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Korruption und Spionage – Skandale erschüttern kolumbianisches Militär

Soldaten haben Journalisten im großen Stil bespitzelt, Generäle haben Geschäfte mit Narcos und Guerrillas gemacht: Berichte des Magazins „Semana“ belasten das kolumbianische Militär schwer. Dem Verteidigungsministerium zufolge handelt es sich um Einzelfälle.

Militärs in Kolumbien haben im großen Stil Journalisten ausspioniert (Archivbild). Foto: Jürgen Escher

„Die Geheimakten“ und „Operation Bastón“ titelte das kolumbianische Magazin „Semana“ in Ausgaben der vergangenen Wochen. Hinter den Schlagzeilen verbergen sich zwei der größten Militärskandale der jüngeren kolumbianischen Geschichte. Einerseits hat das kolumbianische Militär über mehrere Monate Journalisten, NGOler und Politiker ausspioniert, andererseits wurde nun bekannt, dass es über die letzten Jahre zahlreiche schwere Korruptionsfälle innerhalb der Armee gab.

Seit der Unterzeichnung des Friedensvertrages in Kolumbien 2016, als die Farc ihre Waffen niederlegte und umfassende Reformen angekündigt wurden, auch zur Struktur und Vorgehensweise des Militärs, stand das Verteidigungsministerium nicht so stark unter Druck wie derzeit.

Spekulationen über die Hintergründe der Spionage 

Über Monate hatte das Militär Informationen zu 130 Zivilisten gesammelt, der Großteil von ihnen Journalisten aus dem In- und Ausland. Wie „Semana“ Anfang des Monats mit Bezug auf Quellen aus den Reihen der Militärs enthüllte, fertigten mehrere Einheiten detaillierte Profile an, inklusive Adressen, privaten Beziehungen und - in Bezug auf Journalisten - den Quellen, mit denen sie Kontakt hatten. Unter den Spionagezielen waren auch mehrere US-Journalisten, wie etwa Nick Casey, der damalige Korrespondent der New York Times in Kolumbien. Der Fokus auf US-Journalisten ist besonders pikant, da das kolumbianische Militär mit US-Geldern unterstützt wird.

Nicolás Bedoya arbeitet als Journalist in Kolumbien. Auch er taucht in den Geheimakten auf. Weshalb, darüber kann er nur spekulieren: „Wir haben alle Recherchen zur Armee angestellt. Das legt doch nahe, dass sie es nicht unbedingt mögen, wenn man über sie spricht“, sagt er während einer Videokonferenz des Washington Office for Latin America. „Vielleicht wollten sie an unsere Quellen gelangen“, mutmaßt hingegen John Otis, Reporter für den US-Radiosender NPR.

Allerdings sei die Spionagearbeit des Militärs eher mangelhaft gewesen, sagt er. „Sie haben ein paar Facebook-Infos von mir gesammelt und mir Freundschaften mit Reportern zugeschrieben, die ich kaum kenne.“ Dennoch: Bei Otis und Bedoya hinterlässt die Spionage ein mulmiges Gefühl. „Ich will weder mich noch meine Quellen durch eine Recherche in Gefahr bringen“, sagt Bedoya.

Verteidigungsministerium: keine Systematik hinter der Bespitzelung  

Das Verteidigungsministerium hat nach eigenen Angaben 12 Offiziere entlassen sowie mehrere Straf- und Disziplinarverfahren eingeleitet. Trotz zahlreicher Militärskandale in der kolumbianischen Geschichte, geht das Ministerium lediglich von einigen schwarzen Schafen innerhalb der Armee aus. Es handele sich um einige Personen in Uniform, die mit ihren Taten den Ruf des Militärs schädigen würden, in keinem Fall gebe es eine Systematik, schrieb das Verteidigungsministerium auf eine Presseanfrage.

Eine der Reformen, die das Militär nachhaltig verbessern sollte, hat nun weitere Abgründe in mehreren Bereichen der Streitkräfte aufgetan. Die „Operation Bastón“ (dt. Kommandostab) der kolumbianischen Spionageabwehr hat über mehrere Jahre Untersuchungen aller kolumbianischen Generäle angestellt, wie „Semana“ vor zwei Wochen veröffentlichte. Die Operation ging aus einer Empfehlung der NATO hervor. Kolumbien verhandelte zu diesem Zeitpunkt, „globaler Partner“ des Bündnisses zu werden.

Die Untersuchungen ergaben teils schwere Fälle der Korruption: So soll ein General Militärinformationen zunächst an die FARC und später an die Dissidenten der FARC verkauft haben. Ein anderer habe gemeinsam mit 12 Offizieren Geschäfte mit Drogenhändlern und illegalen Goldgräbern des Golf-Clans gemacht haben, dem größten Drogenkartells Südamerikas.

Die Mitarbeiter der jahrelangen Anti-Korruptions-Operation haben zahlreiche Drohungen erhalten. Zuletzt stellte sich Verteidigungsminister Carlos Holmes Trujillo öffentlich hinter die Operation. "Diese Spionageabwehrmissionen müssen fortgesetzt werden, es ist ein legitimes Instrument, das darauf abzielt, die internen Kräfte zu erhalten", sagte er in einem Interview mit „Semana“. Er sei überzeugt, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen nun zügig vorantreiben werde.

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