Kolumbien |

"€žMami, ich liebe dich. Unterzeichnet: Leichnam"€?

Die 17 Mütter von Soacha lernten sich durch ein grausiges, gemeinsames Schicksal kennen: Jede von ihnen hat einen Sohn verloren, der mit falschen Versprechungen von einer gut bezahlten Arbeit aus der ärmlichen Stadt Soacha im Großraum von Bogotá weggelockt worden ist. Dann wurden sie alle ermordet. Wahrscheinlich für ein „Kopfgeld“, das Soldaten der kolumbianischen Armee erhalten haben sollen, wenn sie getötete FARC-Guerilla-Kämpfer vorweisen.

Kaltblütiger, vorsätzlicher Mord mit Gewinnabsicht

„Außergerichtliche Hinrichtung“ heißt der juristische Fachbegriff. Uribe hat diese Fälle als „Falsos Positivos“, falsche Beweise, bezeichnet. Das sei irreführend und problematisch, schreibt UN-Sonderberichterstatter Philip Alston in seinem Bericht: „Damit wird ein technischer Terminus für eine Praktik verwendet, die besser als kaltblütiger, vorsätzlicher Mord an unschuldigen Zivilisten zum Zweck der eigenen Bereicherung bezeichnet werden sollte“.

In mehr als 2.000 derartigen Mordfällen ermittelt die Staatsanwaltschaft, doch die Dunkelziffer ist hoch. „Die Familien der Opfer haben Angst, diese Fälle anzuzeigen“, erklärt Nancy Sanchez von der Vereinigung für soziale Förderung MINGA bei einer Veranstaltung von Amnesty International und der Kolumbienkampagne Anfang November in Berlin. Das Kollektiv MINGA, das Opferfamilien unterstützt, spricht von 3.183 Morden im Zeitraum von 2002 bis heute. Auch Alston wird deutlich in seinem Bericht: „Meine Untersuchungen zeigen, dass die Fälle von Soacha nur die Spitze des Eisbergs sind“.

Acht Monate ohne Nachricht

Der 16-jährige Jaime Estiven Valencia Sanabria verschwindet am 6. Februar 2008. Seine Mutter, Maria Ubilerma Sanabria, sucht ihn überall – und kann ihn nicht finden. Als sie Anzeige erstatten will, wird dies abgelehnt: „Sie sagten mir: ,Er ist bestimmt nur bei Freunden, das kommt vor. Kommen Sie in 20 Tagen noch mal wieder, wenn er bis dahin nicht aufgetaucht ist´“, schildert Maria Sanabria. Aber Jaime taucht nicht auf und als die verzweifelte Mutter nach 20 Tagen noch einmal zur Polizei geht, wird ihre Anzeige wieder nicht akzeptiert.

Einmal ruft Jaime noch an und sagt, es gehe ihm gut, er habe Arbeit, er werde bald zurückkommen – mehr könne er nicht sagen – und legt auf. Dann wartet Maria Sanbria acht Monate lang und nichts passiert. Der nächste Anruf kommt von der Gerichtsmedizin. Ihr Sohn wurde gefunden. Tot. Im rund 600 Kilometer entfernten Ort Ocaña, in einem Massengrab. Doch ihr Sohn war schon Monate zuvor umgebracht worden.

Widersprüchliche offizielle Version

Ein Kämpfer der kolumbianischen Guerilla FARC sei Jaime gewesen, erklären offizielle Stellen der geschockten Mutter in Ocaña. Doch der offiziellen Version mangelt es an Logik: Die Staatsanwaltschaft stellt fest, dass zwischen dem Verschwinden und dem Tod der Männer zwischen 16 und 42 Jahren meist nur zwei oder drei Tage lagen. „18 Stunden braucht man mit dem Auto nach Ocaña“, erklärt Luz Marina Bernal, deren 26-jähriger Sohn ebenfalls umgebracht wurde. „Wie soll das gehen? Wie soll mein Sohn so schnell Guerillero geworden sein?", fragt sie eindringlich und erzählt weiter: „Mein Sohn ist geistig behindert. Er ist 26 Jahre alt, aber geistig ist er auf dem Stand eines Neunjährigen. Als ich meinen toten Sohn sah, trug er eine FARC-Uniform und hielt eine Waffe in der rechten Hand, dabei ist er Linkshänder. Er hätte die gar nicht richtig halten können.“

Drohungen an die Opferfamilien

Als Präsident Uribe im September 2008 dann behauptet, ihre Söhne seien Drogenhändler gewesen, übermannt die Wut den Schmerz und die Angst vor Verfolgung, erzählt Luz María Bernal: „Das war der Moment, wo wir Mütter gesagt haben: Jetzt reichts, wir müssen was tun.“ Sie begannen, sich zu treffen, kamen in Kontakt mit Menschenrechtsgruppen und Organisationen wie Amnesty International. Und es begannen die Drohungen: Tätliche Angriffe, Drohbriefe oder SMS, wie Maria Sanbria berichtet. „Mami, ich liebe dich.“, stand in einer SMS vom 28. Juni 2008. Unterzeichnet war sie mit: „Leichnam“.

Die beiden Mütter Maria Sanabria und Luz Marina Bernal befinden sich derzeit gemeinsam mit der Rechtsanwältin Nancy Sánchez vom Kollektiv MINGA auf einer Rundreise durch Europa, mit der sie die öffentlichkeit und die Politik über die Fälle informieren wollen. Denn Straffreiheit der Täter durch das Verschleppen von Gerichtsprozessen sowie Drohungen gegen die Opferfamilien kennzeichnen den aktuellen Stand, unterstreicht die Anwältin Nancy Sánchez. "Es wird nicht leichter werden, wenn wir nach Kolumbien zurück kommen, aber aufhören zu kämpfen, werde ich nicht“, sagt Luz Marina Bernal.

Autorin: Bettina Hoyer