Bolivien |

Kostenlose Gesundheit für alle

Die Mehrheit der zehn Millionen Bolivianer hatte es schwer, wenn sie krank wurden. 70 Prozent der Bevölkerung ist nicht regulär krankenversichert, Arztbesuch, Diagnose, Operation und Medikamente müssen aus eigener Tasche bezahlt werden. Schwere Krankheit bedeutete für viele Bankrott oder Hilflosigkeit, Zugang zu Gesundheit war ein Luxus. Jetzt will die Regierung ein kostenfreies Gesundheitssystem einführen.

Krankenhaus und Arztbesuch sind Grundrecht

Ab Januar 2011 werde ein vergangene Woche vorgestelltes »Einheitssystem für Gesundheit« (SUS) in Kraft treten, gab Gesundheitsminister Eduardo Aillón auf einer Pressekonferenz in La Paz bekannt. Die neue Verfassung des Landes zur »Neugründung Boliviens«, die im Januar 2009 bei einem Volksentscheid mit über 60 Prozent angenommen wurde und erstmals in der Geschichte Lateinamerikas von einem gewählten Verfassungskonvent ausgearbeitet worden war, anstatt wie üblich von einer Expertenkommission, hat den freien und kostenlosen Zugang zur Gesundheit zum Staatsziel und Grundrecht aller Bürger erklärt.

Zersplittertes Krankenversicherungssystem


Bolivien hat ein zersplittertes System der Krankenversicherung, ein Dreiklassensystem ist Ergebnis der Privatisierungspolitik der 1990iger. Wer es sich leisten kann, ist privat versichert oder zahlt Zahnarzt oder Krankenhaus selber. Über die öffentliche Arbeitnehmersozialversicherung (Cajas de Salud) sind circa 25 Prozent der angestellten Bolivianer krankenversichert, die bei Arbeitslosigkeit oft innerhalb kurzer Zeit wegfällt. Absurderweise werden viele Arbeitnehmer im Krankheitsfall entlassen und verlieren ihren Versicherungsschutz, den sie doch genau in diesem Moment brauchen.

In den staatlichen Sozial-Programme wie die »Allgemeine Mutter-Kind-Versicherung« (SUMI) und der »Versicherung für Rentner« (SSPAM) sind rund 12 Prozent abgesichert. Doch sind SUMI (Schwangere, Mütter und Kinder bis fünf Jahre) und SSPAM (Alte über 60 Jahre) nur zeitweise Versicherungen über einen kurzen Zeitraum. »70 Prozent der Bevölkerung hat also keinen garantierten Zugang zu Gesundheit«, so Aillón. Eine Gesetzesnovelle zur Einführung der Gratis-Versorgung SUS werde im Parlament in Kürze verabschiedet.

Ziel der Reform: Ein einheitliches Krankenversicherungssystem

»Mit dem SUS wollen wir all die erreichen, die bisher keine Krankenversicherung haben und jene, die in SUMI und SSPAM sind, werden ins neue System eingegliedert«, erklärte Jorge Gemio, Sprecher des Gesundheitsministeriums die geplante Reform. In einem weiteren Schritt wolle man »nach und nach« die Cajas de Salud in der öffentlichen Einheitsversicherung zusammenführen, um »wieder ein einziges System« zu haben. Das Problem des aktuellen Versicherungssystems sei die mangelnde Abstimmung zwischen den Cajas de Salud, den staatlichen Programmen und den Krankenhäusern und Gesundheitsposten, bemängelt Gemio die ungerechte und ineffiziente »Fragmentierung« des Sektors.

Ein Blick auf die medizinische Infrastruktur Boliviens spricht Bände: 40 Krankenhäuser, 30 Spezialkliniken, 149 Hospitäler, 986 Gesundheitszentren, 1408 Gesundheitsposten gibt es im ganzen Land. Von diesen 2613 Einrichtungen sind 1995 in öffentlicher Hand, 197 gehören den Sozialversicherungen, 254 werden Nichtregierungsorganisationen, 101 von den Kirchen betrieben. 66 sind in privater Hand. Es ist wie fast überall auf der Welt. Während sich die Mehrzahl der finanziell schlecht gestellten Kranken in schlecht ausgestatteten Staatskrankenhäusern drängt, haben nur die Privilegierten Zugang zu modernsten Privatkliniken.

100 Dollar gegen Krankheit

Diesem Trend soll entgegengesteuert werden. Für die Gesundheit aller Bolivianer muss die Linkregierung jetzt tief in die Taschen des Staatshaushaltes greifen. Die Kosten für die über 7,5 Millionen neuen Versicherten, die SUS ab 2011 erreichen will, veranschlagt das Ministerium auf jährlich 757 Millionen US-Dollar. Pro Person und Jahr rechnet man also mit 100 Dollar.

Zur Verwaltung der Gelder ist die Gründung eines »Einheitlichen Gesundheitsfonds des Plurinationalen Staates« angedacht, untergliedert in departamentale und kommunale Töpfe. Zur Finanzierung wird darum angezapft, was angezapft werden kann: Zuweisungen der nationalen Staatskasse, Departamentos und Kommunen, eine Arbeitgebersteuer, Gelder aus dem internationalen Fonds für Schwerverschuldete Länder (HIPC II), Entwicklungshilfegelder und geplante Sondersteuern auf Tabak, Alkohol und Geldüberweisungen aus dem Ausland (Remesas) sollen dazu beitragen, dass Gesundheit in Bolivien kein Luxusgut mehr ist.

Autor: Benjamin Beutler