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Kritik am US-Drogenhunger

Zwischen Mexikos Staatspräsident Felipe Calderón und seinem sozialistischem Amtskollegen Evo Morales aus Bolivien liegen politische Welten und ein paar tausend Flugkilometer. Und doch verbindet den Rechts- und Linksaußen Lateinamerikas in diesen Tagen der Versuch, dem mächtigen großen Bruder aus dem Norden die Stirn zu bieten.

Zwischen Mexikos Staatspräsident Felipe Calderón und seinem sozialistischem Amtskollegen Evo Morales aus Bolivien liegen politische Welten und ein paar tausend Flugkilometer. Und doch verbindet den Rechts- und Linksaußen Lateinamerikas in diesen Tagen der Versuch, dem mächtigen großen Bruder aus dem Norden die Stirn zu bieten.

Von Mexiko-Stadt aus führt der konservative Hardliner einen schier aussichtslosen Kampf gegen die mächtigen Drogenkartelle. In La Paz rührt der Sozialist und Koka-Bauer Morales die Werbetrommel für die Kulturpflanze Koka, die seit Jahrhunderten einen festen Platz in der indigen Geschichte seines Heimatlandes hat. Doch auch in Bolivien wird die Drogenmafia immer stärker; dem Staat gelingt es nicht, den kriminellen Banden Einhalt zu gebieten.

Schwarze Liste

Seit jeher führen die US-Drogenfahnder eine in Lateinamerika gefürchtete Schwarze Liste, in der sie Staaten verzeichnen, die der Drogenmafia nicht mehr gewachsen sind. Neueste Zugänge sind seit ein paar Tagen El Salvador und Belize.

Insgesamt gibt es nach Ansicht der USA mittlerweile 17 Nationen aus Lateinamerika und der Karibik, die zu den größten Drogenproduzenten oder -umschlagplätzen gehören: Bahamas, Belize, Bolivien, Kolumbien, Costa Rica, Dominikanische Republik, Ecuador, El Salvador, Guatemala, Haiti, Honduras, Jamaika, Mexico, Nicaragua, Panama, Peru und Venezuela.

Widerstand gegen Stigmatisierung

Doch der Widerstand in Lateinamerika gegen die Stigmatisierung aus Washington wächst. Klaglos wollen Calderón, Morales und Co. Uncle Sams Zeigefinger nicht mehr hinnehmen. Mexikos Staatschef Calderon, jüngst durch spektakuläre Festnahmen prominenter Drogenbarone im Kampf gegen die Mafia gestärkt, gibt den Schwarzen Peter zurück. "Die Nachfrage der USA nach Drogen ist ein zentrales Problem", sagte Calderón in dieser Woche in New York. Denn durch diese Nachfrage würden den Kartellen überhaupt erst die enormen Geldmengen in die Hände gespielt, die ihre Macht begründen. Nur der starke Drogenkonsum der Vereinigten Staaten versetze die kriminellen Vereinigungen in die Lage, die Regierungen Lateinamerikas und ihre Institutionen zu korrumpieren.

"Gemeinsame Verantwortung"

Auch Boliviens Morales will die ständigen Vorwürfe aus den USA nicht länger hinnehmen. "Der Kampf gegen den Drogenhandel muss eine gemeinsame Verantwortung sein", so der erste indigene Präsident eines südamerikanischen Landes. In Produzenten- und Konsumentenländer zu unterteilen, sei der falsche Weg. Zudem vermischten die USA den Anti-Drogen-Kampf mit politischen Zielen, kritisiert er: Leider hätten sich die USA entschieden, "die Anstrengungen von Ländern wie Bolivien oder Venezuela zu disqualifizieren, nur weil diese nicht die gleiche Ideologie vertreten".

Antwort steht aus

Viele Länder Lateinamerikas fühlen sich von den USA stigmatisiert und allein gelassen. Das mittelamerikanische Honduras fordert beispielsweise mehr Unterstützung der Vereinigten Staaten im Kampf gegen die Drogenkartelle. Armeechef Rene Osorio Canales ließ den US-Behörden unlängst eine Mängelliste zukommen, was den Sicherheitskräften in Honduras fehle, um es mit der Drogenmafia aufnehmen zu können. Eine Antwort aus Washington steht bislang aus - vielleicht auch, weil die US-Staatskassen leer sind.

Der kolumbianische Sicherheits- und Drogenexperte Hugo Acero Velasquez nannte es unlängst eine Utopie, an ein Ende des Drogenhandels zu glauben. Sinnvoller sei es zu versuchen, den Handel besser zu kontrollieren.

Radikale Kehrtwende?

Ein Lösungsansatz könnte ausgerechnet aus den USA kommen. In Florida, so Acero Velasquez, gibt es ein Projekt, das eine Legalisierung und gleichzeitige Besteuerung von Marihuana vorsieht. Nach Berechnung von Experten wäre so umgerechnet eine Milliarde Euro an Steuereinnahmen zu erzielen. Einnahmen, von denen jeder Bürgermeister träumt - und die derzeit der Drogenmafia zufließen. Um eine solch radikale Kehrtwende einzuleiten, wäre allerdings eine multinationale Entscheidung notwendig und kein Alleingang eines Staates.

Tobias Käufer, kna