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"€žLebend hat man sie mitgenommen, lebend wollen wir sie zurück!"€?

In Coahuila verschwinden 50 Menschen – die Behörden bleiben untätig. Beleidigend und respektlos sei die Antwort der bei den Protesten in der Hauptstadt aufgesuchten Bundesbehörden gegenüber den Angehörigen gewesen, nachdem diese bereits von den Landesbehörden in Coahuila keinerlei Hilfe erhalten hatten, erklärte Raúl Vera, Bischof von Saltillo und Gründer des Menschenrechtszentrums, gegenüber der mexikanischen Presse.

Brandon ist neun Jahre alt gewesen, als er am 29. August 2009 verschwand. Das Auto, in dem auch sein Vater und zwei seiner Onkel saßen, sei auf der Landstraße auf Höhe des Flughafens von Ramos Arizpe von bewaffneten Männern angehalten worden. Seither fehlt jede Spur. Lösegeld sei nicht gefordert worden, ist auf der Internetseite des Menschenrechtszentrums „Fray Juan de Larios“ zu lesen.

Am vergangenen 13. Mai protestierten Familienangehörige von 36 Verschwundenen aus dem Bundesstaat Coahuila vor dem Parlament in Mexiko-Stadt gegen die in diesen Fällen anhaltende Straflosigkeit. Die Protestierenden waren aus dem mexikanischen Bundesstaat, der im Norden an Texas grenzt, in die Hauptstadt gekommen und forderten von Präsident Felipe Calderón, dass er den Verbleib der Vermissten untersuchen lasse.

Nur einen Monat nach diesen Protesten in der mexikanischen Hauptstadt, am 13. Juni, gibt das Menschenrechtszentrum „Fray Juan de Larios“ in Saltillo in einem Kommunique bekannt, dass die Zahl der im Bundesstaat als Verschwunden gemeldeten Personen bereits auf 50 angestiegen ist. Die neuerlichen Fälle wurden aus Saltillo, Monclova, Ramos Arizpe und Torreón gemeldet und sind im Menschenrechtszentrum dokumentiert, das an die Diozöse von Saltillo angeschlossen ist.

Beleidigend und respektlos sei die Antwort der bei den Protesten in der Hauptstadt aufgesuchten Bundesbehörden gegenüber den Angehörigen gewesen, nachdem diese bereits von den Landesbehörden in Coahuila keinerlei Hilfe erhalten hatten, erklärte Raúl Vera, Bischof von Saltillo und Gründer des Menschenrechtszentrums, gegenüber der mexikanischen Presse. „Die Parteilichkeit war mehr als deutlich“, unterstrich er und ergänzte: „Die Familien der Verschwundenen wurden nicht angehört [...]. Es hatte den Anschein, als ob es Bürger erster und zweiter Klasse gibt.“

Nach Angaben der Familienangehörigen der Verschwundenen weigere sich die Generalstaatsanwaltschaft tätig zu werden und argumentiere, dass derartige Fälle nicht in ihre Zuständigkeit fielen, heißt es in einer Presseerklärung der Betroffenenorganisation FUUNDEC. Im Falle des verschwundenen Ex-Präsidentschaftskandidaten Diego Fernández de Cevallos hatte die Generalstaatsanwaltschaft hingegen am vergangenen 15. Mai erklärt, sie sei in ständigem Kontakt mit Staatssekretären und dem Innenministerium, um die Entführten zu finden. „Das Justizsystem ist für alle da und nicht nur für einige wenige“, heißt es hierzu in dem Kommunique der FUUNDEC vom 19. Mai.

Bei den 50 seit 2008 Verschwundenen handelt es sich um Männer verschiedenen Alters sowie um den 9-jährigen Brandon. Die Mordrate mit Bezug zur organisierten Kriminalität in Coahuila ist niedrig, verglichen mit anderen Bundesstaaten an der Grenze zu den USA, dennoch gibt es diese markante Zahl von Verschwundenen. Bischof Vela vermutet kriminelle Banden hinter diesem Vorgehen, die „in Ameisenarbeit“ durch eine Vielzahl von Entführungen viele kleine Beträge erpressen, bei denen jenen Menschen dann alles genommen werde.

Für ihn sind diese Verbrechen keine Kollateralschäden des seit 2006 von Präsident Calderón ausgerufenen Kampfes gegen die Drogenmafia, der mehr als 20.000 Menschenleben forderte, sondern schlichtweg Morde. „Im Kampf gegen das organisierte Verbrechen werden die Drahtzieher nicht angeklagt, ebenso wenig wie darin verwickelte Richter“, so der Bischof.

Mitte Mai traf sich der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Alberto Brunori, im Menschenrechtszentrum der Diozöse in Saltillo mit den Angehörigen der Verschwundenen. Er habe seine Unterstützung zugesagt, so Blanca Martínez, die Präsidentin des Zentrums. „Wenn die Verantwortlichen bei den Behörden nichts gegen das gewaltsame Verschwindenlassen unternehmen, machen sie sich selbst der Menschenrechtsverletzung schuldig“, so das Zentrum für Menschenrechte.

Autorin: Bettina Hoyer