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La Vida Loca - ein Leben zwischen Drogen und Gewalt

Sie sind mit Tätowierungen übersäht, verständigen sich in einem eigenen Sprach-Mix aus Englisch und Spanisch und ihr Alltag besteht aus grenzenloser Gewalt. Sie terrorisieren ganze Städte und ihre Existenz hat sich für Zentralamerika zu einem umfassenden Sicherheitsproblem entwickelt. Die Maras sind transnational vernetzte, straff organisierte Jugendbanden, die sich über Drogen- und Waffenhandel finanzieren. Sie sind hauptsächlich in den Großstädten El Salvadors und Guatemalas zu finden und kontrollieren dort ganze Stadtteile. Wo sie leben, hat das staatliche Gewaltmonopol keine Bedeutung mehr.

Im Zusammenhang mit dem Drogen- und Waffenhandel kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den unterschiedlichen Banden, dem viele Gang-Mitglieder zum Opfer fallen. Laut der Organisation Amerikanischer Staaten werden neun von zehn Morden in Mittelamerika an Jugendlichen verübt, viele davon im Bandenkrieg, den sich die beiden größten Maras 18 und Salvatrucha liefern.

Ihren Ursprung haben die Maras in den USA. Während der 1980er flohen viele Salvadorianer und Guatemalteken vor den diktatorischen Regimen ihrer Länder in die USA. Dort schlossen sich besonders die jungen Menschen häufig den Streetgangs an. Nach dem Ende des Bürgerkriegs in Zentralamerika in den 1990er Jahren begann eine Rückwanderungswelle. Viele der straffällig gewordenen Gangmitglieder wurden abgeschoben. In ihrer Heimat erwartete die jungen Menschen ein vom Krieg zerrüttetes Land, das kaum Perspektiven bot. Aus dieser Situation heraus etablierten die Bandenmitglieder die Gangstrukturen, die sie aus den USA kannten.

Die Antwort einer verlorenen Generation

Inzwischen machen die Rückwanderer aus den USA nur noch einen sehr geringen Teil der neuen Mitglieder aus. Der Zulauf aus den Elendsvierteln der Großstädte El Salvadors und Guatemalas hat diese längst überholt. Mit einer Armutsquote von knapp 40 Prozent in El Salvador und 51 Prozent in Guatemala gibt es zu viele junge Menschen, die Arbeits- und Perspektivlosigkeit gerne gegen die Solidarität einer großen Gruppe eintauschen. Oft stammen die Mitglieder aus zerrütteten Familien, so dass die Mara gleichzeitig auch zum Familienersatz wird. Die Schätzungen über die Mitgliederzahl variieren dementsprechend zwischen 70.000 und 500.000 für ganz Mittelamerika.

Ein Bandenmitglied oder Pandillero lebt nach seinem Beitritt zur Mara im Durchschnitt drei Jahre. Das so genannte "la vida loca" (verrückte Leben) - wie die Mischung aus Drogen, Gewalt und Sex genannt wird - viel länger zu überleben, scheint nicht möglich. Viele der Pandilleros sterben im Bandenkrieg um Territorien. In El Salvador beispielsweise kommen heute täglich mehr Menschen um, als zu Zeiten des Bürgerkriegs. Guatemala weist eine der höchsten Mordraten weltweit auf.

Repression statt Prävention

Die Regierungen Zentralamerikas reagierten auf das Phänomen bisher mit der Politik der harten Hand. Sowohl in Guatemala als auch in El Salvador ist es seit Mitte der 2000er Jahre strafbar, ein Gangmitglied zu sein. Diese können folglich verhaftet werden, ohne dass ihnen ein konkretes Verbrechen zur Last gelegt wird. In El Salvador können Minderjährige dasselbe Strafmaß erhalten wie Erwachsene. Diese Gesetze werden häufig begleitet von Großrazzien, die das Militär und die Polizei in einschlägigen Stadtteilen durchführen. Nahezu jeder, der eine Tätowierung am Körper hat, wird festgenommen und der Mitgliedschaft in einer Mara beschuldigt. Nach Einschätzungen von Experten werde die staatliche Repression das Problem der Maras langfristig nicht lösen können. Zwar würden die Mordraten in einigen Stadtvierteln kurzzeitig sinken, das Problem werde aber so nicht ursächlich behandelt. Die Maras haben keine Probleme, immer wieder neue Mitglieder zu rekrutieren. Zu oft ist das Leben junger Menschen geprägt von Arbeitslosigkeit, Armut und sozialer Desintegration. Folglich müssten die Regierungen der betroffenen Länder vor allem präventiv handeln und bei der Bekämpfung der sozioökonomischen Ursachen der Maras ansetzen, um das Problem endgültig zu lösen.

„Es sind junge Menschen, die leiden, die uns hassen, die uns herausfordern. Sie erwecken die schlimmsten Albträume. Aber im Grunde sind sie der Ausdruck absoluter menschlicher Einsamkeit“, sagt der verstorbene Kriegsfotograf und Filmemacher Christian Poveda kurz vor seinem Tod über die Mitglieder der Maras.

Autorin: Anna-Maria Jeske