Kolumbien |

Kunstprojekt: Die Zukunft der Erinnerung

Spontaner Protest: Straßenbesetzung in Buenaventura (im Hintergrund das Wandgemälde mit dem Antlitz von Temístocles Machado) Foto: Ricardo Delgado/Goethe-Institut
Spontaner Protest: Straßenbesetzung in Buenaventura (im Hintergrund das Wandgemälde mit dem Antlitz von Temístocles Machado) Foto: Ricardo Delgado/Goethe-Institut

Als sich der Himmel öffnet und ein tropischer Sommerschauer auf die Erde niedergeht, wird spontan die Straße unter der nahen Brücke besetzt und gemeinsam eine Parole angestimmt: „¡Buenaventura no se rinde, carajo!“ „Buenaventura gibt nicht auf, verdammt!“. Die Lastwagen, die sich den ganzen Tag im Schritttempo stinkend die Straße vom Hafen entlang schieben, müssen anhalten. So aktivistisch startet das Projekt „La carretera al mar“ („Die Straße zum Meer“) des Goethe-Instituts in Buenaventura an der sonst unzugänglichen Pazifikküste im Südwesten Kolumbiens.

Hier in Buenaventuras Viertel Isla de la Paz hat die Künstlerin Liliana Angulo aus Bogotá gemeinsam mit den afrokolumbianischen Bewohnern damit begonnen, das Archiv des im Januar 2018 ermordeten Community Leaders Temístocles Machado sichtbar zu machen. Es dient der Erinnerung an den Widerstand der Gemeinde gegen Marginalisierung und Verdrängung und nun, tragischerweise, auch dem Gedenken an „Don Temis“ selbst. An der Brückenwand hängt ein Wandgemälde mit seinem Antlitz, darüber steht Machados Prophezeihung: „In Wirklichkeit wird dieser Kampf hier nie aufhören.“

„Die Straße zum Meer“ ist Schlusspunkt des größeren Projekts „Die Zukunft der Erinnerung“, bei dem sieben Goethe-Institute in Südamerika die Zivilgesellschaft, KünstlerInnen und AktivistInnen eingeladen hatten, um angesichts von Erfahrungen mit Gewalt, Terror und Vertreibungen auf dem ganzen Kontinent nach experimentellen Formen der Erinnerungsarbeit zu suchen.

Entwicklung ohne Teilhabe der Bevölkerung

Dass das auch für Kolumbiens wichtig ist, zeigt sich bei den Diskussionen am nächsten Tag im Museum La Tertulia in Cali, der drittgrößten Stadt Kolumbiens: Junge Filmemacher aus Buenaventura berichten von den Ereignissen im Mai 2017, als ein Generalstreik das Leben der Hafenstadt drei Wochen lang lahmlegte. Im modernen Containerhafen Buenaventuras wird ein Großteil der Waren Kolumbiens umgesetzt, wofür auch die Straße von Cali zum Meer aufwendig ausgebaut wurde. Doch die Bewohner Buenaventuras haben davon so gut wie nichts, 80 Prozent von ihnen leben weiter in entwürdigender Armut.

In der Projekt-Ausstellung im La Tertulia gibt es mehrere Videoarbeiten zum Streik, bei dessen Moblisierung soziale Medien eine wichtige Rolle spielten. Youtube-Aufnahmen vom Rapper El Teacher laufen in Endlosschleife sein im Bett in Unterhemd vorgetragener Acapella von „Lo que nos merecemos“ („Was wir uns verdient haben“) ging viral, am Ende musste die Regierung Zugeständnisse machen. Sie wollten die Menschen aus Buenaventura „ihre eigenen Geschichten erzählen“ lassen, sagt Jonathan Hurtado von Yemajá Productions bei der Vorstellung ihrer Streik-Dokumentation „Juntos somos más“ („Gemeinsam sind wir mehr“) Geschichten, die im Fernsehen nicht zu sehen sind.

Gewalt und Diskriminierung trotz Friedensschluss

Vielleicht am Bedrückendsten bei der Ausstellungseröffnung im La Tertulia ist die künstlerische Intervention des afrokubanischen Performers Carlos Martiel: Von unten sieht man nur eine steil aufsteigende Treppe, über der ein Bildschirm hängt, auf dem ein steriler Imagefilm zur Hafenumgestaltung in Buenaventura läuft. Wenn man die Stufen hinaufsteigt, landet man auf einem Podest mit einer durchsichtigen Scheibe unter einem steht Martiel, gänzlich nackt, stundenlang eingepfercht auf winzigem Raum. Eindrucksvoller kann man die Gewalt, der die Schwarzen seit Jahrhunderten ausgesetzt sind, kaum darstellen.

Wie komplex die Frage nach der Erinnerung in einem Land ist, das mit dem Friedensabkommen zwar die bürgerkriegsartigen Zustände der letzten 50 Jahre überwunden hat, aber bisher weder die Verbrechen der Vergangenheit wirklich aufgearbeitet noch die strukturelle Ungleichheit beseitigt hat, wird in den kommenden Tagen immer wieder deutlich; zumal noch völlig unklar ist, wie der Friedensprozess unter dem neuen ultrarechten Präsident Iván Duque weitergeht. Auch das Morden hält an: Seit der Unterzeichnung des Abkommens zwischen der Regierung und der FARC-Guerilla im Dezember 2016 sind rund 300 Gemeindevorsteher und Aktivisten von Paramilitärs umgebracht worden. Die meisten von ihnen waren Afrokolumbianer und Indigene, die sich in Landrechtsfragen engagiert hatten.

Frieden setzt Erinnerung, Aufarbeitung und Versöhnung voraus

Kolumbien hat im Friedensabkommen bestimmte Mechanismen nicht nur zu Fragen wie Entschädigungen und Landrückgabe, sondern auch zur historischen Aufarbeitung und Erinnerung festgelegt; jetzt kommt es darauf an, wie sie umgesetzt werden. Um die, so wichtige, Landreform sieht es schon einmal schlecht aus. Es wurde unter anderem eine Wahrheitskommission eingerichtet und mit der Sonderjustiz für den Frieden (Jurisdicción especial para la Paz) ein Gericht, das schwere Straftaten verfolgen soll. Das Nationale Zentrum für Erinnerung (Centro Nacional de Memoria Histórica) veröffentlicht dagegen fundierte Untersuchungen zum Thema, sie erreichen allerdings nur eine akademische Leserschaft. Können Unterhaltungsformate vielleicht helfen, ein größerers Publikum zu interessieren sogar solch kitschige wie die Netflix-Serie „La niña“, in der sich eine gewaltsam zur FARC gezwungene Guerillera und ein Paramilitär ineinander verlieben?

Intensiv und emotional aufwühlend wird über diese Fragen fünf Tage lang debattiert auch mit Gästen aus dem Ausland wie der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel, der österreichischen Kulturwissenschaftlerin Karin Harrasser und der Künstlerin Hannah Hurtzig von der Mobilen Akademie Berlin (MAB). Harrasser und Hurtzig, die bereits seit Jahren zu Kolumbien forschen, bereiten gerade ihre filmische Langzeitbeobachtung „Chronik einiger zukünftiger Ereignisse“ vor, bei der ausgewählte ProtagonistInnen zehn Jahre lang über die gesellschaftliche Transformation Kolumbiens reflektieren werden.

Die mündliche Überlieferung als Kultur der Erinnerung

Zur Kandidatenauswahl sollen vorab im ganzen Land Castings vor Publikum stattfinden. Ein solches partizipatives, erzählerisches Format im öffentlichen Raum macht auch aus einem anderen Grund Sinn: Denn das Mündliche sei, sagt der Philosoph und Medienprofessor Jésus Martín-Barbero aus Bogotá im Interview mit Harrasser und Hurtzig, „die eigentliche Kultur der Erinnerung“, in der die meisten Kolumbianer „träumen und leben“. Laut Martín-Barbero kommt es angesichts des oft hegemonialen Diskurses um das „Patrimonio”, das nationale historische Erbe, ohnehin darauf an, „Erinnerungen im Plural“ zu erzählen. Erinnerung sei die „Erinnerung des Volkes“, und nicht die der „patria“. „Das Vaterland hat keine Erinnerung.“

Miteinander zu reden, ist auch bei dem versöhnlichen Ritual elementar, das zum Abschluss von „La carretera al mar“ vor dem Museum La Tertulia zelebriert wird: Die afrokolumbianische Comunidad San Miguel errichtet einen mit Blumen und Girlanden geschmückten Altar, um sich von den unlängst ermordeten Aktivisten so gemeinschaftlich zu verabschieden, wie es im Pazifik-Departement Chocó üblich ist. Es wird zusammen gebetet und gespeist, über den Verstorbenen gesprochen, über seine Vorlieben und Schwächen, und überwiegend von Frauen spezielle Totenlieder, die „alabaos“, gesungen, während an den Tischen daneben Domino gespielt wird. Neun Tage lang dauert die synkretistische Trauerfeier normalerweise, bevor die Seele des Toten friedlich ins „El más allá“, das Reich zwischen Erde und Himmel, entschwindet.

Autor: Ole Schulz

„Die Zukunft der Erinnerung“ ist ein Großprojekt von sieben Goethe-Instituten in Südamerika von Bogotá bis Santiago de Chile sowie vieler lokaler Partner, u.a. Casa do Povo (São Paulo), Sitio de emoria ESMA (Buenos Aires), Mapa Teatro (Bogotá) und der Universidad del Pacífico (Lima). Die Abschlussveranstaltung „La carretera al mar" fand im August 2018 in den kolumbianischen Städten Cali und Buenaventura statt. Die Ausstellung „(El otro lado de la) carretera al mar“ läuft noch bis zum 12.11.2018 im Museum La Tertulia in Cali, Infos: www.museolatertulia.com & www.goethe.de/carretera

In Kurzfassung ist dieser Text bereits bei Goethe Aktuell erschienen:
https://www.goethe.de/de/uun/akt/21340348.html
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