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„Kolonisierung der Politik“ - Eroberung der Mittelschicht

Es ging um Differenzierung, um einen Perspektivenwechsel. Nicht die katholische Kirche in Lateinamerika stellte die Bischöfliche Aktion Adveniat in den Mittelpunkt ihrer Tagung, sondern die sogenannten Pfingstkirchen, die „pentecostales“. Jene disparaten Gruppierungen, Gemeinden und Sekten, die der katholischen Kirche seit Jahren zunehmend „Marktanteile“ abringen.

„Der 'katholische Kontinent' im Wandel - Religiöse und gesellschaftliche Transformationsprozesse“, so lautete der Titel der zweitägigen Konferenz in der Mülheimer Akademie „Wolfsburg“. Sie war der Auftakt zu den Feiern des 50-jährigen Bestehens, den das Lateinamerika-Hilfswerk der Deutschen Bischofskonferenz 2011 feiern kann. Internationale Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter warfen in ihren Beiträgen und Diskussionen Schlaglichter auf die vielfältigen Phänomene der Veränderung.

Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka warnte zu Beginn vor einer Fixierung auf wirtschaftliche Interessen in der Entwicklungszusammenarbeit. Jedes Konzept, das die Bedeutung des Religiösen auf dem Kontinent außer Acht lasse, müsse zum Scheitern verurteilt sein, sagte Klaschka mit Blick etwa auf die Neuausrichtung der Entwicklungspolitik der Bundesregierung auf Wirtschaft und Wirtschaftsförderung. Für den kirchlichen Bereich ermunterte der Adveniat-Geschäftsführer dazu, die religiösen Transformationsprozesse „ohne lähmende Ängste“ anzugehen. Wandel entstehe durch Handeln. Es müsse also darum gehen, den Wandel angstfrei mitzugestalten.

Der Bielefelder Religionssoziologe Heinrich Wilhelm Schäfer machte in seinem Eröffnungsvortrag eine Kompromittierung der Religion durch die Politik sowie eine Kompromittierung der Politik durch die Religion in Lateinamerika aus. Er differenzierte die These von den Pfingstkirchen als politische „U-Boote des US-Imperialismus“, die bis heute von vielen Soziologen vertreten werde.

Schäfer unterschied zwischen den traditionellen Pfingstkirchen und den sogenannten Neo-Pfingstkirchen. Erstere seien eher in der Unterschicht angesiedelt; sie litten zu Beginn ihrer Entstehung unter der Erfahrung von Elend und Verlust der Zukunft und neigten zu einer apokalyptischen Erlösung durch Christus und zum Rückzug aus der allgemeingesellschaftlichen Entwicklung in eigene Bezüge und Netzwerke. Die zweite Gruppe sei dagegen deutlich in der modernisierenden oberen Mittelschicht vertreten.

Diese „Wohlfühl-Kirchen“ böten eine Religiosität für den modernen, beanspruchten Menschen und vermittelten das Gefühl, der Gottesdienst mache wieder fit für den Alltag. Während die klassischen Pfingstkirchen die These vom US-Imperialismus überhaupt nicht nachvollziehen könnten, so Schäfer, griffen die Neo-Pfingstkirchen das Argument sogar selbst auf: Man wolle nicht länger die latinische, katholische Welt der Korruption, des Kungelns mit der
Macht, sondern einen nordamerikanisch geprägten, auf Effektivität ausgerichteten Protestantismus. Pikant sei nur, dass mehrere Pfingst-Politiker, etwa in Guatemala oder Brasilien, damit erfolgreich angetreten und schließlich durch Korruptionsskandale gescheitert seien.

Der Mainzer Sozialethiker Gerhard Kruip betonte, wirtschaftsethische Fragen kämen in den Pfingstkirchen zuletzt überhaupt erst in Gang. Früher sei es dort vor allem um die eigene Befindlichkeit und die der eigenen Familie und Gruppe gegangen. In dieser Beziehung habe die katholische Kirche mit ihrer Soziallehre natürlich einen viel längeren Vorlauf. Kruip warnte vor einer Selbsttäuschung durch Mitgliederzahlen. Die Zahl der Kirchgänger und Engagierten bei den Pfingstkirchen sei wesentlich höher als bei den Katholiken. Es gehe in Wahrheit nicht um statistische 80 Prozent Katholiken zu 20 Prozent Protestanten; auszugehen sei etwa von ca. 10 Prozent engagierten Protestanten und 15 bis 20 Prozent Katholiken.

Auch die Sozialwissenschaftlerin Regina Alves Fernandes aus Rio betonte: „Wir können uns abschminken, dass die Pfingstkirchen unpolitisch seien. Sie sind längst sehr politisch.“ Fernandes sprach von einer evangelikalen „Kolonisierung der Politik“. Dabei wählten viele Gläubige am Ende gar nicht den eigenen Kandidaten; entweder weil der in die eigene Tasche wirtschafte oder weil sich - im anderen Fall - der Wähler von einem anderen Kandidaten persönlich mehr Vorteile verspreche. In den Elendsquartieren an der Peripherie sieht die brasilianische Soziologin einen zweifachen Trend: eine Hinwendung zu Pfingstkirchen, die plakativ ein besseres Leben versprächen, oder andererseits eine zunehmende Abkehr von Religion überhaupt mit dem Gefühl: Gott kümmert sich nicht um mich.

Um dies zu verhindern, setzt der Vizepräsident des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM), Erzbischof Baltazar Enrique Porras Cardozo, auf eine neue Missionisierung des Kontinents. Nicht im Sinne einer Volksmission im landläufigen Sinne und auch nicht nach einem einheitlichen Schema. Es brauche vielmehr individuelle Zugänge der einzelnen Diözesen, je nach Beschaffenheit und Situation der jeweiligen Kirche. Die ersten Erfahrungen damit zu sammeln und zu evaluieren, werde Aufgabe mindestens der kommenden drei Jahre sein, so Porras.

Der Thyssen-Manager Ekkehard Schulz, dessen Konzern unlängst ein neues Stahlwerk in Brasilien eröffnete, lobte die Fortschritte des Landes unter dem früheren Präsidenten Luis Inacio Lula da Silva (2003-2010), auch im sozialen Bereich. Brasilien biete wichtige Rohstoffe, eine zunehmend moderne Produktion und ideale demografische Voraussetzungen. Der Satz „Brasilien ist das Land der Zukunft und wird es immer bleiben“ scheine inzwischen längst überwunden.

Die Kirchen im Land, so die Beobachtung des Managers, hätten weiter großen Einfluss und gesellschaftliche Gestaltungskraft. Sie vermittelten Werte und gäben sozialen Halt. Besonders die Pfingstkirchen hätten den Aufschwung der vergangenen zehn Jahre offenkundig gut genutzt, meint Schulz: durch Präsenz unter den Armen; den massiven Einsatz moderner Kommunikationsmittel; Präsenz an wichtigen Stellen in Politik, Showbusiness und Sport. Die Kritik müsse allerdings ähnlich groß ausfallen wie der Erfolg: Schulz attestierte Oberflächlichkeit, eine persönliche Bereicherung Einzelner sowie ein großes Potenzial zur Massenmanipulation.

Der Straßburger Religionssoziologe Jean-Pierre Bastian kritisierte den Kurs der katholischen Kirchenführung in den 80er und 90er Jahren. Die Pfingstkirchen seien auch eine Basisbewegung, aber ohne eine qualitativ gute Theologie wie die der Befreiung. Sie kämen „von unten, aus dem Synkretismus Lateinamerikas“. Die katholischen Basisgemeinden seien das genaue Gegenteil gewesen: eine „intellektuelle Avantgarde des Katholizismus“.

Bastians Beobachtung: Die katholischen Basisgemeinden hätten eine wichtige Bedeutung in einer bestimmten Phase Lateinamerikas gehabt. Doch überall dort, wo ein neuer Bischof kam, seien sie bald verschwunden. Der Soziologe macht das Problem an der hierarchischen Verfasstheit der Kirche fest. Offenbar sei man der Meinung gewesen, der Heilige Geist müsse „ein bisschen kontrolliert werden, wenn er auch zu den Frauen kommt“. Die Lacher hatte Bastian auf seiner Seite - doch die Diskussion war damit nicht beendet.

Alexander Brüggemann (KNA)