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Landverteilung in Kolumbien: eine historische Schuld

Die Frage der Landverteilung in Kolumbien nahm während des bewaffneten Konflikts als auch danach eine zentrale Rolle ein. Doch bis heute scheint man nicht die richtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen zu haben.

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Landwirtschaft in der Region um die kolumbianische Stadt Pasto. Foto: Adveniat/Martin Steffen

Der Traum von einer Agrarreform in Kolumbien mündete Mitte der 1960er Jahre in einen 52 Jahre dauernden Krieg. Darin wurden nach offiziellen Angaben mehr als sieben Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben und mehr als 200.000 getötet wurden. Die ungleiche Landverteilung, um die es dabei ging, steht bis heute im Mittelpunkt des inneren Konflikts in Kolumbien.

Immerhin: Um zumindest einige Fehler der jüngeren Vergangenheit zu korrigieren, gibt es nun ein Landrückgabeprogramm. Es sieht vor, einige Schäden des bewaffneten Konflikts zu beheben, indem man Opfern Gebiete zurückgibt, die ihnen nach dem 1. Januar 1991 genommen wurden. Nach Angaben der jetzigen Regierung sind 122.463 Restituierungsanträge eingegangen, von denen 10.396 bereits in Gerichtsurteilen entschieden wurden. In 4.581 Fällen wurde eine Restitution angeordnet. Insgesamt bleiben noch mehr als 100.000 Anträge, die auf eine Antwort warten (Stand: 29. Juli 2019). Die Zahlen spiegeln wieder, wie viel zu tun bleibt. "Wir sind schon sehr nah an der Frist für den Abschluss dieses Prozesses, und die Ergebnisse sind sehr klein im Vergleich zur Größenordnung der Landenteignung. Leider sind die öffentlichen Einrichtungen überfordert und können ihre Funktion nicht erfüllen, und dies wiederum ist von grundlegender Bedeutung für das Gelingen des Friedensabkommens", sagt Jhenifer Mojica, Vizedirektorin des kolumbianischen Instituts für ländliche Entwicklung (INCODER).

Alejandro Reyes, Ex-Berater des ehemaligen Landwirtschaftsministers Juan Camilo Restrepo (2010-2013), bewertet den Prozess ganz anders: Er hebt die "ernsthafte, rigorose und methodische" Arbeit hervor, die geleistet wurde, um ein Kataster zu erstellen und so jede Restitution nachvollziehbar zu machen. Er versichert, dass dies eine Mammut-Aufgabe sei, in einem Land, in dem mehr als die Hälfte der Eigentümer keinen Grundbucheintrag hätten: "Fast die Hälfte der Anträge wurden bereits bearbeitet. In acht Jahren sind fünfzig Prozent der Projektziele erreicht. Das ist ein Rekord an staatlicher Effizienz in einem Land wie Kolumbien", sagt Reyes.

Die ungerechteste Verteilung auf dem Kontinent

Der Bericht der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), der 2017 veröffentlicht wurde, weist darauf hin, dass in Kolumbien die Versuche einer Agrarreform mit Eigentumsverteilung durch drei grundlegende Faktoren vereitelt wurden: den starken Widerstand der Interessengruppen, staatliche Ineffizienz und halbherzige Maßnahmen der Politik. Eine Kombination, die Kolumbien zum Land mit der ungleichsten Landverteilung Lateinamerikas mache, so das Urteil der Entwicklungsorganisation Oxfam. Im Jahre 2014 schätzte Oxfam, dass ein Prozent der Grundbesitzer 81 Prozent der Landfläche in Kolumbien kontrollieren. Die Gründe hierfür sind sowohl historisch als auch politisch bedingt und sind bis heute ein ungelöstes Problem.

"Das Problem ist, dass wir eine Entwicklungsagenda im Land haben, die eine Monopolisierung fördert und dadurch den Konflikt verschärft. Deswegen stand bei den Friedensverhandlungen die Agrarfrage ganz oben auf der Liste der zu lösenden Probleme", sagt Jhenifer Mojica. Gleichwohl sei es der Punkt, bei dem die geringsten Fortschritte erzielt wurden. Und die meisten Aktivisten, die nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages ermordet wurden, sagt sie, hätten sich mit der Landverteilung befasst.

Immerhin scheint es ein großer Schritt nach vorne zu sein, dass der Staat ein Verfahren auf den Weg gebracht hat, den Landbesitz auf den Stand von 1991 zu bringen. "Es ist immerhin das offizielle Eingeständnis, dass ein Unrecht geschehen ist", sagt Alejandro Reyes. "Die Einsicht, dass es Vertreibung und unrechtmäßige Enteignung gegeben hat, sagt viel über den Bewusstseinswandel in diesem Land aus." Mittlerweile werde anerkannt, dass ein Frieden in Kolumbien nur mit Gerechtigkeit für die Klasse der Bauern möglich sei.

Die Gefahr eines wiederkehrenden Konfliktes

Die jüngsten Meinungsverschiedenheiten innerhalb der ehemaligen FARC-Rebellen scheinen eine latente Gefahr für die ländlichen Gebiete Kolumbiens zu sein. Die scharfen Töne, die man derzeit aus dem Regierungspalast hört, sagen manche, erschwerten die Situation.

Alejandro Reyes sieht jedoch die angekündigte Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes durch einige FARC-Dissidenten als Wendepunkt, der das Friedensabkommen nicht beeinträchtigt, sondern stattdessen die Unklarheiten innerhalb der Ex-Guerilla auflöst. "Es festigt die Position derjenigen, die für den Frieden eintreten, und grenzt sie ab von denjenigen, die den Drogenhandel weiterführen wollen. Es klärt die Verhältnisse und verpflichtet den Staat umso mehr, sich an die Vereinbarungen zu halten."

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