Brasilien |

Lieber staatliche Hilfe statt reguläre Arbeit


Die unter der Regierung von Präsident Luiz Inacio Lula da Silva seit 2003 massiv ausgebauten Sozialprogramme für die arme Bevölkerung haben in der Landwirtschaft im Nordosten des Landes zu einem Rückgang der Vielfalt geführt. So würden viele Arbeiter darauf verzichten eine reguläre Arbeit zu suchen, um die von Staat gewährten Leistungen zu erhalten. Dies habe zu einem Arbeitskräftemangel in Sektoren geführt, die traditionell auf den massiven Einsatz von Arbeitskräften angewiesen sind, wie die Kaffeeanpflanzung. Stattdessen würden die Landwirte nun verstärkt auf die Viehhaltung setzen, die wesentlich weniger Arbeitskräfte benötigt, wie die Zeitung "Folha de S. Paulo" berichtete.

Sozialleistungen wie Bolsa Familia, ein Unterstützungsprogramm für die ärmsten Familien, wurden in den letzten Jahren massiv ausgebaut. Alleine dieses Jahr sollen noch einmal 500,000 Familien in das Programm aufgenommen werden, womit die Zahl der Familien auf 13 Millionen ansteigen würde. Im Durchschnitt erhalten diese Familien gut 100 Reais pro Monat. Wer einer regulären Arbeit nachgeht, kann die Unterstützung nicht erhalten, weshalb viele Arbeiter entweder schwarz arbeiten oder eine Anstellung ganz ablehnen. Zudem können Männer, die bei Bolsa Familia eingeschrieben sind, mit 60 Jahren in Ruhestand gehen, Frauen mit 55 Jahren. Für regulär beschäftigte Arbeiter ist der Eintritt in den Ruhestand an die Zahl der Jahre gebunden, die in die Rentenkasse eingezahlt wurde, was in vielen Fällen zu einem späteren Eintritt in den Ruhestand führt.

Zu wenig Kaffeepflücker

In den letzten drei Jahren hätten viele Besitzer von Kaffeeplantagen im Süden des Bundesstaates Bahia, einer traditionellen Kaffeeregion, aus Mangel an Arbeitskräften auf die weniger Arbeiter benötigende Viehhaltung umgestellt, so der Bericht der "Folha de S. Paulo". Diese benötigt lediglich einen Bruchteil an Arbeitskräften. Ein Kaffeebauer berichtet dass er statt der für die Ernte benötigten 200 Pflücker nur 70 habe anstellen können, was zu einem Ernteverlust von 40% führte. Viele Kaffeebauern hätten in den letzten Jahren verstärkt bei der Ernte auf Schwarzarbeiter gesetzt. Allerdings seien gleichzeitig die Kontrollen durch das Arbeitsministerium verschärft worden, was die Situation der Kaffeebauern zusätzlich schwieriger macht.

Sonderregelung für Erntehelfer

Die Regierung ist sich der Situation bewusst und hat einen Gesetzentwurf in den Kongress eingebracht, der eine Sonderregelung für Erntearbeiter einführen will. Darin ist vorgesehen, dass Sozialhilfeempfänger bis zu 120 Tage im Jahr offiziell arbeiten dürfen, ohne das Anrecht auf die Frührente zu verlieren. Der Mangel an Arbeitskräften ist jedoch nicht der einzige Grund für den Rückgang traditioneller Pflanzungen wie Kaffee. In den letzten sechs Jahren ist der Preis für Kaffee nur um etwa 2% gestiegen. Im Vergleich dazu lässt sich heutzutage mit der Viehhaltung und der Anpflanzung von Eukalyptus, einer aus Australien nach Brasilien eingeführten Baumart, wesentlich mehr verdienen. Der Eukalyptus passt sich ideal an die widrigen Umweltbedingungen des trockenen Landesinneren an und liefert billiges Holz für die Celluloseindustrie.

19 Millionen Menschen extrem arm


Dilma Rousseff, Kandidatin von Lulas Arbeiterpartei PT für die Präsidentschaftswahlen im Oktober, hat bereits angekündigt die Sozialprogramme beizubehalten und sogar ausbauen zu wollen. "Wir haben 24 Millionen Menschen aus der Armut geholt, aber es gibt viele, die immer noch in Armut leben," so Rousseff. Sie versprach bis 2014 mit der extremsten Armut in Brasilien aufzuräumen. Als extrem arm gelten Familien, die nur ein Viertel des offiziellen Mindestlohnes von derzeit 510 Reais verdienen. Laut dem regierungsnahen Wirtschaftsinstitut IPEA sind dies etwa 19 Millionen Menschen, etwa
ein Zehntel der Gesamtbevölkerung Brasiliens.

Autor: Thomas Milz