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Mann in der Hängematte, Frau am Herd?

Vom 8. bis zum gestrigen 18. März veranstalteten insgesamt rund 3.000 Frauen in Brasilien den 3. Internationalen Frauenmarsch. Unter dem Motto „Frauen in Bewegung, bis wir alle frei sind“, liefen Frauen aus ganz Brasilien 116 Kilometer von Campinas nach São Paulo, bewegt vom Anliegen der Gleichberechtigung von Männern und Frauen weltweit.

Zehn Tage lang teilten die Frauen ihr Leben. Morgens legten sie Wegstrecken von bis zu 14 km zurück und nachmittags nahmen sie an dem angebotenen Programm teil. Es gab Workshops und Diskussionen zu vier Aktionsbereichen: wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau, Verteidigung der öffentlichen Güter (gegen die Privatisierung der Natur und des öffentlichen Dienstes), Frieden und Entmilitarisierung, Gewaltfreiheit und Selbstbestimmung der Frauen.

Hannah Lepping fasste für Blickpunkt Lateinamerika wichtige Etappen des Frauenmarsches chronologisch zusammen:


8.3. Weltfrauentag

Am Montag, den 8. März startete die Aktion in Campinas mit einer Begrüßung zum Internationalen Weltfrauentag für etwa 2.000 Frauen.

9.3. Arbeitsteilung im Haushalt zwischen Mann und Frau

Am zweiten Tag gingen die Frauen von Campinas, dem Startort nach Valinhos. Hier wurden die ersten Diskussionsgruppen gebildet, die über folgende Fragen sprachen: Wie siehst du die Arbeit im Haushalt? Hat sich etwas an der Routine geändert, nachdem du an der Frauenbewegung teilnimmst? Was glaubst du, wie du dein Haus nach dem 18. März auffinden wirst?
Sônia zum Beispiel, die am Fluß São Francisco (Bahia) wohnt, beschrieb als typische Situation: “Während die Frau das Essen vorbereitet und sich um den Jungen kümmert, schläft der Ehemann in der Hängematte.“ Allerdings haben viele Frauen diese Rollenverteilung geändert, seit sie bei der Frauenbewegung dabei sind. Genoveva aus Rio Grande do Norte erzählt: „Mein Mann machte nichts im Haushalt. Aber als ich anfing, außerhalb zu arbeiten und in die Frauenbewegung eintrat, änderte sich seine Haltung.“ Und gerührt fügt sie hinzu: „Heute morgen hat er mich schon angerufen, um zu fragen, wie der Marsch ist, um Solidarität zu zeigen.“

10.3. Anti-rassistische Erziehung

Während des Marsches am dritten Tag klang das Thema des Vortages noch nach. Die Frauen liefen singend nach Vinhedo: “João, João, koche du die Bohnen. José, José, koche, was du willst. Zeca, Zeca, wasche deine Unterhose. Raimundo, Raimundo, putze diesen dreckigen Boden.“

Am Nachmittag wurden viele verschiedene Themen behandelt: die solidarische und feministische Wirtschaft; Gesundheit der Frau und beliebte Betreuungs-Methoden; Sexualität, Autonomie und Freiheit; anti-sexistische und anti-rassistische Erziehung; dunkelhäutige Frauen und anti-rassistischer Kampf; indigene Frauen; Prostitution; Frauen, Kunst und Kultur.

Ellen Oléria, Sängerin, erinnerte an die positive Entwicklung der Stellung der dunkelhäutigen Frauen in der Gesellschaft: „Die dunkelhäutigen Frauen haben es mit der Erfindung der Feijoada [brasilianisches Nationalgericht] geschafft, Reste zur populärsten Mahlzeit Brasiliens zu verarbeiten.“, und fügte hinzu: „Eine dunkelhäutige Protagonistin in der Fernseh-Serie um acht Uhr zu haben, ist etwas Positives. Und wenigstens wird ein dunkelhäutiges Mädchen ihre Mutter nicht mehr fragen, ob sie Model sein kann, weil sie weiß, dass es geht.“

11.3. Frauenarbeit und wirtschaftliche Unabhängigkeit

Der vierte Aktionstag begann mit einem Stille-Gedenken, begleitet von einem rhythmischen Trommelschlag: eine Hommage an alle getöteten Frauen und ein Signal der Unterstützung.
In Louveira wurden die Frauen nicht in verschiedene Gruppen aufgeteilt, sondern sprachen im Plenum über die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau. Die Soziologin Helena Hirata, die seit 40 Jahren in Frankreich lebt, wurde hierzu eingeladen. Sie weiß: „Die 6,8 Millionen Hausfrauen in Brasilien haben kein das Recht auf Arbeitslosen-Unterstützung,, bezahlte Überstunden oder Schadensersatz für Arbeitsunfälle.“ Nach dem Ipea, dem Institut für angewandte Wirtschaftsforschung, sind 30% der beschäftigten Arbeiterinnen in unsicheren Arbeitssituationen, während dies nur 8,5% der Männer betrifft.

12.3. Ernährungssouveränität, ökologische Gerechtigkeit und der Kampf um Territorien

Verheiratete lesbische Frauen bildeten einen Kreis und küssten sich zu dem Klang der Trommeln. So begann der fünfte Tag des Frauenmarsches. „Es ist ein politischer, direkter Akt. Er mag schockieren, aber die Idee ist, das zu zeigen, was natürlich ist. Das, was ihr hier seht, ist die Realität im Leben vieler Frauen, die unter Vorurteilen leiden.“

Der Nachmittag in Jundiaí stand unter dem Thema „Nahrungssouveränität, ökologische Gerechtigkeit und der Kampf um Territorien“. Dazu äußerten sich verschiedene Frauen aus Landarbeiter-Bewegungen. So kritisierte Emilia Lisaboa Pacheco, Vertreterin der Nationalen Vereinigung der Agrarökologie die Genmanipulation: „Die Frauen waren in der Geschichte immer für die Lebensmittelherstellung und die Bewirtschaftung der biologischen Vielfalt verantwortlich. Der Mais in Mexiko, die Kartoffel in den Anden und die heute tausenden Arten von Lebensmitteln waren nicht einmal essbar. Dieser Nahrungsreichtum ist von der genmanipulierenden Technologie und den Landbesitzern bedroht.“

Nívea Regina da Silva (aus der Leitung der MST, Bewegung der Arbeiter ohne Territorium) setzt sich für eine Agrarreform ein. Sie empfindet es als falsch, dass der Anbau vom multinationalen Agribusness kontrolliert werde. „Wir verteidigen ein Schutzmodell, welches den lokalen Konsum privilegiert und sogar gegen die klimatischen Veränderungen ankämpft. Wir müssen die Agro-ökologie als politisches Projekt bekräftigen, das beim Aufbau von gerechteren sozialen Beziehungen hilft, auch zwischen Männern und Frauen.“

13.3. Verteidigung der öffentlichen Güter

„Geh arbeiten“, „Geh spülen“: Solche Rufe mussten sich die Frauen beim Marsch von Jundiaí nach Várzea Paulista von Autofahrern anhören. Sie reagierten jedoch gelassen und antworteten: „Pass bloß auf, Macho. Bald wird ganz Lateinamerika feministisch sein.“
In der Stadt angekommen gab es nach Gesprächen über „die Verteidigung der öffentlichen Güter – gegen die Privatisierung der Natur und des öffentlichen Dienstes“ eine Buchvorstellung der spanischen Autorin Ana Isabel Álvarez Gonzáles. Sie sprach über ihr Buch „Die Entstehung und Feier des Weltfrauentags“ (“As origens e a comemoração do Dia Internacional das Mulheres”). Außerdem fand zum Tagesabschluss ein Konzert von Leci Brandão statt.

14.3. Gewalt gegen Frauen vorbeugen

Kampf gegen sexuelle Gewalttaten, Frauenhandel und Migratio - um diese Themen ging es am Sonntag in zwei kreativen Workshops. Zur Auswahl standen ein Wen-do- Kurs zur Selbstverteidigung und ein Näh- Workshop. Hier nähten die Frauen keine Kleidung für sich selbst, sondern für zwei große Puppen aus Olinda. Diese sollen im Oktober bei der Internationalen Aktion in Kongo Brasilien repräsentieren.

15.3. Mutterschaft als Option, nicht als Ziel

An diesem Nachmittag wurde das Thema „Mutterschaft als Option, nicht als Ziel“ angeregt diskutiert. Den Frauen wurde Fragen wie „Wie lebt ihr in der Mutterschaft (und/oder mit der Möglichkeit, schwanger zu werden)?“, „Was denkt ihr über Abtreibung?“ und „Welche Zugänge habt ihr zu Verhütungsmitteln?“ gestellt. In der hitzigen Diskussion („Abtreibung ist ein Verbrechen. Ich bin vollkommen dagegen.“, „Wenn die Frau vergewaltigt wurde oder in Lebensgefahr ist, ist Abtreibung in Ordnung“, „Wer Geld hat, treibt mit sicherer Methode ab, wer wenig hat, riskiert sein Leben.“) trat eine Frage besonders in den Vordergrund: Wo bleibt der Mann? Warum trägt die Frau nach einer Abtreibung die Schuld?

Izalene aus Campinas (SP) forderte: „Vor einer Schwangerschaft sollten staatliche Maßnahmen für beide Optionen (Abtreibung oder Mutterschaft) gewährleistet sein, die die Rechte der Frauen zu einem würdigen Leben garantieren.“ Tatau Godinho hob jedoch nochmals hervor, dass der Frauenmarsch nicht die Abtreibung als „Verhütungsmittel“ vorschlage, sondern sich für die Rechte der Frauen einsetze: „Wenn man über Mutterschaft redet, redet man über Sexualität. Die junge Frau hat das Recht, ihre Sexualität frei und ohne Unterdrückung zu leben.“

16.3. Frieden und Entmilitarisierung

In Perus wartete ein besonderer Gast auf die Frauen: Aleida Guevara, die Tochter von Che Guevara. Sie freute sich über die aktiven Frauen, die ihre Probleme in die Hand nehmen und Lösungen dafür suchen. Über die Geschehnisse in Kuba und im Hinblick auf weitere Entwicklungen in Brasilien sagte sie: „Wir können keine Rezepte geben oder sagen, was ihr tun müsst. Aber wir können die Realität zeigen und sagen: wenn ein kleines und armes Land wie unseres dies geschafft hat, erreicht Brasilien das auch.“

17.3. Integration der Völker und die Rolle des Staates bei der Umgestaltung der Frauenleben

In Osasco wurde am vorletzten Tag der Internationalen Frauenbewegung das Thema der Integration behandelt. Eine Vertreterin der MST (Bewegung der Landarbeiter ohne Land) fasste die Problematik zusammen: „Wir von der MST wissen genau, wie schwierig eine Integration in die Gesellschaft ist. Der Weltfrauenmarsch erfüllt ein wenig diese Rolle der Einbindung von Bewegungen.“

18.3. Abschluss der Aktion

Der 18. März war der letzte Tag der Aktion im São Paulo. Am Ziel angekommen, blickten die Frauen auf zehn erfolgreiche, produktive und intensive Tage zurück. Nalu Farias, die im Koordinationsteam des Marsches ist, zog eine Bilanz: „Die Frauen konnten den Marsch gut zu ihrer Stärkung auszunutzen. Das Projekt der Integration der lateinamerikanischen Völker gewann an Sichtbarkeit.“

Nach Abschluss dieses Marsches endet diese Bewegung allerdings noch lange nicht. 51 Länder setzen sich für die selben Ziele ein. In Süd-Kivu, Kongo, wird es im Oktober auch einen Frauenmarsch geben.

Text: Hannah Lepping