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Leere Mägen, fette Bäuche

Bolivianische Speisen. Foto: Adveniat/Pohl
Bolivianische Speisen. Foto: Adveniat/Pohl

Eigentlich ist das Recht auf Nahrung ein Menschenrecht. Trotzdem leiden bis heute mehr als eine Milliarde Menschen rund um den Globus unter knurrenden Mägen und schmutzigem Trinkwasser. Gleichzeitig werden immer mehr Lebensmittel weggeworfen.

Jeden Tag sterben Tausende an den Folgen von Mangelernährung. Über die Hälfte der Hungeropfer sind Kinder. Wer in jungen Jahren Hunger leidet wird öfter krank, die kognitiven Fähigkeiten blühen nicht auf, Konzentrationsschwäche ist nur ein weiteres Problem. Schwer liegt das Hungertuch über den Gesellschaften des globalen Südens.

Fast eine Halbierung der Hungernden

Doch es gibt auch gute Nachrichten. In den letzten Jahren stellt die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) den Regierungen von Lateinamerika und der Karibik regelmäßig Bestnoten in Sachen Hungerbekämpfung aus. Die Region gilt als "Weltmeister im Kampf gegen Armut", lobt der aktuelle FAO-Bericht die Tatkraft der Staatsführungen für mehr Nahrungsmittelsicherheit und weniger Mangelernährung. Hungerten 1992 vom Rio Grande bis Feuerland noch über 66 Millionen waren es 2015 "nur" noch 34 Millionen Menschen. Anders gesagt: Auf den zuvor leeren Tellern und Schüsseln von mehr als 30 Millionen Latinos landen wieder genug Reis, Kartoffel, Kochbanane, Brot oder Fleisch.

Weniger Markt, mehr Essen

Die Gründe für weniger Hunger liegen in mehr Politik und in guter Politik. Gerade hat Papst Franziskus in seiner Umwelt-Enzyklika die Auffassung kritisiert, die "in manchen Kreisen" vorherrsche, "dass die Probleme des Hungers und das Elend in der Welt sich einfach mit dem Wachstum des Marktes lösen werden". Der rasante Rückgang des Hungers auf dem Kontinent in nur wenigen Jahren zeigt, wie richtig der Argentinier liegt.

Nach Jahren des Rückzuges von Staat und Politik aus der Wirtschaft, ideologisch unterfüttert ab Mitte der 1980er Jahre mit dem neoliberalen Wirtschaftsdogma des "Washington Consensus", waren es nach der Jahrtausendwende Sozialreformer-Regierungen, "die sich die Aufgabe zu Eigen machen, die Wirtschaft in den Dienst des Volkes zu stellen", wie Franziskus auf seiner Südamerikareise vor Kleinbauernorganisationen, Landlosen und Gewerkschaftern in Bolivien die Abkehr von blinder Marktradikalität jüngst lobte.

Die neue Übergewichtsepidemie


Die einen hungern, die anderen werden immer schwerer. Mehr Geld in der Tasche birgt neue Gefahren für die Gesundheit. Immer mehr Latinos sind übergewichtig - wegen zu viel und zu schlechter Ernährung. Der Besuch eines Fast-Food-Restaurants gilt gerade in Zeiten des Aufschwungs als Zeichen des Wohlstandes.

Ging in Nordamerika der Konsum von Burger und Fritten zwischen 2000 und 2013 um fast zehn Prozent zurück, verzeichnete Lateinamerika einen rasanten Anstieg um die 30 Prozent. Nach Daten des Overseas Development Instituts ist heute jeder zweite Latino übergewichtig. In Mexiko sind es sogar 70 Prozent, wobei die globale Mitte bei 34 Prozent liegt.

McDonaldisierung mit Nebenwirkungen

Gesundheitsexperten erklären sich die Zivilisationskrankheit des ungebremsten Heißhungers mit fehlendem Wissen über gute Ernährung. Und natürlich mit der "McDonaldisierung" der boomenden Großstädte, wo immer mehr internationale und heimische Schnellrestaurants die klassische Küche verdrängen.

Brot wie Müll

Dass die Schere zwischen Hungernden und Satten nicht zugeht, ist kein Problem von Knappheit. Das immer wieder gern vorgebrachte Argument einer zu großen Erdbevölkerung, deren Münder nicht gefüllt werden können, würde durch eine bessere Umverteilung der Agrarproduktion für immer in die Geschichtsbücher wandern. Die Zahlen sind erschreckend: Jedes Jahr wandern in Lateinamerika 16 Prozent der verfügbaren Nahrungsmittel in die Tonne - genug, um alle auf dem Kontinent satt zu machen.

Das Problem der Lebensmittel, die in der Mülltonne landen, ist mitnichten ein lateinamerikanisches Problem. Die Daten zur weltweiten Verschwendung sind ein Schlag ins Gesicht jedes Menschen, der in Armut lebt: rund ein Drittel allen Getreides, fast die Hälfte aller Früchte und Gemüse, jeder dritte Fisch und jedes fünfte Steak oder Milchglas landet nicht im Bauch, sondern auf der Müllhalde. Diese 1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel, so die FAO, würden ausreichen, um weitere zwei Milliarden hungrige Mägen zu füllen.

Autor: Benjamin Beutler