Argentinien |

Kontroverse zwischen Kirche und Regierung

Puebla. In Argentinien ist zwischen Kirche und Regierung eine Kontroverse um die Zahl der Armen entbrannt. Auslöser war eine Studie der Katholischen Universität (UCA), wonach 44 Prozent der Haushalte nicht genügend verdienen, um die Ausgaben für Essen, Gesundheit, Kleidung und Dienstleistungen wie Strom und Wasser zu bezahlen. Nach offiziellen Statistiken befinden sich nur 10 Prozent der Haushalte unter der Armutsgrenze. In Argentinien leben 37 Millionen Menschen.
Die Kirche habe keinen Anlass, an den Zahlen der UCA zu zweifeln, die technisch und wissenschaftlich bestens fundiert seien, erklärte der Sprecher der Bischofskonferenz, Jorge Oesterheld. Die Regierung habe zwar viel für die Armen unternommen, aber das sei nicht ausreichend. „Der tiefe Graben zwischen Arm und Reich ist für uns nicht annehmbar“, fügte er hinzu. Die Regierung zeigte sich darob verstimmt. „Die Ständige Haushaltserhebung des Nationalen Statistikinstituts ist historisch gesehen die überzeugendste“, erklärte Kabinettschef Anibal Fernandez, der die UCA-Studie als „subjektiv“ und „nicht fundiert“ kritisierte. Es gehe nicht darum, die Zahl zu diskutieren, sondern zu vermeiden, dass immer mehr Menschen auf der Straße nächtigen müssten, entgegnete Oesterheld. „So erklärten die Bischöfe zum Abschluss ihres dreitägigen Treffens vorige Woche unter Leitung von Kardinal Jorge Bergoglio in einem Hirtenbrief die Bekämpfung der Armut zu einer „nationalen Priorität“ und beauftragten Bischof Jorge Casaretto und Bischof Fernando Bargallo mit der Erstellung eines Aktionspapiers. Papst Benedikt XVI hatte kürzlich dazu aufgerufen, die „skandalöse Armut und soziale Ungleichheit“ in Argentinien zu verringern.
Das Nationale Statistikinstitut (Indec) steht in einem zweifelhaften Ruf, seit Präsident Nestor Kirchner – Ehemann der aktuellen Präsidentin Cristina Fernandez - 2007 die Wissenschaftler anwies, die Berechnungsgrundlagen für ihre Statistiken zu ändern und eine enge Vertraute zur Direktorin ernannte. Das führte zu einer internen Krise und dazu, dass Banken und die Privatwirtschaft dazu übergegangen sind, eigene Messungen anzustellen, da ihrer Ansicht nach die neuen Indizes die Inflation systematisch unterschätzen. Die divergierende Inflationsrate – offiziell 7,2 Prozent im Vorjahr, nach unabhängigen Schätzungen 23 Prozent – erklärt auch die abweichenden Messungen bei der Armut.
Die reellen Kosten für den Warenkorb lägen deutlich über denen, die das Indec zugrunde lege, erklärte Milagros Gismondi von der privaten Consulting-Firma Orlando Ferreres. Ihren Schützungen zufolge muss eine Familie 207 Dollar monatlich nur für Nahrungsmittel ausgeben, das Indec legt 115 Dollar zugrunde. Die niedrigere Inflation hat zwei Vorteile für die Kirchners: durch die Vertuschung der Güterknappheit wird das Wirtschaftswachstum überschätzt, und die Verschuldung steigt langsamer, denn viele der argentinischen Schuldenbonds sind an die Inflationsrate gekoppelt.

Autor: Sandra Weiss