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Leben in Zeiten der Cholera

Port-au-Prince. Für Desiral Mackinzi beginnt der Tag mit keiner guten Nachricht. Eine Gruppe von Frauen im Zeltlager Delmas 58 sorgt seit einiger Zeit für Ärger. Es geht um neue Latrinen und die sogenannte Cholera Behandlungseinheit, deren Fundament schon steht, aber die niemand haben will. Die Stimmung im Lager droht zu kippen.

Mackinzi versucht die Probleme erst einmal wegzulächeln. Der schlanke Mann wirkt auf den ersten Blick so alles andere als ein imposanter Anführer von rund 5000 Lagerbewohnern. Er leidet an Kinderlähmung, seine Hose hat große Löcher und er kann sich nur humpelnd fortbewegen. Und trotzdem ist dieser Mann ein Hoffnungsträger. "Wir versuchen hier das Beste aus der Situation zu machen. Es muss ja irgendwie weitergehen", sagt der 34 Jährige in einem Tonfall, der für Pessimismus keinen Raum lässt.

Der Kampf gegen die eigene Angst

Was sich im Lager "Delmas 56" in der haitischen Hauptstadt Port-au-Prince in diesen Tagen im Kleinen abspielt, durchlebt das leidgeprüfte Land im Großen. Es ist der Kampf gegen die eigene Angst, die Unwissenheit, bewusst gezielt gestreute Gerüchte und eine Prise unendlicher Hoffnungslosigkeit. Die Ärztin Dr. Marlene de Tavernier steht vor einem knapp 15 Quadratmeter großen Fundament und strahlt über das ganze Gesicht. "Was Sie hier sehen, das ist der Erfolg einer harten Verhandlung", sagt die Französin stolz.

In dem völlig überfüllten Lager ist Platz ein kostbares Gut. Tagelang haben Desiral Mackinzi und das medizinische Personal mit den Bewohnern verhandelt. Nun sind alle ein paar Zentimeter beiseite gerückt, jeder hat ein kleines Stückchen seines Zeltplatzes abgegeben, damit in der Mitte des Lagers nun eine Behandlungsstation aufgebaut werden kann. Zwei einheimische Ingenieure haben die Baupläne gezeichnet, das Fundament steht. Hier sollen einmal - sollte die Cholera auf das Lager Delmas übergreifen - die Kranken isoliert und gezielt behandelt werden.

Eine Krankenstation für niemanden?

Die im Lager tonangebenden Frauen aber sind dagegen. Es gibt in ihrem Lager keine Cholera, warum also eine Krankenstation fragen sie. Mit verschränkten Armen verfolgen die Menschen die Bauarbeiten. Doch überzeugt sind sie nicht. Im ganzen Land gibt es Proteste. Die wütenden Demonstranten werfen den UN-Soldaten vor, die Cholera erst ins Land gebracht zu haben. Seit über 100 Jahren soll es auf der Karibikinsel keine Fälle von Cholera mehr gegeben haben.

In diesem Spannungsfeld muss Desiral Mackinzi täglich die richtige Balance finden. Es gilt die ungeschriebenen Gesetze des Lagers und deren starker Hintermänner einzuhalten und gleichzeitig die notwendigen Maßnahmen umzusetzen.

Politik gegen den Lagerkoller

Es sind Hoffnungsträger wie Desiral Mackinzi, die beweisen, dass Haiti durchaus regierbar sein kann. In allen über 300 Lagern der Hauptstadt gibt es sogenannte Zeltstadt-Bürgermeister. Ihnen steht ein richtiges Kabinett zur Seite. Kultur, Sport, Gesundheit, Frauen oder Soziales sind die Ressorts. Nicht alle sind akzeptiert, gewählt oder dazu befähigt, aber sie erfüllen dennoch eine wichtige Funktion. Dass es bislang in Haiti weitgehend ruhig geblieben ist, ist auch ein Erfolg der Zusammenarbeit dieser Mini-Regierungen mit den Hilfsorganisationen. Der Staat hat sich längst als ordnungspolitische Macht verabschiedet, hier aber wächst ein neues zartes Pflänzchen von Demokratie heran.

Am Ende des Tages aber kann sich Lager Delmas 58 über einen kleinen Sieg freuen. Die neuen Latrinen fertig. Bislang erledigten die Menschen ihr Geschäft in der freien Natur, die neuen Holzbuden auf festem Fundament sollen nun helfen, das Lager ein Stück weit sauberer und damit auch gesünder zu machen. Auch hier musste Desiral Mackinzi Widerstand überwinden. Jetzt setzt er wieder sein unschlagbares Lächeln auf: „Heute Abend sind die Latrinen einsatzbereit.“

Autor: Tobias Käufer