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Lateinamerika rüstet auf

Brasilien an der Spitze bei Waffenkäufen.

Puebla. Brasilien kauft französische Atom-U-Boote und israelische Drohnen, Chile britische Fregatten, Venezuela russische Kampfjets, und sogar das Armenhaus Bolivien erwirbt russische Militärausrüstung. Die internationale Waffenlobby reibt sich die Hände. Steht Lateinamerika vor einem Rüstungswettlauf und einer neuen Ära der Konflikte? Davor warnte kürzlich der peruanische Außenminister Antonio Garcia Belaunde und schlug einen regionalen Nicht-Angriffs-Pakt vor. Die ständig wachsenden Militärausgaben seien absurd.

In der Tat haben sich innerhalb eines Jahrzehnts die Militärausgaben in Lateinamerika nach Angaben des Instituts für Friedensforschung in Stockholm (SIPRI) mehr als verdoppelt und beliefen sich 2008 auf 34 Milliarden Dollar. Dabei ist der Subkontinent in den vergangenen Jahrzehnten wirtschaftlich und politisch zusammengewachsen, von den bilateralen Animositäten, die zum Teil noch auf die Befreiungskriege zurückgehen, geht keine Kriegsgefahr aus. Und noch immer lebt rund ein Drittel der Bevölkerung Lateinamerikas in Armut. „Fast alle Länder der Region haben wenig Grund für wachsende Militärausgaben“, sagt der britische Rüstungsexperte Robert Munks von Jane´s Intelligence Weekly. Was also steckt dahinter?

Zum einen investieren viele Länder in die Modernisierung eines veralteten Arsenals. In Brasilien und Argentinien sind teilweise noch Flugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg im Einsatz. Seit dem Ende der Militärdiktaturen in den 80er Jahren haben die Länder Lateinamerikas die Verteidigungsausgaben konstant zurückgeschraubt. Entsprechend antik sind die Waffensysteme. Der Konjunkturaufschwung der vergangenen acht Jahre hat die Kassen gefüllt –plötzlich war wieder Geld da für Waffenkaufe. Und alte Rivalitäten und Doktrinen kamen wieder zum Vorschein. So sieht sich Perus Armee gegenüber dem Nachbarland Chile – seit Jahren zusammen mit Kolumbien Spitzenreiter in den Militärausgaben und das Land mit der modernsten Rüstungstechnologie – im Hintertreffen. Auch das Argument der Bekämpfung des „Leuchtenden Pfades“, einer ehemaligen Guerillaorganisation, die in Allianz mit dem Drogenhandel in jüngster Zeit wieder von sich reden macht, wurde angeführt.

Zum anderen hat sich der Subkontinent ideolgisch polarisiert wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Dadurch könne die Aufrüstung einzelner Streitkräfte krisenverschärfend wirken, warnen Daniel Flemes und Detlef Nolte vom Giga-Institut in Hamburg. So hat die jüngste Entscheidung der USA, ihre Militärpräsenz in Kolumbien auszubauen und die IV Flotte zu reaktivieren, die Alarmglocken in der Region läuten lassen. Venezuelas Staatschef Hugo Chavez sah „Winde des Krieges“ wehen und fühlte sich persönlich bedroht. Offizielle venezolanische Militärdoktrin ist daher die Sicherung der Grenzen vor einer US-kolumbianischen Invasion. Auch der Putsch in Honduras, dessen Auslöser ein Machtkampf zwischen dem linken Präsidenten und der rechten Oligarchie des Landes war, weckte bei vielen ungute Erinnerungen an die ideologisch begründeten und von den USA unterstützten Militärputsche der 70 und 80er Jahre.

Zum dritten ist durch Brasiliens Aufstieg als Regionalmacht ein neues Element in das strategische Gleichgewicht gekommen. Brasilien ist inzwischen der größte Waffenkäufer der Region und gab 2008 23 Milliarden Dollar dafür aus. Unter Präsident Luiz Inácio Lula da Silva stieg der Militärhaushalt um 50 Prozent. Das Land sieht sich zunehmend als internationale Führungsmacht und übernimmt als solche auch immer mehr globale Verantwortung außenpolitischer Art – so etwa als Anführer der UN-Truppe in Haiti. Zur offiziellen Doktrin gehört auch, die Erdölvorkommen im Atlantik und die Ressourcen im Amazonas vor unbefugtem Zugriff zu schützen. Außerdem ist Brasilien die treibende Kraft hinter dem Südamerikanischen Verteidigungsrat, der in Zukunft einmal eine Art südamerikanische Nato werden könnte.

Text: Sandra Weiss