Ecuador |

Krumme Geschäfte mit Bananen

Deutschland freut sich über billige Bananen aus aller Welt, Aldi, Rewe und Metro werben mit Nachhaltigkeits-Siegeln und Unternehmerverantwortung. Eine Oxfam-Studie zur Bananen-Wirtschaft hat Supermarkt-Ketten, Zulieferer und Arbeiterrechte auf den Plantagen in Ecuador unter die Lupe genommen.

Wer mag die gelbe Frucht aus dem sonnigen Süden nicht, von der es heißt, sie habe ihre Form, »weil niemand in den Urwald zog, und die Banane grade bog«. Mitarbeiter der Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam Deutschland haben sich seit 2010 auf den weiten Weg nach Südamerika gemacht, um das Saubermann-Image deutscher Supermarkt-Ketten mit der Wirklichkeit auf den Mega-Plantagen in Ecuador abzugleichen. Kommt heute jede dritte Banane in deutschen Obstständen aus besagtem Amazonas-Land, sind sich doch die wenigsten Konsumenten bewusst, dass der niedrige Ladenpreis für hiesige Bananen-Fans bis heute durch unmenschliche Arbeitsbedingungen und geballte Marktmacht von Aldi und Co erkauft ist. Die Bananen-Verkäufer, so das Fazit der jüngst veröffentlichten Studie »Bittere Bananen - Ausbeuterische Arbeitsbedingungen in Ecuador in der Lieferkette deutscher Supermarktketten«, verstecken ihre undurchsichtigen Geschäftspraktiken hinter einer Wolke aus Marketing und Greenwashing.

Arm trotz Plantagenarbeit

Von Anhängern weltweiten Freihandels gern kolportiert ist die Annahme, Luxus-Konsum im reichen Norden sorge für Arbeit und Chancen im Süden. »Das Geld, das ich auf den Plantagen verdiene, liegt unter dem staatlich festgesetzten Existenzminimum«, berichtet stattdessen ein ecuadorianischer Landarbeiter den Oxfam-Forschern. Allein mit Bananen-Pflücken komme er nicht auf genügend Geld, um für sich und seine Familie Essen, Schule, Arzt, Wasser und Strom bezahlen zu können. Wie viele seiner Kollegen würde auch er ohne Zweitjob nicht überleben, so die Studie. 390 US-Dollar im Monat beträgt in Ecuador das amtliche Existenzminimum, die Überlebensgrenze für eine durchschnittliche Familie. Nichtsdestotrotz bliebe das Familieneinkommen von 63 Prozent der befragten Plantagenarbeiter weit unter diesem Minimalbetrag. 83 Prozent gaben an, dass sie trotz Arbeit mit Machete und ohne Schutzkleidung weniger als 544 US-Dollar monatlich verdienen, also unter der nationalen Armutsgrenze.

Arbeiterrechte nur auf dem Papier

Denn die Arbeitskraft ist auch in Ecuador ein flexibler Kostenfaktor: Und so werden die Arbeiterrechte auf den entlegenen Plantagen von Bananen-Multis wie Dole-Ubesa, Reybanpac (Marke Favorita), Naboa (Marke Bonita) mit den Füßen getreten. Zwar besitze die Mehrzahl der Arbeiter mittlerweile einen schriftlichen Arbeitsvertrag, beim REWE-Zulieferer Reybanpak nur ein Drittel. Doch selbst das hält die Bananen-Branche nicht davon ab, Überstunden systematisch nicht zu zahlen oder trotz gesetzlicher Bestimmungen in Ecuador Sozialleistungen und Urlaubsgeld über das geschickte Engagement schwer kontrollierbarer Subunternehmen zu umgehen, wie die Oxfam-Studie zeigt. Weil in den meisten untersuchten Fällen den Mitarbeitern weder Arbeitsvertrag-Kopien noch detaillierte Lohnzettel ausgestellt werde, auch das eigentlich Pflicht, verlieren die Bananenpflücker am Monatsende den Überblick. Auch Ansprüche können so nur schwer geltend gemacht werden. Nicht einer der befragten Plantagenarbeiter ist Mitglied in einer Gewerkschaft. »Von 600 rechtlich möglichen Betriebsgewerkschaften gibt es im Bananensektor nur sechs«, rechnet das beauftragte Institut für Agrarfragen SIPAE vor: Um Kosten zu senken, werden Gründer von Betriebsräten ohne Aufhebens gefeuert. »Die Arbeiter, die die Nichtzahlung der Gewinnbeteiligung reklamiert hatten, sind bereits gegangen, weil sie so lange bedroht und belästigt wurden, bis sie schließlich gekündigt haben. Die meisten, die mit mir protestiert haben, sind nicht mehr da«, heißt es in der Studie.

Pestizid-Einsatz ist »katastrophal«

Das Leben auf und nahe der Plantagen sei außerdem ein Gesundheitsrisiko. »Die Flugzeuge kommen ohne Vorwarnung, wenn wir auf den Feldern arbeiten. Wir kriegen die Chemikalien ab und können uns nur mit unseren Hemden und Bananenblättern schützen«, berichtet ein Angestellter. Kein Einzelfall, zwischen 55 bis 95 Prozent der befragten Arbeiter wurde auf der Plantage schon Opfer von Sprüheinsätzen aus der Luft. Was in den USA und Europa als krebserregend eingestuft werde, etwa Mittel wie Bravo, Mencozeb und Tilt, komme in Ecuador bedenkenlos zum Einsatz. Das hochgiftige Calixin sei in der EU sogar verboten. »Einmal waren wir bei einer Veranstaltung in Malagon, und auf einmal kam das Flugzeug und hat uns alle besprüht, die Leute wurden wütend und haben das Flugzeug mit Steinen beworfen. Diese Flüssigkeit stinkt wie verrückt, man riecht sie über 500 Meter. Die Veranstaltung war morgens, viele Kinder waren dabei«, berichtet eine Reybanpac-Plantagenarbeiterin über den rücksichtslosen Einsatz giftiger Pestizide. Viele Kinder seien krank, neben Hautkrankheiten seien Müdigkeit, nervöse und motorische Störungen die direkten Folgen.

Greenwashing im großen Stil

Wie aber passt das zusammen mit den groß angelegten Nachhaltigkeits-Werbekampagnen der Lebensmittelketten, wie etwa der REWE Group, die sich Ende 2010 den Ex-Grünen-Parteichef Joschka Fischer und seine Beraterfirma Fischer&Company für die »nachhaltige, zukunftssichere Aufstellung unseres Unternehmens« an Bord holte, wie es REWE-Chef Alain Caparros in deutschen Medien damals feierte.

Die Oxfam-Studie zeichnet die eklatante Lücke auf, die zwischen Anspruch und Wirklichkeit freiwilliger Selbstverpflichtung klafft. Seit längerem haben sich die vier Großen, Metro, Rewe, Lidl und Aldi, der Business Social Compliance Initiative (BSCI) angeschlossen, einem Zusammenschluss europäischer Handels- und Markenunternehmen. Über die Schiene der Unternehmenspolitik wurde das Versprechen abgelegt, bei den eigenen Lieferanten für Einhaltung bestimmter Standards zu sorgen. Auf den ersten Blick ist die Liste dieses BSCI-Verhaltenskodexes, der sich an den Normen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO orientiert, der Traum eines jeden Gewerkschaftlers: 48-Stunden-Woche, Bezahlung von Überstunden, Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, ein sicherer und gesunder Arbeitsplatz, die Bezahlung des gesetzlichen Mindestlohnes im Produktionsland, Versammlungsfreiheit und Kollektivverhandlungen bei Gehaltsfragen.

Marktmacht hebelt Markt aus

Die Realität aber zeichnet ein anderes Bild. Dabei liege die Macht zur Durchsetzung der hochgehaltenen Sozialstandards hier in Deutschland, stellt Oxfam klar. Nicht die fernen Erzeuger und Exporteure haben die Marktmacht, es sind Edeka, Rewe, Aldi, die Schwarzgruppe (Kaufland und Lidl) und Metro (Galeria Kaufhof, Real). 90 Prozent des deutschen Marktes haben die Firmen unter sich aufgeteilt. Dass sie den entscheidenden Einfluss auf die globale Zulieferer-Kette haben, ist längst kein Branchen-Geheimnis mehr. »Das Einkaufsvolumen der Supermarktketten ist inzwischen so groß geworden, dass sie den Preis bestimmen können. Und zwar so, dass die Mehrheit der deutschen Importeure sagt, verkaufe mir Bananen zum Aldi-Preis minus oder plus ein Prozent. Wer macht den Preis? Aldi. Das heißt, dass der Preis nicht den Gesetzen des Marktes unterliegt«, zitiert das Oxfam-Papier einen Insider.

Harte Gesetze statt weicher Selbstverpflichtung

Es sind darum Gesetze in der Bananen-Republik Deutschland, die der anhaltenden Ausbeutung von Arbeitern im Süden durch deutsche Geschäftspartner einen Riegel vorschieben müssen. Oxfam verweist auf die aktuell vom Bundeskartellamt durchgeführte »Sektor-Untersuchung« im Rahmen der Reform des Kartellrechts. In der Lebensmittel-Branche, fordert Oxfam, sollte der Gesetzgeber »unfaire Einkaufspraktiken als solche kennzeichnen, deren Verbot gesetzlich verankern und geeignete Maßnahmen im Gesetz vorsehen, um Verstöße effektiver ahnden zu können.« Eine Klagebefugnis für Verbraucher- und Produzentenverbände und eine Streitschlichtungsstelle, bei der auch anonym Beschwerden eingereicht werden können, solle eingerichtet werden. Der Griff zur Banane wäre dann endlich kein krummes Geschäft mehr.

Autor: Benjamin Beutler

Quelle: Oxfam-Studie

NGO-Kampagne: Supermarktmacht