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Lateinamerikanisches Kino in Berlin

Das Berliner Kurzfilmfestival „Lakino“, bei dem vom 5. bis 11. Oktober 2011 insgesamt 131 Filme aus 23 Ländern zu sehen sind, entwickelt sich zu einem großen, ernstzunehmenden Vermittler des lateinamerikanischen Kinos in Deutschland.

Nach dem ambitionierten Start im vergangenen Jahr sind die Festivalmacher mit der zweiten Auflage von „Lakino“ in der Lage, ein Programm zu präsentieren, das zu 95 Prozent aus deutschen Erstaufführungen besteht. In speziellen Kategorien für Spielfilme und Dokumentarfilme werden Jury- und Publikumspreise vergeben. Ausstellungen, Konferenzen, Konzerte und Partys runden das Programm ab.

Drei Festivalfilme: Sozialkritik, persönlicher Albtraum, charmante Anmache

Lateinamerikafans und Cineasten, die sich für Produktionen aus Lateinamerika interessieren, dürften besonders jene 35 Filme im Blick haben, die innerhalb des Wettbewerbs laufen. Die ecuadorianische Filmemacherin Gabriela Calvache erzählt zum Beispiel in „En Espera“ von einem Mädchen, das vom Dorf in die Stadt fährt, wo sie offensichtlich im Haushalt einer reichen Familie arbeitet. Auf dem Weg dorthin kommt sie an einer Schule vorbei. Die Ansprache der Schuldirektorin während des morgendlichen Appells, in der sie über die Bedeutung des Lernens spricht, wird gegen die Bewegungen des Mädchens geschnitten. Sie macht zwar am Schultor Halt, muss dann aber schnell weiter, um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen. Ihr Blick auf die Schülerinnen und Schüler in ihren Uniformen ist fast sehnsüchtig.

Auf Grundlage einer Kurzgeschichte von Julio Cortázar ist der Film „El Río“ des peruanischen Regisseurs Adrian Saba entstanden. In eindringlichen Slow-Motion-Einstellungen bebildert Saba den inneren Monolog eines Mannes mittleren Alters, der über seine Partnerschaftsprobleme spricht. Im Albtraum – oder in der Erinnerung – sieht der Mann, wie er die Leiche seiner ertrunkene Frau aus dem Fluss zieht. Poetisch-imaginativ kommt der mit realen Schauspielern in Stop-Motion-Technik erstellte Animationsfilm „Luminaris“ des Argentiniers Juan Pablo Zaramella daher. Er zeigt einen Fabrikarbeiter und dessen Kollegin, die in ganz spezieller Weise mit der Herstellung von Glühlampen beschäftigt sind. Der Arbeiter verfolgt einen charmanten Plan, mit dem er die gesamte Welt für seine angebetete Kollegin zum Leuchten zu bringen kann.

Umfangreiche Sonderschauen

Einen besonderen Schwerpunkt des diesjährigen Festivals bilden Filme aus Kuba. Anlass ist das 25-jährige Jubiläum der „Escuela Internacional de Cine y Televisión (EICTV)“ im kubanischen San Antonio de los Baños. Die Filmhochschule wurde 1986 auf Anregung des kolumbianischen Literaturnobelpreisträgers Gabriel García Márquez gegründet. Sie bietet aktiven Filmemachern aus ganz Lateinamerika und Spanien verschiedene Seminare und Workshops zu Einzelfragen der Filmproduktion. In zwei Programmblöcken werden insgesamt zehn am EICTV erstellte Streifen (Fiktion und Dokumentarfilme) gezeigt. Hinzu kommen Filme, die am „Instituto Cubano de Radio y Television (ICRT)“ und am „Instituto Cubano de Arte e Industria Cinematográficos (ICAIC)“ entstanden sind.

Fans des kolumbianischen Kinos erwartet eine Retrospektive mit Filmen, die seit Mitte der 1970er Jahre im Umfeld der Grupo de Cali entstanden sind. An diesem Zusammenschluss von Künstlern waren unter anderem der Filmemacher Luis Ospina und der Schriftsteller Andrés Caicedo beteiligt. Unter anderem kommen zwei „Caliwood“-Langfilme zur Aufführung: „Unos buenos amigos“ (1986) und „Noche sin fortuna“ (2010). Luis Ospina wird zum Festival nach Berlin kommen und über seine Arbeit referieren.

Beteiligung des Publikums

Neben der Teilnahme an der Abstimmung für die Publikumspreise kann jede/r Zuschauer/in zur interaktiven Ausstellung „América Latina te inspira“ beitragen. Während der Festivaltage sollen sie Fotografien mitbringen, die entweder in einem lateinamerikanischen Land entstanden sind oder die assoziativ mit dem Begriff „Lateinamerika“ verknüpft sind. Auf diese Weise entsteht eine großformatige kollektive Bildcollage, die zur Auseinandersetzung mit den verschiedenen Vorstellungen von Lateinamerika einlädt.

Thomas Völkner

Weitere Informationen, einschließlich des Festivalprogramms, im Netz:

www.lakino-bln.com

Veranstaltungsort:

Kino Babylon, Rosa-Luxemburg-Str. 30, 10178 Berlin

(Nähe U-Bahn Rosa-Luxemburg-Platz und S-Bahn Alexanderplatz)