Haiti |

Kritik an direkter Saatguthilfe

In Haiti hat die UN-Landwirtschaftsorganisation FAO im Anschluss an das verheerende Erdbeben im Januar ein 20-Millionen-Dollar-Projekt gestartet, das 400.000 Bauernfamilien mit Werkzeugen, Saatgut und Stecklingen versorgte. Doch die kostenlosen Lieferungen haben ihren Preis. Untersuchungen zufolge gefährden sie die Souveränität und Nachhaltigkeit der haitianischen Landwirtschaft.

FAO sowie etliche internationale Geber- und Hilfsorganisationen begründeten die Saatgutlieferungen mit drohenden Nahrungsmittelengpässen, ausgelöst durch den Exodus von mehr als 500.000 Menschen aus der zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince in die ländlichen Gebieten. Das Ganze sei eine gut durchdachte Aktion gewesen, um den mittelosen Bauern zu helfen, den Ansturm der Flüchtlinge zu kompensieren, argumentierte der FAO-Vertreter Francesco Del Re.

Spendenangebot vom Agrarkonzern Monsanto

Ein Spendenangebot kam auch vom Agrarkonzern Monsanto, der die Lieferung von 475 Tonnen Hybridmais und anderer Pflanzensamen in Aussicht stellt. Verteilt wurde das Saatgut über die ´Watershed Initiative for National Environmental Resources´ (WINNER), das Flaggschiff der US-Entwicklungsagentur USAID.

Unklar ist, wie viel von dem Hybridsaatgut Haiti letztendlich erreicht hat. ´Haiti Grassroot Watch´ hatte bei WINNER mehrfach vergeblich um Angaben zu Liefermenge und Lieferzielen gebeten. Haiti Grasroot Watch ist ein Zusammenschluss haitianischer Gemeinderadiojournalisten, Reportern der Gesellschaft für die Animation sozialer Kommunikation (SAKS) und der Online-Nachrichtenagentur ´AlterPresse. Ziel dieser neuen Partnerschaft ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Wiederaufbau Haitis.

Drei Monate lang untersuchte Haiti Grassroots Watch die Folgen der Saatguthilfe für den karibischen Inselstaat und stellte fest, dass mit den Lieferungen gesundheitliche und ökologische Risiken verbunden waren. Auch kam es zu Fehlernten, fatalen Abhängigkeiten und anderen negativen Auswirkungen.

Kulturelles Missverständnis

"Farmer essen ihr Saatgut" war eine Schlagzeile, die nach den Beben in Haiti fälschlicherweise die internationale Sorge vor einer Hungerkatastrophe schürte, wie die Wissenschaftlerin Louise Sperling vom ´International Center for Tropical Agriculture´ (CIAT) in einer Studie feststellte. Anders als in anderen Teilen der Welt sei in Haiti der Verzehr und der Verkauf von Saatgut kein Anzeichen für eine Ernährungskrise.

Der Studie zufolge hat es im letzten Jahr zu keinem Zeitpunkt einen Saatgut-Notstand in Haiti gegeben. Deshalb empfahl Sperling im Juni 2010, die Saatgutspenden einzustellen und den Bauernfamilien, die Flüchtlinge aufgenommen haben, mit kleinen Geldbeiträgen zu Hilfe zu eilen. Diese hätten die Farmer befähigt, lokales Saatgut und andere wichtige Güter anzuschaffen.

Die Untersuchung warnte ferner davor, in krisengebeutelten Ländern Saatgutsorten einzuführen, ohne zuvor die Auswirkungen auf die dortigen agroökologischen Gegebenheiten getestet zu haben. Haiti Grassroots Watch fand heraus, dass mindestens 60 Tonnen von den 475 zugesagten Tonnen Hybridsaatgut im karibischen Inselstaat verteilt worden sind.

Bereits seit Jahren schickt die US-Regierung über ihre Entwicklungshilfeagentur USAID Nahrungsmittelhilfe des US-Landwirtschaftsministeriums nach Haiti. Die Saatgutspenden im Anschluss an das große Erdbeben sind nach Ansicht von Kritikern der Versuch, das Land nun auch noch von fremdem Saatgut abhängig zu machen.

Fuß in der Tür

In einem internen Bericht, der Haiti Grassroots Watch vorliegt, schrieben USAID/WINNER-Mitarbeiter: "Trotz der Medienkampagne gegen Hybride wurde das Saatgut unter der Bezeichnug GMO/Agent Orange/Round Up fast überall verwendet. Die Botschaft ist angekommen, wenngleich auch nicht in dem erhofften Maße." Weiter hieß es, dass man weiterhin bemüht sei, die lokalen Bauern möglichst schnell für Hybridsaaten einzunehmen.

Haitis Farmer verwenden in der Regel das Saatgut ihrer eigenen Ernten. Sie davon abzubringen, bedeutet jedoch, sie von fremdem Saatgut abhängig zu machen. Eine verheerende Entwicklung, zumal die WINNER-Subventionen für Hybridsaaten in vier Jahren auslaufen.

Wie ein USAID/WINNER-Mitarbeiter gegenüber Haiti Grassroots Watch erläutete, haben die Hybride den Vorteil, dass den Bauern Arbeit abgenommen wird. "Sie können pflanzen, ernten, (das Saatgut) verkaufen oder essen. Sie müssen ihr Saatgut nicht mehr aufheben, weil sie wissen, dass sie es aus dem (von WINNER subventionierten) Laden bekommen."

Gesundheitliche Gefahren unklar

Haiti Grassroots Watch zufolge sind sich viele Bauern gar nicht im Klaren darüber, welche ökologischen und gesundheitlichen Gefahren mit den Saatgutspenden verbunden sind. So enthält das für Haiti gespendete Hybrid-Mais-Saatgut von Monsanto das Fungizid Maxim XO. Die Calypso-Tomatensamen wiederum wurden mit Thiram behandelt, das zu der Gruppe der hochgiftigen Ethylenbisdithiocarbamate (EBDCs) zählt. Bauern sollte im Umgang mit EBDC-behandelten Pflanzen Schutzkleidung tragen.

So trafen Mitarbeiter von Haiti Grassroots Watch Bauern im Kontakt mit dem genetisch veränderten Saatgut ohne Schutzkleidung an. In einem anderen Fall konnte die Organisation einen Farmer davon abbringen, das toxische Saatgut an seine Hühner zu verfüttern.

Gefährliche Subventionen

Obwohl inzwischen 66 Prozent der Vertriebenen bis Mitte Juni letzten Jahres in die Städte zurückgekehrt waren, ging die Saatgutverteilung bis ins laufende Jahr hinein weiter. "Dabei ist wiederholt geleistete direkte Saatguthilfe, wenn sie nicht benötigt wird, richtig schädlich", warnte die CIAT-Wissenschaftlerin Sperling. "Sie unterminiert lokale Systeme, schafft Abhängigkeiten und erstickt jede reale Entwicklung des Handelssektors."

In etlichen Regionen Haitis haben die Saatgutspenden wenige oder sogar keine Erträge hervorgebracht. "Dass unser Land furchtbar arm ist, darf von Hilfsorganisationen nicht als Aufforderung missverstehen werden, dass sie bei uns alles abladen können", meinte dazu der Bauer Jean Robert Cadichon.

"Unser ganzes Agrarsystem beruht auf Subventionen", warnte Emmanuel Prophete, Leiter der Nationalen Saatgutabteilung im haitianischen Landwirtschaftsministerium. "Wir werden in eine Lage kommen, in der wir richtig viel Saatgut besitzen, um dann nach einem Abzug der Hilfsorganisationen ohne dazustehen." Mit Nachhaltigkeit habe das nichts zu tun.

Quelle: IPS Weltblick