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Kolumbien: "Leben von Menschenrechtlern ist in Gefahr"

In Kolumbien schlagen die katholische Kirche und die Vereinten Nationen an der Pazifik-Küste Alarm. Zur Lösung der strukturellen Probleme seien Friedensabkommen notwendig.

Der Friedensaktivist Leyner Palacios (rechts) bei einer Verunstaltung in Quibdó, Kolumbien im Jahr 2011. Foto: Steve Cagan/ Advenait 

In Kolumbien haben die Bischöfe der von der Gewalt besonders betroffenen Pazifik-Region ihre Forderung nach einem Friedensabkommen mit der marxistischen ELN-Guerilla bekräftigt. Zur Beendigung der humanitären Krise, die die Region erlebe, sei eine Lösung notwendig, die die strukturellen Gründe angehe. Beinhalten müsse diese nach Einschätzung der Bischöfe den Abschluss von Friedensabkommen mit der ELN-Guerilla, dem paramilitärischen "Clan del Golfo" und ähnlichen Gruppierungen.

"Wir bekräftigen die Notwendigkeit, politische und friedliche Wege aus dem bewaffneten Konflikt zu finden", heißt es in dem Schreiben der Bischöfe, aus dem die Tageszeitung "El Tiempo" am Montag zitierte. Darin verweisen die Bischöfe unter anderem auf die "dramatische Situation", die in den indigenen und afrokolumbianischen Gemeinden in der Region vorherrsche. Grundsätzlich müsse zudem der Schutz von Aktivisten und Menschenrechtsverteidigern gewährleistet werden; deren Leben sei in Gefahr.

Prominenter Aktivist erhält Morddrohungen 

Zuletzt hatten unter anderem Morddrohungen gegen den Menschenrechtsaktivisten Leyner Palacios, Sprecher der afrokolumbianischen Gemeinschaften und der autonomen interethnischen Wahrheitskommission (CIVP), für Unruhe gesorgt. Palacios habe eine Morddrohung erhalten, verbunden mit dem Ultimatum, den Bundesstaat Choco, in dem die besonders von Gewalt betroffene Kleinstadt Bojayá liegt, binnen Stunden zu verlassen, berichtete der Misereor-Länderreferent für Kolumbien, Stefan Tuschen.

Im Dezember hatte Palacios eine Reise nach Deutschland auf Einladung des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat absagen müssen. "Wir erleben hier in den Dörfern um Bojayá einen Krieg. Sie wollen uns weiterhin töten", berichtet Palacios. Er ist Überlebender des Massakers von Bojayá. Die Bewohner der Kleinstadt in der westkolumbianischen Provinz Chocó waren am 2. Mai 2002 zwischen die Fronten der rechtsgerichteten Paramilitärs und der FARC-Guerilla geraten. 79 Menschen, davon 23 Familienangehörige von Leyner Palacios, starben, als eine FARC-Bombe die Kirche traf, in der sie Schutz gesucht hatten.

Stockender Frieden mit der ELN-Guerilla

"Die Regierung unter Präsident Ivan Duque muss die Bürger vor der zügellosen Gewalt schützen, den Dialog mit der ELN unbedingt wiederaufnehmen und die Landreform - wie im Friedensabkommen vorgesehen - umsetzen, damit der Frieden endlich bei denen ankommt, die am meisten unter dem Krieg gelitten haben und weiterhin leiden", forderte die Kolumbienreferentin von Adveniat, Monika Lauer Perez.

Kolumbiens konservativer Präsident Duque hatte jüngst noch einmal die Bedingungen für eine Wiederaufnahme der Friedensgespräche mit der ELN genannt. Wenn die ELN die Verpflichtung für den Frieden in Kolumbien wahrnehmen wolle, dann müsse sie alle ihre Geiseln freilassen und ihre kriminellen Aktivitäten beenden, betonte er.

Nach Schätzungen der Behörden verfügt die ELN über eine Truppenstärke von 2.500 Männern und Frauen; sie ist überwiegend im Osten Kolumbiens aktiv. Nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gehen rund 7.000 Morde, ebenso viele Entführungen, 3.000 Fälle von Landvertreibung und etwa 1.000 Zwangsrekrutierungen auf das Konto der Gruppe. Die ELN wird zudem für schwere Umweltzerstörungen durch mehr als 1.300 Anschläge auf Öl-Pipelines verantwortlich gemacht.

Die Gespräche mit der ELN hatten im Februar 2017 noch unter der alten Regierung Santos begonnen und wurden im Mai 2018 in die kubanische Hauptstadt Havanna verlegt. Nach einem Bombenattentat der ELN auf eine Polizeischule in Bogota, bei der im Januar 2019 insgesamt 22 Menschen starben und 66 Personen verletzt wurden, stoppte Kolumbiens Regierung die Friedensgespräche.

"Tief beunruhigend" - Die Vereinten Nationen über die Lage am Pazifik 

Auch die Vereinten Nationen zeigten sich besorgt über die Gewalt in der Pazifik-Region Kolumbiens. Carlos Ruíz, Leiter der UN-Mission zur Friedensüberwachung in Kolumbien, äußerte sich "tief beunruhigt" über den zunehmend gewalttätigen Landkonflikt zwischen bewaffneten Gruppen im Departement Chocó. Es habe zwar deutliche Fortschritte im Friedensprozess gegeben, doch dieser sei durch die Gewalt in bestimmten Regionen bedroht, sagte Ruíz. Er fügte an: "Der Frieden wird nicht vollständig erreicht werden, wenn die mutigen Stimmen der sozialen Anführer weiterhin mit Gewalt zum Schweigen gebracht werden."  

Im Jahr 2019 wurden laut vorläufigen Zahlen der Vereinten Nationen 108 Aktivisten ermordet. Und ein Ende ist nicht Sicht: Alleine in den ersten zwei Wochen des neuen Jahres wurden 10 weitere Morde gemeldet. 

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