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Lateinamerika - Noch der katholische Kontinent?

In vielen Ländern Lateinamerikas spielen sich weit reichende wirtschaftliche, gesellschaftlich-kulturelle und auch religiöse Veränderungsprozesse ab. Eine Fachtagung anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Bischöflichen Aktion Adveniat untersuchte diese Veränderungsprozesse mit Blick auf die eigene Aufgabe: die Unterstützung der pastoralen Arbeit in den lateinamerikanischen Ortskirchen.

Im Jahr 1961 fand die erste Kollekte der deutschen Katholikinnen und Katholiken Für die Kirche in Lateinamerika statt. Im August hatten die deutschen Bischöfe beschlossen, an Weihnachten Geld zu sammeln für die pastorale Arbeit der Kirche auf dem „katholischen Kontinent“, wie man seinerzeit und die nächsten Jahrzehnte noch Lateinamerika fraglos apostrophierte. Was zunächst als einmalige Aktion geplant war, wurde zur Geburtsstunde der „Bischöflichen Aktion Adveniat“. In diesem Jahr feiert sie ihr 50-jähriges Bestehen. Nach eigenen Angaben hat Adveniat die lateinamerikanische Kirche in diesen Jahren mit 2,3 Milliarden Euro unterstützt; jährlich sind es etwa 3.000 Projekte in den Ortskirchen des
Subkontinents, die von den Experten des Werkes entschieden und begleitet werden. Selbstredend hat sich die Arbeit von Adveniat in den zurückliegenden 50 Jahren verändert, so wie sich auch die religiöse Landschaft, die Kirche und die Gesellschaften in Lateinamerika verändert haben. Vor allem: vom „katholischen Kontinent“ lässt sich heute nur noch mit Einschränkungen sprechen. Die religiöse Landschaft befindet sich in einem umfassenden Wandel, wie beispielsweise der so genannte „Religionsmonitor 2008“ der Bertelsmannstiftung zeigt: konkret am Beispiel Guatemalas und Brasiliens, wo sich nach den Daten der Religionssoziologen diese Transformationsprozesse besonders gut belegen lassen (Gütersloh 2007). Zwar behauptet das Christentum in Lateinamerika seine unangefochtene Monopolstellung, aber in diesem sind massive Verschiebungen zugange: In Guatemala hat der Protestantismus insgesamt besonders zugenommen, in Brasilien vor allem die so genannte Pfingstbewegung. Die Autoren des Religionsmonitors resümieren: „Es ist jedenfalls - weder in Guatemala noch in Brasilien - schon lange nicht mehr nur der Katholizismus, der auf die politischen Geschicke der Länder einwirkt.“ Nicht nur der massiven Verschiebungen innerhalb des Christentums, sondern ebenso der Pluralisierung der religiösen Landschaft insgesamt und vielen weiteren gesellschaftlich-kulturellen Transformationsprozessen hatte sich vor vier Jahren die V. Generalversammlung des Rates der Lateinamerikanischen Bischofskonferenzen (CELAM) im brasilianischen Marien-Wallfahrtsort Aparecida angenommen und dabei mehr oder minder selbstkritisch bekannt, bislang nicht die nötigen Antworten auf diese neue Situation gefunden zu haben (vgl. HK, Juli und September 2007, 343 fi und 450ffi, sowie August 2008, 417ff). Im Schlussdokument heißt es: Während viele der lateinamerikanischen Völker sich auf das Gedenken ihrer zweihundertjährigen Unabhängigkeit vorbereiten, „stehen wir in Lateinamerika und in der Karibik vor der Herausforderung, unsere Art und Weise katholisch zu sein und unsere persönlichen Optionen für den Herrn wieder zu beleben, damit der christliche Glaube als grundlegendes Ereignis und lebendig machende Begegnung mit Christus tiefer in die Herzen der lateinamerikanischen Menschen und Völker eindringe (Nr. 13)“. So beklagen die Bischöfe in Bezug auf die Lage der Kirche selbst, dass ihr prozentuales Wachstum nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt halte und die Anzahl der Kleriker und vor allem der Ordensschwestern immer geringer werde. Es gebe Bestrebungen, zu einer Ekklesiologie und Spiritualität zurückzukehren, die der Erneuerung durch das Zweite Vatikanische Konzil widersprechen beziehungsweise die konziliare Erneuerung reduktionistisch deuten und verwenden. Die Option für die Armen bleibe kraftlos. Gläubige Laien würden in ihrem Dienst an der Gesellschaft nur selten begleitet. Evangelisierung erfolge oft nur mit geringem Eifer, ohne neue Methoden oder Ausdrucksformen und in einer Sprache, die für die heutige Kultur kaum verständlich sei. „Wir beobachten mit Sorge, dass in den letzten Jahrzehnten einerseits viele Menschen in ihrem Leben den Sinn für Transzendenz verlieren und religiöse Praktiken aufgeben und dass andererseits eine beachtliche Zahl von Katholiken die Kirche verlässt, um sich anderen religiösen Gruppen anzuschließen.“ (Nr. 100)

Seit der IV Generalversammlung des CELAM in Santo Domingo im Jahr 1992 konstatierten die in Aparecida versammelten Bischöfe aber auch viele Veränderungen in der Gesellschaft. Das Schlussdokument beschreibt unter anderem: Massenmedien, die alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringen, präsentierten täglich ihren Zuschauern eine Welt, in der es keinen Platz mehr für die christliche Überlieferung gibt. In den urbanen und suburbanen Kulturen der lateinamerikanischen Groß- und Megastädte stellten sich die Fragen von Identität und Zugehörigkeit, Beziehung, Lebensraum und Wohnung immer komplizierter. Die Vorherrschaft einer rein ökonomischen Globalisierung mit ihrer Verabsolutierung des Marktes verschärft Ungleichheit und Ungerechtigkeit und schließt diejenigen aus, die nicht über ausreichend Information und Bildung verfügen. Die Chancenungleichheit, die den Kontinent ohnehin beherrscht und zahllose Menschen an die Armut fesselt, werde noch größer. Finanzinstitutionen und transnationale Konzerne entwickelten eine solche Macht, dass sie die lokale Wirtschaft unterwerfen, vor allem aber die Staaten schwächen, die kaum noch Entwicklungsprojekte zu Gunsten ihrer Bevölkerungen voranbringen. Häufig werde der Naturschutz der wirtschaftlichen Entwicklung untergeordnet. Nicht zuletzt beklagen die Bischöfe, die indigenen und die Nachkommen der Afrikaner seien in ihrer physischen, kulturellen und spirituellen Existenz, in ihren Identitäten und ihren Lebensweisen, in ihrer Andersartigkeit, in ihren Territorien und Projekten bedroht. In der Kirche allerdings würden sie wieder hervortreten. Dieser Moment bilde einen „Kairos, in dem die Kirche diesen Menschengruppen respektvoller begegnen kann“ (Nr.91).

Aus dieser Situationsanalyse heraus hatten die lateinamerikanischen Bischöfe ihre Vision einer „großen kontinentalen Mission“ entwickelt. In der Schlussbotschaft von Aparecida
heißt es, diese solle zu einem neuen Pfingsten werden und die Kirche besonders antreiben, „die Katholiken aufzusuchen, die sich entfernt haben und all jene, die wenig oder nichts von
Jesus Christus wissen“.

Die Option für die Armen bekräftigt

Adveniat versucht seinerseits den Veränderungen auf dem „katholischen Kontinent“ Rechnung zu tragen. So hat man 2009 neue Richtlinien für die Projektförderung formuliert, die von der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz im Sommer letzten Jahr beschlossen wurden: für die Mitarbeiter des Lateinamerika-Hilfswerkes Entscheidungskriterien zur Annahme oder Ablehnung der von den lateinamerikanischen Partnern vorgeschlagenen Projekte. Zwei Aspekte bilden das Zentrum dieser Richtlinien: Zum einen die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen, obwohl in vielen Ländern Lateinamerikas die Wirtschaft kontinuierlich wächst und beispielsweise Brasilien längst den Status des „Schwellenlandes“ erreicht hat. Die im –Schlussdokument von Aparecida bekräftigte Option für die Armen ist für Adveniat entsprechend eines der zentralen Projektkriterien. Das andere: Alle von Adveniat unterstützen Projekte müssen von der Basis der Kirche mitgetragen werden.

Auch in diesen Grundsätzen sind noch einmal die tief greifenden Veränderungsprozesse beschrieben, von denen die katholische Kirche betroffen ist: Neben den kirchlichen Basisgemeinschaften hätten geistliche Gemeinschaften an Bedeutung gewonnen. Nichtkatholische Glaubensgemeinschaften und Bewegungen sowie der Prozess der Säkularisierung nehmen weiter zu. Zugleich verliert die katholische Kirche immer mehr an
politischem Einfluss. Umgekehrt zeige sich die Vitalität der Kirche in der Volksreligiosität. Diese erfahre im kirchlichen Handeln und in der manchmal kontroversen theologischen Reflexion zunehmend Wertschätzung. Und nicht zuletzt heißt es in der Einführung zu den neuen Richtlinien: In manchen Ländern gebe es innerkirchliche Konflikte, die die Glaubwürdigkeit der Kirche im Einsatz für die Menschen beieinträchtige.

Entsprechend widmete Adveniat auch zu Beginn seines Jubiläumsjahres eine international zusammengesetzte Fachtagung den gesellschaftlichen, kulturellen und religiösen Transformationsprozessen auf dem „katholischen Kontinent“. Neben Experten und Expertinnen aus Brasilien, Kolumbien und Mexiko sowie Fachleuten aus ganz unterschiedlichen kirchlichen Arbeitsfeldern von der Indigenen-Pastoral bis zum Direktor des größten katholischen Fernsehsenders in Brasilien nahm an der Tagung auch der Vizepräsident des CELAM, Baltazar Enrique Porras, teil. Der Erzbischof von Mérida in Venezuela referierte damit vor einem persönlichen Hintergrund, der im Schlussdokument von Aparecida deutlich beschrieben ist: Man konstatiere wohl einen gewissen Demokratisierungsprozess auf dem Kontinent, der sich in verschiedenen Wahlen erwiesen habe. Mit Sorge aber beobachte man auch, dass sich mit demokratischen Mitteln unterschiedliche Formen autoritärer Regression beschleunigt ausbreiteten, so dass es auch zu „Regimen neopopulistischer Prägung“ komme.

In einer Anfang des Jahres veröffentlichten Erklärung zum 200. Jahrestag der Erklärung der Unabhängigkeit Venezuelas hat die Bischofskonferenz des Landes zum wiederholten Mal in diesem Sinn scharfe Kritik an Präsident Hugo Chávez geübt. Die Bischöfe werfen Chávez vor, die „Einführung eines sozialistischen totalitären Staates“ zu betreiben, der alle ausschließe die die sozialistische Ideologie nicht teilten (vgl. HK, Juni 2007, 294ff und Januar 2009, 43 ff).

Eine Pastoral, die zu den Menschen geht

Erzbischof Porras unterstrich bei der Adveniat-Tagung noch einmal den Grundgedanken der großen „kontinentalen Mission“: dass die Kirche dorthin gehen muss, wo die Menschen nicht mehr zu ihr kommen, dorthin wo sie arm und marginalisiert, nicht mehr religiös sind. Dabei müsse die Kirche in jedem Fall neue Wege gehen. Schnelle Antworten auf den tief greifenden Wandel werde es nicht geben. Ausdrücklich bekräftigte er aber die notwendige Beteiligung aller in der Kirche, Laien, Priester und Bischöfe. Und er mahnte zugleich, die Kirche dürfe sich dabei nicht mit sich selbst beschäftigen und stets ihren Dienst an der Gesellschaft im Blick haben.

Erwartungsgemäß zeichneten die von Adveniat in Kooperation mit der Akademie des Bistums Essen „Die Wolfsburg“ geladenen Experten ein sehr differenziertes Bild von den religiösen, gesellschaftlich-kulturellen Transformationsprozessen auf dem einstmals katholischen Subkontinent, warnten vor schlichten Gegenüberstellungen und Schwarzweißbildern, beschrieben Wechselwirkungen und gegenseitig sich verstärkende oder schwächende Prozesse und mahnten vor allem, die oft sehr unterschiedlichen Situationen zwischen und innerhalb der einzelnen Länder Lateinamerikas wahrzunehmen.
Unentschieden blieb auch die Diskussion, inwieweit die katholische Kirche ihre Mitglieder etwa durch autoritäres Machtgebaren und eine lebensferne oder -feindliche Lehre und Verkündigung den Pfingstkirchen zutreibe, mithin wie viel Schuld sie trägt am eigenen Niedergang: Den schärfsten Vorwurf an die Adresse der katholischen Hierarchie formulierte hierbei in diesem Zusammenhang Jean-Pierre Bastian, Religionssoziologe von der Universität Straßburg, und machte diesen beispielsweise am teilweise höchst aggressiven Vorgehen eines Teils der lateinamerikanischen Bischöfe gegen die Basisgemeinden fest.

Ausführlich beschrieb der Bielefelder Religionssoziologe Heinrich Schäfer den Zusammenhang zwischen den gesellschaftlich-ökonomischen Transformationsprozessen und der Ausbreitung der Pfingstkirchen. Er zeigte dabei vor allem die großen Unterschiede: in Lehre, Liturgie, politischem Engagement, Führungsstruktur und Finanzgebaren und eben auch bezüglich des sozialen Status der Anhänger zwischen den „klassischen“ Pfingstkirchen und Neopfingstlern. Gerade was die sehr unterschiedliche politische Interessenwahrnehmung angeht, muss genau unterschieden werden, welcher gesellschaftlichen Schicht die Anhänger angehören. Die Vorstellung von einer homogenen Pfingstbewegung, die politisch konservativ, theologisch unreflektiert Jenseits-bezogen und antiökumenisch ausgerichtet ist, hat sich demnach schon seit einigen Jahren überlebt. Pfingstgemeinden finden sich in den verschiedenen sozialen Schichten, einige lassen sich offenbar auch als politisch links und theologisch progressiv bezeichnen. Immer wieder mahnten die Referenten von Adveniat-Tagung beim Blick etwa auf die Pfingstkirchen entsprechend nicht nur deren Vielfalt, sondern auch die zunehmende Pluralisierung innerhalb der katholischen Kirche im Blick zu behalten (Vgl. HK, Juni 2005, 300ff).

Entsprechend differenziert fiel auch die Antwort auf die Frage nach den Chancen oder Hindernissen einer katholischpentekostalen Zusammenarbeit beziehungsweise Ökumene aus. Eindringlich beschrieb die kolumbianische Soziologin Ana Mercedes Pereira Souza mit dem „nationalen ökumenischen Netzwerk von Frauen für den Frieden“ ein gutes Beispiel für die von dem Religionssoziologen Schäfer skizzierte „Ökumene von unten“: eine ökumenische Zusammenarbeit vor dem Hintergrund bestimmter Lebenslagen, existenzieller Nöte und Probleme. Auf der Grundlage ausführlicher Studien unter Kolumbianerinnen zeichnete Pereira dabei ein für die Kirchenleitung in ihrem Land wenig schmeichelhaftes Bild: Das Gros der Frauen fühlt sich offenkundig von der Amtskirche in ihren existenziellen Nöten - sie sind die häufigsten und oft mehrfach belasteten Opfer der unvorstellbaren Gewalt in Kolumbien - oft alleingelassen, von einer wirklichen Partizipation im Sinne auch eines Mitentscheidens ausgeschlossen.

Ein gleichfalls äußerst facettenreiches Bild des Modernisierungsprozesses innerhalb der brasilianischen Gesellschaft(en) zeichnete die Soziologin Silvia Regina Alves Fernandes, die an der „Universidade Federal Rural“ in Rio de Janeiro lehrt. Dabei mahnte sie, diesen Prozess nicht mit der europäischen Moderne zu verwechseln: Die sich vor allem durch eine rasante Pluralisierung der Lebensformen modernisierende brasilianische Gesellschaft zeige vor allem keine gleichermaßen ausgeprägte Individualisierung noch Säkularisierung, nicht die für das moderne Europa selbstverständliche Trennung von Staat, Politik und Religion. Die hohe Attraktivität der Pfingstkirchen in den verschiedenen Milieus der brasilianischen Gesellschaft gerade gegenüber der katholischen Kirche sieht dabei auch sie in der hohen Erfahrungs- und Erlebnisdimension in Gottesdienst und Verkündigung. Vor voreiligen Schlüssen warnte aber etwa auch der Mainzer Sozialethiker Gerhard Krug) in Bezug auf die Frage, welche Wechselwirkungen zwischen den religiösen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungsprozessen bestehen: etwa in dem Sinne, dass eine zunehmende „Protestantisierung“ den wirtschaftlichen Erfolg forciere oder umgekehrt beispielsweise einer weiteren Entsolidarisierung oder Entpolitisierung der lateinamerikanischen Gesellschaften Vorschub leiste. Hier sahen die diskutierenden Lateinamerika-Experten vor allem noch ein deutliches Forschungsdefizit.

Wo sich die Referenten überhaupt zu Ratschlägen an die katholische Kirche durchringen wollten, wie diese auf dem immer pluraler werdenden religiösen Markt bestehen könnte, kehrten die immer gleichen Stichworte wieder: eine größere Nähe zu den Lebensfragen, alltäglichen Nöten und Sorgen der Menschen und das Angebot spiritueller Erfahrungen und Erlebnisse. Gleichermaßen warnten sie aber auch, sich auf „Emotionalität“ zu beschränken oder beschränken zu lassen und damit in schlechter Konkurrenz ihre politisch-prophetische Aufgabe und Sendung zu vernachlässigen.

Sensibel für die verschiedenen religiösen Kulturen

Der brasilianische Pastoraltheologe Agenor Brighenti von der Päpstlichen Universität in Paraná beschrieb eindringlich die Konsequenzen, die die Kirche in Brasilien für ihr pastorales Handeln ziehen sollte. Entscheidend sei, die mit dem Transformationsprozess einhergehende Krise aller religiösen Institutionen nicht als Sackgasse, sondern als Kreuzungspunkt und als Chance zu verstehen. Gleichermaßen warnte er vor restaurativen Bestrebungen, die nur in rückwärtsgewandten Strategien die Lösung sehen. Unter dem Stichwort einer „inkulturierten Evangelisierung“ beschrieb Brighenti seine Vision einer im Rückgriff auf die biblischen Quellen sich ihrer Sendung neu bewusst werdenden missionarischen Kirche; wobei es dieser Mission allerdings nicht um Rekrutierung kirchlicher Mitglieder geht und sich die Missionare und Missionarinnen stets bewusst bleiben müssen, dass auch sie das Evangelium
empfangen haben.
Ausdrücklich hatten sich die in Aparecida versammelten Bischöfe dem Phänomen der Verstädterung in Lateinamerika ~ ein Großteil der Bevölkerung (70 Prozent) lebt in den lateinamerikanischen Millionenstädten - und der damit hohen Bedeutung der Stadtpastoral gewidmet. Vor allem die Rand- und Elendsbezirke mit ihrem hohen Anteil an Binnenmigranten verlangten besondere Aufmerksamkeit (vgl. HK, Oktober 2007, 533 ff).
Quasi in Konkretion der von Brighenti geforderten „zu den Menschen gehenden Pastoral“, stellte der mexikanische Pastoraltheologe und Pfarrer Benjamin Bravo bei der Fachtagung einen nach eigenen Angaben sehr erfolgreichen pastoralen Neuansatz in Mexiko City vor: die „Hausgemeinden“. In einigen Aspekten erinnert dieser pastorale Ansatz an die so genannten „Kleinen Christlichen Gemeinden“, deren Aufbau und Verbreitung von einigen Ortskirchen in Asien und im südlichen Afrika seit einigen Jahren forciert werden; auch die „Hausgemeinden“ in Mexiko -Stadt sind nachbarschaftlich ausgerichtet.
Vor allem der Kirche Fernstehende sollen mit diesem Angebot angesprochen werden, in dem sie aufgesucht werden in ihrem Alltag, auf dem Markt, der Schule, vor der Kaserne oder am Krankenlager in der Familie; ein Dienst, geleistet von eigens geschulten und befähigten Laien, die vor allem eines sein müssen, sensibel für die unterschiedlichen vielen religiösen Kulturen in den Randbezirken der Megacity. Auch hier geht es nicht um Rekrutierung. Im Erzbistum Mexiko-City ist dieser Ansatz Teil der pastoralen Ausbildung der Priester. Offenkundig bestehen aber innerhalb des mexikanischen Episkopates auch Vorbehalte.
Am Ende der Tagung bekräftigte Adveniat- Geschäftsführer Bernd Klaschka die Ausrichtung des Werkes gemäß der neuen Projektrichtlinien und unterstrich, dass in allem kirchlichen Tun die soziale Realität und die Spiritualität, die emotionale und die politisch-prophetische Dimension verbunden bleiben müssten. Ausdrücklich betonte er auch die besondere Verpflichtung Adveniats zur Anwaltschaft für die indigene Bevölkerung in Lateinamerika (vgl. I-IK, September 2003, 470ff, und HK Spezial 2-2010, 51ff.).
Nicht zuletzt sieht er Adveniat gerade in seinem Jubiläumsjahr in der Pflicht, die Anliegen Lateinamerikas noch stärker in die pastorale Arbeit der deutschen Ortskirche und in die politisch-gesellschaftliche Debatte in Deutschland überhaupt zu tragen. Dass dabei die Erfahrungen der lateinamerikanischen Ortskirchen auch für die Kirche hierzulande bereichern sein könn(t) en, hat Adveniat mit seiner jüngsten Aktion Ende letzten Jahres zu zeigen versucht: In deren Zentrum stand das vielfältige Engagement von Laien in der lateinamerikanischen Kirche und Gesellschaft - mit ausdrücklichem Hinweis auf den kurz zuvor vom Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gestarteten Dialogprozess, bei dem das Verhältnis von Laien und Priestern einen der beiden inhaltlichen Schwerpunkte bilden soll.

Alexander Foitzik (erschienen in Herder-Korrespondenz, Heft 4 2011)

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