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Kontinent im Hitzestress

Die Menschen in Lateinamerika leiden schon heute unter der Klimakrise. Die Folgen der Klimaschäden gehen in die Milliarden – und sie sind ungerecht verteilt.

Klimawandel, Dürre

Gemeinde Tapacari, Bolivien: Gregoria Serrano pflanzt Oka. Sie und ihr Mann Maurício García haben die Farm auf nachhaltige Landwirtschaft umgestellt. (Symbolfoto: Adveniat/Martin Steffen)

In Deutschland ist Saúl Luciano Lliuya längst eine kleine Bekanntheit. Der Kleinbauer aus den peruanischen Anden hat es mit dem Energieriesen RWE aus dem Rheinland aufgenommen. Vor deutschen Gerichten erstritt der Familienvater im vergangenen Jahr ein Novum: Experten untersuchen derzeit, wie hoch die Schäden für den Peruaner sind, die durch das Verbrennen von dreckiger Braunkohle durch das Unternehmen aus Essen entstanden sind. Der Klimawandel wird durch Kohlekraftwerke mitversursacht, RWE ist einer der größten Klimasünder Europa. Und in Peru schmelzen durch die globale Erderwärmung ganze Gletscherteile ab, setzen sich in Bewegung und rutschen die Hänge hinunter. Saúl wohnt am Bergsee Palcacoch. Einer Studie von US-Wissenschaftlern zufolge würde durch herabstürzende Eismassen eine Flutwelle verursacht werden und seine Heimat und die seiner Familie mit sich reissen. RWE soll sich an einem Schutzwall beteiligen.

Nicht nur für Saúl ist der Klimawandel in Lateinamerika gelebte Realität. Die Vereinten Nationen machten jüngst darauf aufmerksam, dass Hunderttausende Bauern in Mittelamerika ihren Lebensunterhalt nicht mehr verdienen können, weil die Klimakrise ganze Landstriche in Steppen verwandelt. Der Umgang mit den Folgen für die Betroffenen ist das Gegenteil von Solidarität: So hetzt US-Präsident Donald Trump seine Wählerschaft ungehemmt gegen Latino-Migranten auf, verschärft die Einwanderungsgesetze, lässt Mauern bauen, während der Immobilienerbe den Klimawandel abstreitet, die Kohle- und Erdölwirtschaft im historisch größten Klimaverschmutzer USA befeuert und den vom Extremwetter betroffenen Ländern wie El Salvador, Guatemala und Honduras die Entwicklungshilfe streicht: Weil diese die fliehenden Menschen nicht in den Griff bekommen und gen Norden wandern lassen, so der Vorwurf. Ein Teufelskreislauf ohne Ausweg.

Großer Schaden in Lateinamerika

Wie stark Lateinamerika vom Klimawandel bereits betroffen ist, das zeigen die nackten Zahlen. Ein jüngster Bericht der UN-Kommission für Wirtschaftsfragen in Lateinamerika und der Karibik (CEPAL) schlägt Alarm. Lateinamerika verursacht heute weniger als zehn Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Die Emissionen entstehen nicht wie im wohlhabenden Norden zum Großteil (71 Prozent) durch das Verbrennen von Öl, Gas und Kohle, sondern vor allem auch durch die Abholzung des Regenwaldes und Umnutzung des Bodens für Städtebau und Straßen (19 Prozent) und Landwirtschaft (23 Prozent), wovon der Großteil wiederum für den Export, etwa für Soja für die Viehwirtschaft in den USA, Europa und China - also nicht für die Lateinamerikaner - bestimmt ist. 

Trotz der geringeren Klimaschuld trägt der Kontinent mit die Hauptlast der Klimaschäden. Auch im ungleichen Lateinamerika verursachen die Reichen mehr CO2 als die Armen. Und die Armen leiden am meisten unter Schocks wie dem Klimawandel. Bis 2080 werde die Ergiebigkeit der Landwirtschaft pro Hektar wegen immer schwierigeren Bedingungen um 23 Prozent einbrechen, prognostizieren die CEPAL-Experten. Das wird vor allem arme Kleinbauern wie den klagenden Saúl treffen. Der globale Durchschnitt der Ernte-Einbußen liegt derweil bei einem Minus von 15 Prozent. Neben der menschlichen Not und Misere rollt eine enorme Kostenwelle auf die Volkwirtschaften zu. 20 bis 30 Milliarden US-Dollar werden für die Anpassung an den Klimawandel nötig, und zwar jedes Jahr, so das Iberoamerikanische Forschungsinstitut „La Rábida“. Das Abwarten im Kampf gegen die Klimakrise kostet bares Geld. So gingen den lateinamerikanischen Ländern durch ungewöhnliches Extremwetter zwischen 1979 und 2008 bereits über 81 Milliarden US-Dollar verloren. Die Klimafrage, sie ist längt nicht nur eine Ökofrage, sondern gerade auch eine Frage der Klimagerechtigkeit.