhang.

Zudem produzieren wir hochwertigen Bio-Honig, der fast ausschließlich nach Europa und vor allem nach Deutschland exportiert wird. Jede Kontaminierung mit Genpollen kann unseren Absatz zusammenbrechen lassen. Wir Maya wollen auf unserem Territorium leben, wir können unsere Bienenstöcke nicht einfach woanders hinstellen. Darum ist es für uns so wichtig, dass sich der Anbau der Gensoja nicht durchsetzt. Ich kann meinen Bienen nicht verbieten, auf ein Feld mit Gensoja zu fliegen, wenn sie woanders keine Blüten finden.

Eine Koexistenz von Bio-Imkerei und Gensoja ist nicht möglich. Die Regierung macht den Vorschlag, wir sollten doch in die USA exportieren, wo die Anforderungen an die Honigqualität nicht so hoch sind. Für uns ist die nachhaltige Imkerei aber nicht nur Einkommensquelle, sondern Teil unserer Lebensphilosophie.

Erwarten Sie mehr Hilfe von der Regierung?


Da ist wenig zu erwarten. Die Regierung will nicht verstehen, dass sie den Leuten die Dinge richtig erklären muss. Sie meinen: ein Treffen und das reicht dann. Die Regierung hat ihr Entwicklungsmodell, das auf die agroindustrielle Entwicklung ausgerichtet ist. Das ist nicht unsere Version. Wir Maya haben viel Wissen, das ist nicht verloren.

Ein Beispiel sind Vorschläge für die Wiederaufforstung mit einheimischen, widerstandsfähigen Baumarten. Da gibt es viel Wissen über den Boden, die Keimlinge. Das müssen wir nutzen. Wir wollen unsere zerstörte Natur wieder herstellen. Die Regierung denkt immer nur in Geldbeträgen und Geldforderungen. Sie setzt auch auf unsere Ermüdung. Im kommenden Jahr sind Wahlen. Wir achten darauf, dass keine Kandidaten auf unsere Sache aufspringen. Es geht um Überzeugungen, nicht um einzelne politische Parteien. Wir vermischen das nicht.

Wenn vom mexikanischen Staat keine Unterstützung zu erwarten ist - was ist dann Ihr Ansatzpunkt?

Wir müssen selbst Verantwortung übernehmen, Druck aufbauen. So hat der Konflikt um die Gensoja dafür gesorgt, dass wir über unsere Rolle als Maya, über unserer Territorium reflektiert haben. Es gibt neue Komitees in vielen Gemeinden, wir stimmen uns ab. Da ist etwas in Gang gekommen, das über das Thema Gensoja hinausgeht. Gleichzeitig suchen wir nach Allianzen, beispielsweise mit dem UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte. Mit einzelnen Forschern und Universitäten. Oder auch mit den Honigaufkäufern. Ursprünglich waren die sehr herablassend, jetzt kommt auch von ihnen Unterstützung.

Wir arbeiten seit Jahren mit jungen Leuten. Wir sind in die Schulen gegangen. Ich zum Beispiel habe ihnen gesagt: „Dass ihr hier sitzt, ist das Verdienst eurer Eltern und Großeltern. Was werdet ihr für sie tun?“ Gerade in Hopelchén gibt es eine Reihe junger Leute, die sogar eine Universitätsausbildung absolviert haben und in die Gemeinden zurückgehen, helfen.

Quelle: poonal. Das Interview führte Gerold Schmidt.
Foto: Adveniat/Jürgen Escher