Bolivien |

?–kotouristisches Reiseziel bedroht

Jahr für Jahr besuchen rund 30.000 Touristen aus Europa, Nordamerika und Asien die bolivianische Kleinstadt Rurrenabaque. Sie gilt als „Perle des ökotourismus“ im Amazonasgebiet. Das könnte sich jedoch ändern.

Seit rund um den kleinen Ort Naturschutzgebiete geschaffen wurden, entwickelten die Bewohner eine Wirtschaft, die sich auf den Tourismus stützt. Rurrenabaque gewann dabei den Ruf eines beschaulichen Reiseziels, fern des Trubels der großen Städte. Die Naturschutzgebiete warten mit einem Grad an Biodiversität auf, der weltweit mit zu den höchsten zählt.

In „Rurre“, wie der Ort gerne genannt wird, finden sich Restaurants sowohl mit internationaler als auch mit einheimischer bolivianischer Küche und Hotels und Unterkünfte jeder Preisklasse sowohl für wohlhabende Touristen wie für die „Mochileros“, die Rucksacktouristen. Bedauerlicherweise sind die Entwicklungspläne der Regierung für die Region aber weder mit dem Naturschutz noch mit einer nachhaltigen Nutzung der Ressourcen vereinbar. So erhielt zum Beispiel das Unternehmen Petroandina die Konzession, innerhalb weitläufiger Gebiete unberührten tropischen Regenwaldes und indigener Siedlungsräume nach öl zu bohren. Die Bewohner wurden zuvor nicht gefragt, wie es sowohl bolivianisches als auch internationales Gerecht vorschreibt.

Im Rahmen eines Fernstraßenbaus soll außerdem eine Brücke zwischen Rurrenabaque und dem auf der anderen Seite des Río Beni gelegenen Nachbarort San Buena Ventura errichtet werden. Betroffen wären Wohngebiete und die Altstadt. Eine deutliche Zunahme des Verkehrs, vor allem des Schwerverkehrs, wäre die Folge. Die Einwohner von Rurrenabaque weisen auf die Störung der Idylle hin, der Tourismus bringe der Region jährlich rund 3 Millionen Dollar ein. Berechnungen zufolge entstünde der lokalen Wirtschaft ein Schaden von jährlich mindestens 600 Millionen Dollar, sollte künftig nur einer von zehn Touristen das Gebiet nicht besuchen.

Mit der Unterstützung der Umweltorganisation FOBOMADE (Foro Boliviano sobre Medio Ambiente y Desarrollo) hat Rurrenabaque eine Resolution verfasst, welche den Bau der Brücke nicht ablehnt, aber einen anderen Standort fordert. Damit soll sichergestellt werden, dass städtische Infrastruktur und Lebensqualität nicht beeinträchtigt werden. Bis jetzt haben 4.000 Personen die Resolution unterzeichnet (Rurrenabaque ist im letzten Jahrzehnt stark gewachsen und hat etwa 25.000 Einwohner). Dies belegt, dass nicht nur die politisch Verantwortlichen des Ortes den Brückenbau am vorgesehenen Standort ablehnen, sondern vor allem die betroffene Bevölkerung.

Die Einwohner beklagen sich, dass Boliviens Regierung dem Bau von Megaprojekten und der Ausbeutung nicht erneuerbarer Ressourcen Vorrang einräumt. Dies verletze ihr Recht, zu den Plänen konsultiert zu werden. Präsident Evo Morales hat bei seinem Amtsantritt versprochen, mit sozialer Sensibilität regieren und dem Volk zuhören zu wollen. Wenn er aber die Meinung und die Argumente der von Megaprojekten betroffenen städtischen und ländlichen Bevölkerung nicht berücksichtigt: Von welcher Demokratie reden wir dann eigentlich?

Autor: Daniel Manzaneda, deutsche Bearbeitung Bernd Stößel (Quelle: BOLPRESS)