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Kritik an deutschen Bürgschaften für brasilianisches AKW

Die deutsche Nichtregierungsorganisation "Urgewald" hat angesichts der Atomkatastrophe in Japan die Kampagne gegen deutsche Hermes-Exportbürgschaften für den Bau eines Atommeilers in Brasilien intensiviert. Sie fordert die Regierung auf, die in Aussicht gestellten Bürgschaften für den derzeit laufenden Bau des AKWs "Angra 3" in Südbrasilien zurückzuziehen.

Während die Bundesregierung Konsequenzen aus der drohenden Kernschmelze in den japanischen Unglücksmeilers gezogen hat und das vorzeitige Laufzeitende für sieben deutsche AKWs verkündete, ist noch nicht sicher, ob auch der durch die Bürgschaften abgesicherte Export deutscher Nukleartechnologie ausgesetzt werden soll. Umweltschutzgruppen fordern als Konsequenz des in Deutschland anlaufenden Ausstiegs aus der Kernenergie auch den Stopp der staatlich geförderten Exporte deutscher Atomtechnologie.

“Wenn Lehren aus der Katastrophe in Japan gezogen werden sollen, können diese nur sein: Schluss mit staatlicher Unterstützung für Atomexporte", so die Energieexpertin Regine Richter von "Urgewald" in einer Presseerklärung, in der auch anhängige Bürgschaften für Exporte in Länder wie China und Russland kritisiert werden. “Denn wenn schon ein so hoch industrialisiertes Land wie Japan die Gefahren der Atomkraftnutzung nicht beherrschen kann, darf nicht mit Hilfe von Hermesbürgschaften die Verbreitung dieser Technologie in Ländern gefördert werden, in denen die Rahmenbedingungen, Sicherheitsstandards und Aufsicht viel schlechter sind."

Bürgschaften noch nicht unterzeichnet

Die Bundesregierung hatte dem deutsch-französischen Kernenergieunternehmen Areva / Siemens Bürgschaften in Höhe von 1,3 Milliarden Euros für die Beteiligung am Bau von Angra 3 in Aussicht gestellt. Laut Medienberichten könnten diese Export-Versicherungen sogar 2,5 Milliarden Euro erreichen. Bisher hat die Regierung die Bürgschaften jedoch noch nicht unterzeichnet.

Brasilianische Umweltschutzgruppen wie Greenpeace hatten in den letzten Tagen den Baustopp des Meilers Angra 3 gefordert, der in der Küstenregion zwischen Rio de Janeiro und Sao Paulo errichtet wird. Dort stehen seit gut 30 Jahren bereits die Meiler Angra 1 und 2. Die Umweltschützer erklärten, dass die Pläne für die Lagerung der ausgedienten Brennstäbe sowie die Sicherheits- und Evakuierungsnotfallpläne nicht ausreichend seien.

Evakuierungsradius zu eng

Die Notfallpläne sehen lediglich eine Evakuierung im Umkreis von fünf Kilometern vor, während allgemein eine Evakuierung im Radius von 20 Kilometern als notwendig angesehen wird. In diesem Radius leben 170.000 Menschen, die im Notfall nur über die Küstenstraße BR 101 evakuiert werden könnten. Diese ist jedoch von Erdrutschen bedroht und muss in der Regenzeit öfters gesperrt werden.

Zudem seien die Meiler nicht gegen Flugzeugabstürze resistent, so die Umweltschützer. Brasiliens Regierung hatte letzte Woche erklärt, dass die AKWs gegen Erdbeben bis zur Stärke 6,5 und Tsunamiwellen von bis zu 7 Metern gewappnet seien. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass die Region nicht als von schweren Erdbeben bedroht gelte und solche Naturkatastrophen damit ausgeschlossen seien.

Auch Sicherheit von Druckwasserreaktoren strittig

Regierung wie Betreiber legten zudem Wert darauf festzustellen, dass es sich bei den Angra-Meilern um Druckwasserreaktoren (PWR - Pressurized Water Reactor) handele, die leichter unter Kontrolle zu halten seien als die in Japan nach dem Tsunami heiß gelaufenen Siedewasserreaktoren (BWR - Boiling Water Reactor). Unter Wissenschaftlern ist jedoch auch die Sicherheit von Druckwasserreaktoren strittig.

Der mit US-amerikanischer Technologie gebaute Meiler Angra 1 hat eine Kapazität von 657 MW, der mit deutscher Technologie errichtete Meiler Angra 2 kann 1.350 MW Strom erzeugen. Angra 3, der derzeit gebaut wird und Mitte 2015 in die Testphase übergehen soll, soll ab Dezember 2015 ebenfalls 1.350 MW liefern. Hierbei wird deutsche Technologie verwendet, die nach dem vorläufigen Baustopp von Angra 3 Mitte der 80er Jahre eingemottet worden war.

Großteil des Energiebedarfs über Wasserkraftwerke

Laut der brasilianischen Energiebehörde Aneel erzeugen Angra 1 und 2 derzeit nur 1,76% des brasilianischen Stroms, während internationale Forschungsbüros den Anteil nuklearer Energie bei etwa 3% sehen. Über 70% des Strombedarfs des südamerikanischen Landes werden durch Wasserkraftwerke erzeugt. Manche Quelle sprechen sogar von bis zu 85%. Allerdings ist diese Zahl von der jeweiligen Niederschlagsmenge abhängig.

Der Leiter der Greenpeace Brasilien-Kampagne gegen den Bau von Angra 3, Ricardo Baitelo, erklärte, dass "wir über viele Alternativen im Energiesektor verfügen, was ein Weiterbau von Angra 3 sinnlos macht." Greenpeace zweifelt zudem an den Versicherungen der Regierung, dass die Lagerung ausgedienter Brennstäbe gesichert sei.

Die Betreiber von Angra erklärten derweil, dass die in den Meilern vorhandenen Lagerbecken erst nach 30 bis 40 Jahren ihre Kapazitäten erschöpft hätten. Zudem beinhalte das Projekt für Angra 3 ein zusätzliches Lagerbecken, das 2026 in Betrieb genommen werden soll und erst nach 60 Jahren an seine Grenzen stoßen wird. Derzeit wird noch nach einem Standort für ein Endlager gesucht, in dem die Brennstäbe für 500 Jahre sicher lagern könnten. Dieses soll ab 2028 in Betrieb genommen werden.

Trotz Japan will Regierung an Kernenergie festhalten

Trotz der Atomunfälle in Japan will die Regierung vorerst weiter an der Kernenergie festhalten. In dem 2007 erarbeiteten "Energieplan 2030" wurde für die nächsten 20 Jahre ein zusätzlicher Bedarf von 4.000 MW Atomstrom errechnet. So sollen mindestens vier neue Meiler bis 2030 errichtet werde.

Je nach der Entwicklung des Energiebedarfs könnte diese Zahl jedoch auf bis zu acht neue Meiler steigen, so die Regierung. Dies soll die starken Schwankungen bei der Stromerzeugung durch Wasserkraft in den Trockenperioden des Jahres abfangen.

Autor: Thomas Milz, Sao Paulo