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Marina Silva erzwingt "grünen Lula"

Brasiliens Präsident Luiz Inacio Lula da Silva zeigte sich bei seiner improvisierten Pressekonferenz vor gut zwei Wochen in Rom kämpferisch. "Was meinen Sie wieso wir die Initiative ergriffen und konkrete Zahlen auf den Tisch gelegt haben?" fragte er die nach Italien mitgereisten brasilianischen Journalisten. "Damit wir diejenigen in die Pflicht nehmen können die meinen Brasilien stets eine Lektion erteilen zu dürfen."

Gemeint waren anscheinend die USA und China, die zu diesem Zeitpunkt noch keine konkreten Zahlen zu ihren CO2-Reduktionen vorgelegt hatten. Lula hingegen hatte wenige Tage zuvor einen Plan zur Reduzierung von Brasiliens Treibhausgasemissionen auf den Tisch gelegt. Um gut 40% werde man 2020 unter den eigentlich zu erwartenden Emissionen liegen und zudem die Abholzungszahlen des Amazonasurwaldes um 80% nach unten drücken.

Ganz offen genoss Lula seine neue Rolle als neue Hoffnungsfigur für die Rettung des weltweiten Klimas. Und in dieser Rolle wird er auch bei der Klimakonferenz in Kopenhagen auftreten. Zwar kannte man ihn bisher bereits als Fürsprecher der armen Entwicklungsländer der südlichen Hemisphäre und Mahner einer gerechteren Welthandelspolitik. Doch niemals als grünen Politiker.

In Brasilien stand er in seinen nun fast sieben Amtsjahren bei Umweltschützern stets am Pranger. Wirtschaftswachstum um jeden Preis, massive Förderung der expansiven Landwirtschaft selbst in bedrohten Biomen wie dem Amazonasregenwald und der Cerrado-Savanne,
rücksichtsloser Ausbau der Infrastruktur im Dienste der Exportpolitik und umstrittene Staudammprojekte für die energiehungrige Industrie.

Erschöpft von den endlosen regierungsinternen Kämpfen gegen ihre wirtschaftfreundlichen Kabinettskollegen warf Lulas Umweltministerin Marina Silva, von vielen als "Lulas grünes Feigenblatt" bemitleidet, Anfang 2008 das Handtuch und kehrte der Regierung den Rücken. Zuvor hatte Lula den wirtschaftsliberalen Harvardprofessor Mangabeira Unger ein Papier zur langfristigen Entwicklung der Amazonasregion ausarbeiten lassen. Amazonien sei ja schließlich kein Heiligtum das unberührt bleiben darf, kommentierte Lula damals. Die Menschen dort hätten genauso das Recht an den Segnungen des modernen Lebens teilzunehmen wie alle anderen Menschen des Planeten auch, so der Präsident. Nun sollen neue Straßen in den Urwald geschlagen werden und riesige Staudämme Strom für Millionen produzieren.

Vielleicht hatte Marina Silva aber auch erkannt dass sie außerhalb der Regierung mehr ausrichten kann. Mitte des Jahres schockte sie ihre Partei, Lulas regierende PT (Partido dos Trabalhadores - Arbeiterpartei) mit ihrem Austritt und dem Wechsel zu den Grünen (PV - Partido Verde). Im August kündigte sie zudem an bei den Präsidentschaftswahlen im Oktober 2010 für die Oppositionspartei ins Rennen gehen zu wollen.

Ein spürbarer Ruck durchlief Brasilien. Gilt Marina Silva in Brasilien doch als die letzte aufrechte und authentische Politikerin, eine nahezu mythische Figur mit einer fast noch bewegenderen Lebensgeschichte als der unter ärmsten Bedingungen aufgewachsene Lula. Aufgewachsen im Urwald in einer Familie von Kautschukzapfern, als Kind von Nonnen vor dem Hepatitistod gerettet, Aktivistin
der katholischen Kirche und Mitstreiterin des 1988 ermordeten Urwaldschützers Chico Mendes - das ist Marina Silva.

Bei Lulas PT schrillten die Alarmglocken. Die eigene Kandidatin, Kanzleramtschefin und Lula-Vertraute Dilma Rousseff, von Lula zur Kandidatur genötigt, schwächelte in den Meinungsumfragen. Und grün war bei ihr höchstens mal der Hosenanzug. Bis zu 50% der klassischen PT-Wähler könnten statt Dilma Marina Silva wählen, alarmierten Meinungsumfragen.

Und auch die Presse entdeckte plötzlich den Umweltschutz als neues Wahlkampfthema. Seit Marina Silvas Antritt als Präsidentschaftskandidatin im August schafften es Umweltthemen geschlagene neunmal in die Hauptschlagzeile der beiden größten Tageszeitungen Brasiliens. In den ersten "Marina-freien" acht Monaten des Jahres war das gerade mal ein einziges Mal passiert.

So doziert Lulas Kandidatin Dilma neuerdings über CO2-Ausstoß und Erderwärmung, wenn auch noch ein wenig hölzern. Immerhin darf man Lula zugute halten dass er, mal wieder, die Zeichen der Zeit erkannt hat und ganz pragmatisch auf die Klimawelle aufgesprungen ist. Dass er damit richtig liegt zeigt die Tatsache dass wenige Tage nach seinen mahnenden Worten in Rom auch die USA und China plötzlich Pläne zu Emissionseinsparungen auf den Tisch legten. Rückblickend bleibt es aber offen ob Lula mit jenen Worten nicht doch eher Marina Silva gemeint hatte.

Autor: Thomas Milz