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Leere Kassen im Norden "€“ Hunger im Süden?

Die Folgen der Wirtschaftkrise für die Entwicklungsländer sind vielschichtig.

Als am 15. September 2008 in New York die Investmentbank Lehman Brothers kollabierte, betraf das auch Länder, die auf den ersten Blick nichts mit den Kapriolen der Weltfinanz zu tun hatten. Länder, die viel zu arm waren, um von Investmentgeschäften oder Derivatenhandel profitieren oder daran verlieren zu können. Schon nach wenigen Monaten zeigte sich jedoch, dass auch die Entwicklungsländer den Turbulenzen am Weltmarkt ausgeliefert waren. Schnell hatte die Krise die Menschen in den ärmeren Weltregionen erreicht. Als in den USA die Nachfrage nach Konsumgütern schlagartig zurückging, verloren Tausende von Fabrikarbeitern in den mittelamerikanischen oder asiatischen Lohnfertigungsbetrieben ihren Job. In vielen Ländern ist die Armut so schnell gestiegen, dass nach Schätzungen der Weltbank 400.000 Kinder zusätzlich ihren fünften Geburtstag nicht mehr erleben könnten. Mehr Menschen suchen ihre Nahrung auf dem Müll, mehr Frauen und Kinder verkaufen ihren Körper, mehr Alte und Kinder werden von ihren Familien ausgesetzt. Auf ein soziales Auffangnetz wie in den meisten Industrienationen können diese Menschen nicht zählen.

Experten und Politiker aus unterschiedlichen politischen Lagern warnen bereits vor sozialen Unruhen in den Entwicklungsländern. Könnte sich der Kollaps der Bankenwelt zu einer sicherheitspolitischen Krise ausweiten, während man im Westen schon weitgehend wieder zur Tagesordnung schreiten will?

Noch lässt sich das wahre Ausmaß der Krise auf die Entwicklungs- und Schwellenländer nicht ernsthaft abschätzen. Die Wechselwirkungen der Weltwirtschaft sind vielschichtig, und nicht selten überlagern sich negative und positive Effekte. So führte der kurzfristige Einbruch der Rohstoff- und Lebensmittelpreise dazu, dass sich die dramatische Nahrungskrise, die im Sommer 2008 ihren Höhepunkt erreichte, zumindest zeitweilig entspannte. Doch inzwischen haben schwache Ernten und einbrechende Währungskurse in den Entwicklungsländern die Preise für Grundnahrungsmittel wieder auf Rekordniveau steigen lassen. Verantwortlich dafür sind auch die neuerlichen Spekulationen auf den internationalen Nahrungsmittelbörsen, die sich nicht lange vom Kollaps der Wall Street beeindrucken ließen.

Pauschale Urteile scheitern auch daran, dass sich die mehr als 100 Entwicklungs- und Schwellenländer nur schwer über einen Kamm scheren lassen. Große und aufstrebende Volkswirtschaften können anders mit den Krisenfolgen umgehen als die sogenannten „Least Developed Countries“, die am wenigsten entwickelten Staaten dieser Welt. Auch innerhalb der Länder sind nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen betroffen. In Schwellenländern wie Brasilien oder China herrscht die Hoffnung, einigermaßen unbeschädigt aus der Krise hervorgehen zu können. Zwar stellt der Kollaps der Weltwirtschaft auch sie vor große Herausforderungen, doch sind die Einbrüche immer noch geringer als z.B. in den USA. Dadurch könnten sich die wirtschaftlichen und auch politischen Machtverhältnisse langfristig zugunsten dieser Länder verschieben. Für andere Schwellenländer wie Mexiko, das in großem Maße von der US-ökonomie abhängt, trifft diese Prognose wiederum nicht zu – ebenso wenig wie für die Vielzahl der kleineren Entwicklungsländer, die weder über hohe Währungsreserven noch über einen tragfähigen Binnenmarkt verfügen.

Bei allen Unterschieden zeichnet sich jedoch deutlich ab, dass die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung in den ärmeren Weltregionen zu den Verlierern der Weltwirtschaftskrise gehört. Kredite, Investitionen und Hilfsgelder in die Entwicklungsländer gehen dramatisch zurück, weil die Industrienationen gigantische Mittel für ihre eigenen Konjunktur- und Rettungspakete aufbringen müssen. Konzerne und Kapitalgeber haben ihre globalen Investitionen größtenteils zurückgefahren, der Kreditmarkt für Entwicklungsländer ist regelrecht ausgetrocknet. Die Ironie dabei: Geldanlagen bei Instituten in reichen Ländern – also bei den Verursachern der Krise – sind oft durch staatliche Schutzschirme gesichert, Anlagen in Entwicklungsländern dagegen nicht.

Die größte Gefahr für viele Entwicklungsländer liegt in der Abhängigkeit vom Export und von den Rücküberweisungen von Arbeitsmigranten. Die Ausfuhr von öl, Erzen und anderen Mineralien ist die wichtigste Einnahmequelle manch armer Staaten, was nach dem Einbruch der weltweiten Rohstoffpreise fatale Auswirkungen hat. Besonders deutlich zeigen sich die Folgen von Abhängigkeit am Beispiel der mittelamerikanischen Staaten. Ihre Wirtschaft ist zum einen einseitig auf die US-ökonomie ausgerichtet. Zum anderen lebt ein wachsender Teil der Bevölkerung selbst in den Vereinigten Staaten, was nicht nur zu einem wirtschaftlichen und kulturellen Aderlass führte, sondern auch die Abhängigkeit weiter erhöhte. In Honduras, Nicaragua oder El Salvador leben ganze Ortschaften von den Überweisungen im Ausland lebender Familienangehöriger. Doch die Billiglohnkräfte aus Mittelamerika, die oft ohne gültige Papiere in den USA leben, traf die Arbeitsmarktkrise als Erste. Seitdem sind auch die Überweisungen in die Heimat, für viele Länder eine der wichtigsten Devisenquellen, deutlich zurück gegangen.

So hat sich die Finanzlage vieler armer Länder bedrohlich zugespitzt. Ausgerechnet in dieser Notsituation droht die internationale Hilfe für die Entwicklungsländer einzubrechen. Einzelne Staaten, unter ihnen Italien, haben schon bekannt gegeben, ihren internationalen Verpflichtungen nicht mehr wie bisher nachkommen zu können – sofern sie es denn jemals taten. Die nächsten Jahre, warnen Wissenschaftler und Entwicklungsexperten, könnten eine neue Welle des Protektionismus bringen. Entwicklungsländer, die alle Forderungen der internationalen Institutionen erfüllt haben und jetzt doch zum größten Krisenopfer werden, könnten sich enttäuscht vom Weltmarkt zurückziehen.

Neben der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit ist die Unterstützung durch Hilfsorganisationen und Spendenwerke zu einem überlebensnotwendigen Entwicklungsmotor der ärmeren Weltregionen geworden. Nun muss sich zeigen, ob die Brücke der Solidarität in der „Einen Welt“ auch in Zeiten der Krise tragfähig ist. Zumindest wird es für die Hilfswerke nicht einfacher werden, angesichts steigender wirtschaftlicher Sorgen im Norden für die Nöte der Menschen auf der Südhalbkugel zu werben. Geringeres Spendenpotential bei wachsendem Hilfsbedarf – eine beunruhigende Entwicklung und eine große Herausforderung für alle Organisationen, die sich der länderübergreifenden Solidarität verschrieben haben. Doch gerade die jüngste Krise hat deutlich gemacht, dass die Schicksale von Nord und Süd miteinander verflochten sind und dass es keine isolierten Lösungen für die Probleme der Welt geben kann. Oder wie die Zeitschrift „Die Zeit“ kürzlich urteilte: „Weniger Hilfe für die Ärmsten, weil in der Krise das Geld knapp wird? Das könnte in diesem Fall auch für die Reichen nach hinten losgehen.“

Text: mib