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Kranke Raucher kosten mehr als Wohnungsbau

Von Fabiola Ortiz

Rio de Janeiro (IPS) – Brasilien gibt jährlich zehn Milliarden US-Dollar für die medizinische Behandlung von Rauchern aus. Das ist rund drei Mal mehr, als die Tabakindustrie in dem Land an Steuern zahlt. Immerhin ist der südamerikanische Staat weltweit der wichtigste Tabakexporteur und der zweitgrößte Produzent. Eine Studie hat nun zum ersten Mal die Auswirkungen des Rauchens auf die Wirtschaft untersucht.

Wie die staatliche Oswaldo-Cruz-Stiftung (Fiocruz) und die unabhängige Allianz für Tabakkontrolle (ACT) herausfanden, hat der Tabakkonsum einschneidende ökonomische Folgen. Die Untersuchung mit dem Titel ´Carga das doenças tabaco-relacionadas para o Brasil´ (Die Bürde der durch Tabak verursachten Krankheiten in Brasilien) beziffert die Kosten für die Behandlung von Krebs, Herzbeschwerden, Lungenkrankheiten und Schlaganfällen bei Rauchern mit 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

Wie ACT-Geschäftsführerin Paula Johns erklärte, führt die Studie die Kosten für die Behandlung der 15 am häufigsten durch Rauchen verursachten Krankheiten auf. Insgesamt habe der Tabakkonsum sogar Einfluss auf etwa 50 Krankheiten. "Die Tabakindustrie übernimmt keine Verantwortung für die Kosten und rechtfertigt dies damit, dass sie viele Steuern zahlt", sagte Johns. "Allerdings trägt das öffentliche Gesundheitswesen durch die Behandlung dieser Erkrankungen die Hauptlast."

Immer mehr Frauen und Kinder rauchen

Johns zufolge sollten die Steuern auf Rauchwaren mindestens verdreifacht werden. Anders könnten die Kosten, die die Gesundheitsversorgung aktiver und passiver Raucher nach zwei oder drei Jahrzehnten verursacht, nicht aufgebracht werden. Zusätzlich sollten indirekte Kosten wie Frühverrentung mit eingerechnet werden.

25 Millionen der fast 200 Millionen Brasilianer frönen dem blauen Dunst. 15 Millionen von ihnen sind Männer. Wie Johns warnte, nimmt der Tabakkonsum bei Frauen und Kindern immer weiter zu. Zudem sinkt das Alter, in dem Brasilianer zur ersten Zigarette greifen.

Der Studie zufolge sollte die Tabakproduktion stärker reglementiert und die Investitionen in Präventionsmaßnahmen gegen Nikotinabhängigkeit erhöht werden. "Bei der Vorbeugung geht es um mehr als Informationskampagnen", erklärte Johns. "Der Zugang zu Zigaretten muss durch höhere Preise und weniger Verkaufsstellen erschwert werden."

In Brasilien, das nach China und vor Indien und den USA der zweitgrößte Tabakproduzent der Welt ist, kostet ein Päckchen Zigaretten zurzeit umgerechnet drei Dollar. Im vergangenen Jahr wurden 85 Prozent der brasilianischen Tabakernte im Ausland abgesetzt und brachten 2,89 Milliarden Dollar ein. Seit 1993 ist das Land international der wichtigste Exporteur.

Der typische Raucher ist nach der Studie von ACT und Fiocruz schwarz und arm. Er lebt in ländlichen Regionen und hat nur eine geringe Bildung. Der Untersuchung zufolge waren 20 Prozent der Tabakkonsumenten unter 15 Jahren, als sie mit dem Rauchen anfingen. Die übrigen begannen mit durchschnittlich 19 Jahren. Die Behörden alarmiert ferner, dass 60 Prozent der Teenager, die zu Rauchern werden, durch Zigaretten mit Zusatzstoffen wie Kirsch-, Schokoladen- und Pfefferminzaroma in die Sucht getrieben werden.

Die Koordinatorin der Studie, Márcia Pinto, erklärte, dass die finanzielle Belastung für den Staat auf ein Minimum gesenkt werden könnte, da alle durch das Rauchen verursachten Erkrankungen vermeidbar seien. "Dieses Geld könnte in Impfprogramme, eine breiter angelegte Krebsfrüherkennung und –behandlung sowie in Sanitärprogramme gesteckt werden", sagte Pinto, die für das Institut Fernandes Figueira arbeitet.

Die Leiterin eines Teams aus sechs Wissenschaftlerinnen befasst sich seit zwölf Jahren mit verschiedenen Aspekten der Tabakindustrie. Die öffentlichen Folgekosten des Rauchens einzuschätzen, sei eine wichtige Voraussetzung, um Präventionsstrategien für Kinder, Jugendliche und Frauen voranzutreiben.

Laut Pinto ist Rauchen bei 90 Prozent aller Lungenkrebsfälle auslösender Faktor. Herzkrankheiten, Lungenerkrankungen und Schlaganfälle verursachten dem öffentlichen Gesundheitssystem 83 Prozent der mit dem Rauchen verbundenen Kosten. 2011 wurden etwa 30 Prozent des Gesamtbudgets des Nationalen Gesundheitsfonds (FNS) zur Behandlung von durch Rauchen hervorgerufenen Krankheiten verwendet. FNS verwaltet die Finanzen des einheitlichen staatlichen Gesundheitswesens (SUS).

Der Studie zufolge liegt die durchschnittliche Lebenserwartung von Rauchern dennoch mindestens fünf Jahre unter dem generellen Schnitt. "Raucher verlieren fünf Jahre ihres Lebens", sagte Pinto. "Tabakabhängigkeit ist eine Krankheit, die auch mit Alkoholismus und Bewegungsmangel in Zusammenhang steht."

Die zehn Milliarden Dollar, die jährlich für kranke Raucher aufgewendet werden, würden ausreichen, um ein grundlegendes Sanitärsystem im Land zu schaffen. Um dieses zu unterhalten, würden in den nächsten 20 Jahren jährlich sechs Milliarden Dollar benötigt, wie die Abteilung für Umweltmedizin der Universität São Paulo ermittelte. Diese Summe entspricht der Hälfte des Wachstumsförderungsprogramms (PAC), in dessen zweiter Phase Staatspräsidentin Dilma Rousseff die notwendige Infrastruktur im Land bauen lassen will.

Das Wohnungsbauprogramm ´Minha casa, minha vida´ (Mein Haus, mein Leben) kostete die Regierung im vergangenen Jahr 6,2 Milliarden Dollar, deutlich weniger, als die Raucher das staatliche Gesundheitswesen belasten.

Nach Erkenntnissen der Weltgesundheitsorganisation WHO führt Rauchen jedes Jahr weltweit zum Tod von 5,4 Millionen Menschen. Die Tendenz ist demnach steigend: 2030 könnten bereits acht Millionen Tote durch Tabakkonsum zu beklagen sein, 80 Prozent davon in Entwicklungsländern. Die ´American Cancer Society´ beziffert die globalen Kosten für Erkrankungen durch das Rauchen jährlich mit 500 Milliarden Dollar

Deutsche Bearbeitung: Corina Kolbe, Quelle: IPS