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Krise treibt Lateinamerikaner zurück nach Hause

In Spanien sind Arbeitsmigranten aus Südamerika von Arbeitslosigkeit und Sparmaßnahmen betroffen. Immer mehr Lateinamerikaner kehren dem Arbeitsexil darum den Rücken. Zehntausende wollten sich den »europäischen Traum vom besseren Leben« erfüllen. Seit Jahrzehnten verlassen Lateinamerikaner ihre Heimat. Für ein Flugticket nach Europa hat sich so manch einer verschuldet, Frau und Kind zurück gelassen - eine Entscheidung der Not. Die schwelende Weltwirtschaftskrise macht diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung.

Spanien war ein Traumziel. Doch steckt das Sorgenkind Europas heute in der schwersten Wirtschaftskrise der jüngsten Geschichte. Die Arbeitslosigkeit ist mit 5,5 Millionen Jobsuchenden auf Rekordhoch, das Land befindet sich im Sturz in die Rezession. Vor allem die über fünf Millionen Migranten bekommen die Krisenfolgen zu spüren. Mit einem Migrantenanteil von über zwölf Prozent der Bevölkerung ist die iberische Halbinsel klassisches Empfängerland von Arbeitssuchenden aus aller Welt. Diese kommen neben Rumänien, Bulgarien, Marokko und England vor allem aus Südamerika.

Neue Jobs in Schwellenländern

Ohne Job, Geld und Perspektive treten darum heute immer mehr Brasilianer, Ecuadorianer und Bolivianer die Heimreise an. Nach Ende ihres einmonatigen Anspruches auf Arbeitslosengeld sind die Ersparnisse am Ende. Die Zahl der heimkehrenden Brasilianer etwa habe sich im Vergleich zu 2000 verdoppelt, so eine jüngste Statistik aus Brasilia. Grund sei die gestiegene Lebensqualität im Amazonasstaat, vermeldete kürzlich die Regierung. Auch aus Bolivien, Ecuador und Mexiko wird von einer Rückkehrwelle berichtet. Menschen aus Entwicklungsländern auf Arbeitssuche, so Migrationsforscher, würden sich neue Ziele in China, Russland oder Indien suchen. Das Aufstreben der BRIC-Schwellenländer hat längst eine globale Verschiebung der Migrationsströme in Gang gesetzt.

Immer mehr Menschen ohne Papiere

Denn in Spanien sieht es düster aus. Der wirtschaftliche Niedergang des 47-Millionen-Einwohnerlandes trifft vor allem die schätzungsweise halbe Million Ausländer ohne Papiere. Sie verfügen über den offiziellen Status »weder registriert noch Bewohner Spaniens«. In diesen rechtlosen Status werden Experten zufolge immer mehr Migranten getrieben. Waren zu Krisenbeginn 2007 offiziellen Angaben zufolge 314.000 Menschen ohne Papiere, so sprang deren Zahl 2010 auf 483.000 Illegale, Tendenz steigend. Grund sind verschärfte Arbeitsrechtsbestimmungen, warnen spanische Immigrantenverbände.

Keine Versicherung für Illegale

Den letzten Schlag wurde den Migranten mit der jüngsten Verschärfung im Krankenversicherungsschutz versetzt. Ab dem 1. September 2012 werden alle Migranten ohne Papiere aus der staatlichen Krankenversicherung ausgeschlossen, nachdem Gesundheitsministerin Ana Mato im Rahmen von Einsparungen im Gesundheitssystem medienwirksam gegen »Versicherungstourismus« und »Betrug« durch Ausländer Stimmung gemacht hatte. So wird der Nachweis eines Wohnortes und einer sozialversicherten Anstellung für die Ausstellung der Versichertenkarte Pflicht. Für Generalsekretär Alfredo Pérez Rubalcaba von der Ex-Regierungspartei PSOE ein Zeichen sozialer Kälte, die Maßnahme verurteilt er als »fremdenfeindlich, brutal und ineffektiv«.

Autor: Benjamin Beutler