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Leben und Wirtschaften im Einklang mit der Natur

Vor über 20 Jahren wurde von den Städten des Nordens und mehreren indigenen Völkern der Regenwaldgebiete ein Klimabündnis geschlossen. Mehr als 1.600 Kommunen in zahlreichen europäischen Staaten haben sich seither zur Reduktion der Kohlendioxyd-Emissionen, zum Verzicht auf Tropenholznutzung und zur Unterstützung von Projekten indigener Partnerorganisationen verpflichtet.

Das Land Berlin kommt seiner Mitarbeit im Klimabündnis zurzeit mit einer großen Ausstellung nach, in der das naturverbundene Leben und Wirtschaften im tropischen Regenwald Amazoniens einem breiten Publikum vorgestellt wird.

Indigenes Wirtschaften zielt auf Kontinuität und Gleichgewicht

Die Bewohner von komplexen ökosystemen besitzen häufig ein umfangreiches, über Jahrtausende zusammengetragenes Wissen über den richtigen Umgang mit Flora, Fauna, Böden und Gewässern. Sie haben Erfahrungen gesammelt, wie sie diese Systeme bewirtschaften können, ohne die Regeneration der Natur, die Vielfalt der Arten oder den Nährstoffkreislauf zu gefährden. So unterschiedlich die Gebiete rund um den Amazonas beschaffen sind und so vielfältig die Lebensweisen ihrer Bewohner aussehen, existieren dennoch in vielen indigenen Gemeinschaften vergleichbare Überzeugungen und Regeln. Die meisten dieser Regeln haben zum Ziel, innerhalb des vorhandenen ökosystems langfristig für Kontinuität und Gleichgewicht zu sorgen.

Nicht-indigenes Wirtschaften im Amazonasraum führt hingegen oftmals zur ebenso rücksichtslosen wie kurzfristigen Ausbeutung bestimmter Ressourcen, die meistens dem Konsum in den Ländern des Nordens dienen. Der Weiterbestand des Regenwaldes oder die Reinhaltung der Gewässer sind dabei nicht gewährleistet. In der Berliner Ausstellung „Amazonien – Eine indigene Kulturlandschaft“ wird der industriellen Ressourcen-Abschöpfung die verschiedenen Formen des Wirtschaftens der indigenen Völker entgegengestellt und dafür geworben, diese langfristig zu unterstützen und auch in Zukunft zu ermöglichen.

Beeindruckende Fotos erläutern Zusammenhänge

Die in der Ausstellung gezeigten Fotos stammen überwiegend von ehemaligen Studierenden der Universität Kassel, die einige Zeit bei den Flussbewohnern und den Kautschuksammlern am Amazonas verbracht haben, daneben auch von einigen professionellen Fotografen. Beeindruckend sind etwa die Aufnahmen von Angehörigen verschiedener Communitys: von den Marúbo, mit denen die Wissenschaftler bereits seit längerem in Kontakt stehen, ferner den Matsés, den Matis und den Canamarí. Die Menschen werden bei ihren alltäglichen Verrichtungen gezeigt, z.B. beim Fischen, beim Transport von Gütern über Land und über Wasser, beim Zapfen von Kautschuk oder beim Sammeln von Paranüssen. Es gibt Fotos, die den traditionellen Hausbau und die genossenschaftliche Bewirtschaftung des Bodens erläutern.

Spezielle Abteilungen der Ausstellung behandeln z.B.den Zusammenhang von Niederschlag und Sternenkonstellationen. Aus diesem besonderen Wissen, das mittels langjähriger Beobachtungen erzielt wurde, haben einzelne indigene Gruppen komplexe „Wirtschaftskalender“ entwickelt, aus denen günstige Wasserstände, Wachstumszyklen von Pflanzen, Erntezeiten etc. abgelesen werden können. Hier wird deutlich, wie umfassend das Wissen der Indigenen um die Nutzung der ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen ist und wie nachhaltig sie dieses Wissen einsetzen.

Fotos vom industriellen Abbau von Rohstoffen oder vom Straßenbau quer durch den Regenwald verdeutlichen sehr anschaulich die Ausmaße solcher Eingriffe in die jeweiligen natürlichen Umgebungen. Der Straßenbau führt in vielen Fällen nicht zum Anschluss einer entlegenen Region an die vorherrschenden Wirtschaftskreisläufe, sondern vor allem zu deren Ausbeutung. Umso spannender ist es jedoch auch zu sehen, in welchem Tempo jene Überlandstraßen von der schnell wachsenden, üppigen Pflanzenwelt bisweilen wieder ´einkassiert´ werden.

Autor: Thomas Völkner

Veranstaltungsort und -zeitraum: Thaersaal der Humboldt-Universität, Invalidenstr. 42, 10117 Berlin, (Nähe U-Bahnhof Naturkundemuseum), 5. September bis 6. Oktober 2011 und Februar bis April 2012, Montag – Freitag, 09:00 – 18:00 Uhr, Eintritt frei.

Dienstag, 4. Oktober 2011, 18:00 Uhr: Abendveranstaltung „Klimagerechtigkeit jetzt – Indigene Konzepte aus Amazonien und interkulturelle Bündnisse“ mit Abadio Green (Medellín/Kolumbien) und Thomas Brose (Deutschland).