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Libyenkrise überschattet Obamas Brasilienbesuch

Eigentlich wollte sich Präsident Barack Obama auf seiner ersten Lateinamerikareise, die ihn am Wochenende als erste Station nach Brasilien führte, ganz den Beziehungen zu dem lange von den USA vergessenen Kontinent widmen. Doch kurz nach seiner Ankunft in der Hauptstadt Brasilia musste sich der US-Präsident mit der Libyenkrise beschäftigen. Während der Gespräche mit Brasiliens neuer Präsidentin Dilma Rousseff soll er am Samstag den Befehl zum Einsatz des US-Militärs gegen die Gaddafi-Truppen gegeben haben.

Die Brasilienreise war vom Weißen Haus zuvor als "Business-Trip", als Besuch zur Verbesserung der Handelsbeziehungen zwischen den beiden größten Volkswirtschaften des amerikanischen Doppelkontinents angekündigt worden. Dies hatte die brasilianische Seite im Vorfeld bereits entzürnt, wollte man doch lieber über Brasiliens rasant anwachsende geopolitische Bedeutung reden. Beim Internationalen Währungsfond und der Weltbank redet Brasilien bereits kräftig mit. Und bei den G20-Gipfeln der führenden Industrienationen hat die Position des südamerikanischen Landes auch immer mehr Gewicht.

Rousseff forderte eine Reform des UN-Sicherheitsrates

Dies soll sich nun auch bei den Vereinten Nationen bemerkbar machen. Präsidentin Rousseff ließ es sich nicht nehmen, von Obama auf der gemeinsamen Pressekonferenz am Samstag eine Reform des UN-Sicherheitsrates inklusive eines ständigen Sitzes für Brasilien einzufordern. Doch auch ihr kam die Libyenkrise dabei in die Quere. Hatte sich Brasilien doch nur zwei Tage zuvor bei der Abstimmung über die Einrichtung der Flugverbotszone mit militärischen Mitteln der Stimme enthalten, genau wie China, Indien, Russland und Deutschland.

Großzügig ging Obama in seiner Ansprache über dieses Detail hinweg. In einer gemeinsamen Erklärung der beiden Staatschefs hieß es zudem, Obama habe durchaus "apreço" für die brasilianischen Bestrebungen, was soviel wie Zustimmung, aber auch Respekt oder Beachtung heißen kann. Der etwas umständliche Diplomatiejargon führte daraufhin zu Debatten in den brasilianischen Medien über die genaue Bedeutung jenes Wortes. Eins ist jedenfalls sicher: bei seinem Indienbesuch hatte sich Obama letztes Jahr wesentlich klarer für eine Aufnahme jenes Landes in den UN-Sicherheitsrat ausgesprochen.

Handelsgespräche und Besuchsprogramm verkürzt

Auch Obamas restliches Besuchsprogramm in Brasilien litt unter den sich überschlagenden Ereignissen in Nordafrika. Wesentlich weniger Zeit als ursprünglich geplant nahm sich der Präsident für die in Brasilia stattfindenden Handelsgespräche mit Vertretern der brasilianischen Wirtschaft. Zwischendurch musste er in einem Luxushotel noch schnell eine Ansprache an seine daheim auf seine Worte wartende Nation aufnehmen.

Auch am Sonntag war in Rio de Janeiro weniger vom hohen Gast zu sehen als erwartet. Der eigentlich für neun Uhr morgens geplante Besuch der Cristo-Statue wurde auf den Abend verschoben, angeblich wegen schlechten Wetters. Zudem fiel der Besuch in der Favela Cidade de Deus auffallend kurz aus. Gerade einmal eine halbe Stunde verweilte der Präsident bei Capoeira- und Musikdarbietungen, dann ging es zurück ins Hotel. Der geplante Auftritt vor den Bürgern der Stadt auf dem Cinelandia-Platz war bereits am Freitag abgesagt worden, angeblich wegen Sicherheitsfragen.

„Historische Botschaft“ fiel aus

Stattdessen sprach der hohe Gast vor 800 geladenen Gästen in Rios Stadttheater. Die angekündigte "historische Botschaft an die Bevölkerung Lateinamerikas" fiel dabei aus. Jetzt soll Obama sie am Dienstag in Santiago de Chile halten. Stattdessen lobte Obama Brasilien als gelungenes Beispiel für den Übergang von einer Diktatur zu einer funktionierenden Demokratie - ein klarer Wink in Richtung der arabischen Welt. Zudem sei das Land ein Vorbild für den Aufstieg von Millionen Menschen in die "neue Mittelklasse". Sympathien gewann er dabei mit zahlreichen Wortfetzen auf Portugiesisch. Die Anwesenden dankten es ihm mit stehendem Applaus.

Danach ging es schnell wieder ins Hotel. Gesehen haben die Cariocas, die Einwohner von Rio de Janeiro, den US-Präsidenten entgegen aller Hoffnungen also nicht. Dieser hatte wohl mit dem Krisenmanagement daheim und in Nordafrika alle Hände voll zu tun. Wieso er ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt durch Lateinamerika touren müsse, fragen sich derweil viele US-Bürger. Ernstgenommen hat man die südlichen Nachbarn in der Vergangenheit ja sowieso kaum.

Ob sich das unter Obama ändern wird, bleibt abzuwarten. Noch stehen mit Chile und El Salvador zwei Besuchsstationen aus. Im Vergleich zu Ronald Reagans Brasilienbesuch 1982 scheint sich aber einiges gebessert zu haben. Der damalige US-Präsident prostete seinen Gastgebern ein heiteres "auf das Wohl des bolivianischen Volkes" zu. Als er seinen Lapsus bemerkte, gab er als Entschuldigung an, nach Brasilien jenes Andenland zu besuchen. Dabei war seine nächste Station in Wahrheit Kolumbien.

Autor: Thomas Milz, Sao Paulo