Kultur |

Kultur der Azteken im Linden-Museum Stuttgart

Inkas, Mayas, Azteken - die drei großen Hochkulturen faszinieren seit jeher viele Menschen. Zum 500. Jahrestag der Eroberung des Aztekenreichs will das Linden-Museum die Geschichte aus dessen Sicht schildern.

© D.R. Archivo Digital de las Colecciones del Museo Nacional de Antropología, Secretaría de Cultura – INAH

Was vor einem halben Jahrtausend als triumphale Eroberung einer fremden Welt gesehen wurde, gilt heute für viele als 500. Jahrestag einer Tragödie: die Landung des spanischen Eroberers Hernán Cortes an der heutigen mexikanischen Küste, die in der Ausrottung und Zerstörung großer Teile der aztekischen Kultur und Gesellschaft mündete. Mit einer großen Landesausstellung will das Stuttgarter Linden-Museum vom 12. Oktober 2019 bis 3. Mai 2020 einen neuen und vertiefenden Blick auf die untergegangene Hochkultur ermöglichen. Schirmherr der Schau ist Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier.

"Die Geschichte der Azteken aus ihrer eigenen Perspektive erzählen"

Es geht nach den Worten von Museumsdirektorin Ines de Castro gerade nicht darum, das von den Spaniern zur Rechtfertigung ihres mörderischen Handelns entworfene Bild der Azteken von "Opferung, Blut und Krieg" zu zeigen. Vielmehr will die Stuttgarter Schau "die Geschichte der Azteken aus ihrer eigenen Perspektive erzählen". Und dabei, so de Castro am Donnerstag vor Journalisten, muss über deren "Kunst, Poesie und Wissen" gesprochen werden.

Aber natürlich basierte die aztekische Hochkultur - so wie im Prinzip jede andere - auch auf der Unterdrückung benachbarter Völker. Es ging um Tributleistungen, die von der multiethnischen Bevölkerung in den angrenzenden Regionen im heutigen Mittelamerika geleistet werden mussten, die den Eliten und ihren Priestern in den Stadtstaaten Tenochtitlan - heute ist dort Mexiko-Stadt -, Tlatelolco und Tlacopan zugutekamen. Keine Rolle spielte nach den Worten von Ausstellungskuratorin Doris Kurella für die Azteken die Idee, eine wie auch immer geartete Weltanschauung auf die unterworfenen Völker übertragen zu wollen. Das Konzept des militärisch haushoch überlegenen Volkes lautete schlicht: Schutz gegen Tribut.

Das Weltbild der Azteken war streng dualistisch, es gab einen männlichen und einen weiblichen Ursprungsgott. Sie schufen weitere Gottheiten und alle Kreaturen. Damit die Schöpfung erhalten bleibt und der Kreis des Lebens weiter geht, müssen die Götter durch Opfer bei Laune gehalten werden. Rituelle Menschenopfer eingeschlossen. Der Ausstellungsrundgang nähert sich dem Herzen des Aztekenreichs langsam an: Beginnend an der Peripherie, also den abgabepflichtigen Völkern, geht es ins Innere des Reiches, in die Hauptstadt Tenochtitlan, deren Mittelpunkt der Herrscherpalast mit dem heiligen Bezirk bildet, den der Templo Mayor dominiert.

Gold und Federn: Die Kunst der Azteken 

Für "Kunst, Poesie und Wissen" der Azteken stehen etwa zwei bunte Federschilde, grazile Skulpturen, detailreich bemalte Masken, filigran gearbeitete goldene Ohrringe, große Räuchergefäße aus Keramik und reich verzierte, für den rituellen Gebrauch produzierte Messer. Das fast grotesk wirkende Gegenstück zu den ausgefeilten Werken bildet ein fast zwei Kilo schwerer Goldbarren, den die Spanier mutmaßlich aus Kunstgegenständen herstellen ließen.

Ausdrücklich will die Schau sich nicht damit begnügen, die Exponate auf ihre Schönheit und Ästhetik zu reduzieren. Sie sollen vielmehr in den Zusammenhang der aztekischen Kultur eingeordnet werden. Angestrebt wird "das Verständnismodell einer ganzen Gesellschaft". Das ist anspruchsvoll, weil es den Eroberern gelang, große Teile der vorspanischen Kultur zu zerstören. Als Quellen bleiben vor allem die spanischen Berichte über Cortes' Eroberungen, die natürlich stark interessengeleitet formuliert und deshalb mit Vorsicht zu genießen sind.

Exponate aus Mexiko

Und natürlich die Grabungen, die in Mexiko-Stadt bis heute andauern. Die meisten der insgesamt 150 Ausstellungstücke stammen aus mexikanischen Museen; viele waren noch nie außerhalb des Landes und einige sind in Stuttgart erstmals überhaupt in einem Museum zu sehen. Als Besonderheit präsentiert die Schau außerdem neueste Ergebnisse aus Forschung und Ausgrabungen. Trotzdem weiß de Castro, dass diese Ausstellung nicht der Maßstab aller Dinge bleiben wird: "Vielleicht werden wir schon in zehn Jahren viel mehr über die Azteken wissen als heute."