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Koka-Konsum schon lange vor den Inkas

Der Konsum von Koka hat in den Anden eine lange Tradition: schon tausend Jahre vor den Inkas kauten die Einwohner von Tiahuanaco (Aymara-Schreibweise: Tiwanaku) Koka-Blätter. Der Ort, eine bekannte archäologische Ruinenstätte, liegt im heutigen Bolivien, etwa 70 Kilometer westlich von La Paz. Mit dem Wort „Koka“, das auf das Aymara zurückgeht, wird sowohl der Baum als auch das Blatt bezeichnet. Die Anden-Bewohner verwenden für das Kauen von Koka-Blättern das aus dem Quechua stammende Verb „akullikar“ (das dem spanischen „mascar coca“ entspricht).

Archäologische Funde in Bolivien haben den verbreiteten Anbau von Koka für den Zeitraum 374 bis 1187 nach Christus belegt. Forscher errechneten in einem Fall ein durchschnittliches Anbaupotenzial von 750 Kilogramm pro Hektar pro Ernte. Die besagte Anbaufläche beträgt 250 Hektar. Jährlich wurde dreimal geerntet, das Koka reichte theoretisch für die Versorgung von 200.000 Menschen.

Ausbreitung bis zum Pazifik

Mit dem Wachstum des Reiches von Tiahuanaco breitete sich der Koka-Komsum auf weitere Regionen aus. Nachgewiesen ist dies zum Beispiel für das heutige Nord-Chile, Koka drang also über den Altiplano bis zum Pazifik vor. Viele Forscher haben die Verwendung von Koka weit vor der Inka-Zeit belegt, über das ursprüngliche Verbreitungsgebiet hinaus. So wies der Archäologe Hans Horkheimer auf Funde von Kokablättern in Gräbern hin. Nach Einschätzung des chilenischen Archäologen Láutaro Núñez kam dem Kokablatt nicht nur zeremonielle Bedeutung zu, sondern es habe die Entwicklung der Kultur von Tiahuanaco insgesamt befördert. Koka habe sich hierbei als wichtiger Faktor erwiesen für die Anpassung des Menschen an eine widrige und sehr hoch gelegene Region. Erst so habe sich wirtschaftliche Dynamik entfalten können, wie zum Beispiel Viehzucht oder Verkehr. In einer der schwierigsten Umgebungen, die es auf der Welt gebe, seien ganz besondere Anstrengungen der Bewohner erforderlich.

Vielfältiger medizinischer Nutzen

Koka wurde in präkolumbianischer Zeit aber auch zur Behandlung verschiedener Krankheiten eingesetzt. Kultische Bedeutung hatte es in Gestalt der Gabe an die Gottheiten, aber auch für hellseherische Zwecke wurde es verwendet. Koka half als Heilmittel bei der Linderung von Zahnschmerzen, bei einem sauren Magen und konnte Fieber senken. Aufgrund dieser Vielseitigkeit gab es für Koka in der traditionellen andinen Medizin keinen Ersatz durch ein anderes Mittel.

In präkolumbianischer Zeit wurde Koka bis in den Süden des heutigen Ecuador angebaut. Von den 250 bekannten Koka-Arten kommen rund 200 in den amerikanischen Tropen vor. Die kommerziell bedeutendste Art heißt „Erythroxilum Coca“ und ist in den östlichen Anden beheimatet, wo sie auf einer Höhe von 500 bis 1.500 Metern wächst. Koka enthält viel Protein, Kalzium, Phosphor und Vitamin A. Letzteres ist unter anderem wichtig für den Stoffwechsel und für das Sehen. Über Koka liegen zahlreiche Studien vor. Es konnte keinerlei negative Auswirkung des Kauens von Kokablättern auf den menschlichen Körper festgestellt werden - im Gegenteil: Wissenschaftler sprechen ihm sogar einen gewissen Nährwert zu.

Symbol ethnischer Identität

Eine umfangreiche Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass die Gewohnheit des traditionellen Koka-Konsums in den Anden keiner Befriedigung eines biologischen Bedürfnisses diene, sondern tief im indigenen Brauchtum verwurzelt sei. Das Kauen von Kokablättern nimmt somit den Charakter eines Symbols ethnischer Identität an. Beim „acullicar“ handelt es sich dabei um etwas anderes als um reines Kauen, die komplexe Technik erfordert zum Beispiel eine Kontrolle des Speichelflusses und der eingeatmeten Luft.

Autorin: Patricia Montaño Durán
Quelle: Bolpress, deutsche Bearbeitung: Bernd Stößel