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Klimawandel heizt Migration an

Die unübersehbaren Folgen der globalen Erwärmung haben in Bolivien das Phänomen der »Klimaflüchtlinge« in den Blickpunkt gerückt. »41 Prozent der bolivianischen Böden leiden unter Erosion und Verwüstung«, vermeldete Mitte der Woche die Tageszeitung »La Prensa« unter Berufung auf Experten. Sollte sich der besorgniserregende Trend der Umweltschäden fortsetzten, sei mit massiver »Klima-Flucht« aus den betroffenen Regionen zu rechnen.

Schlimmste Dürreperioden seit 30 Jahren

Der Klimawandel trifft Bolivien wie kaum ein anderes Land. Die Jahreszeiten sind extremer geworden. Gerade erträgt das Land eine der schlimmsten Dürreperioden seit 30 Jahren. 47.853 Waldbrandherde misst die staatliche Wald- und Bodenbehörde (ABT), im August und September seien über vier Millionen Hektar den Flammen zum Opfer gefallen. Besonders leide die Bodenqualität der trockenen und halbtrockenen Hochland-Regionen von La Paz, Cochabamba, Chuquisaca, Potosí und Oruro unter der aggressiven Sonneneinstrahlung, Erosion und Verwüstung sind die Folge. Die Böden geben weniger her, die Ernten sind im Jahr der Dürre sehr mager ausgefallen. Schon jetzt befürchtet die Regierung Lebensmittelknappheit.

Für die Region untypische Krankheiten

Verstärkt müssen sich die Menschen im Altiplano vor der Sonne schützen, die wegen dem Höhenniveau von über 3500 Meter starke Ultraviolette Strahlung (UV) verbrennt die Haut und erhöht das Risiko von Hautkrebs um ein Vielfaches. Bauern berichten derweil von Krankheiten und Ungezieferplagen, die für die betroffenen Regionen untypisch sind.

Die Trockenzeit lässt auch das Wasser knapp werden. Flüsse und Brunnen trocknen aus, immer weniger Trinkwasser fließt aus den Andengletschern herab. Denn das ewige Eis befindet sich in einem dramatischen Abschmelzungsprozess, die schrumpfenden Gletscher des Condoriri-Becken und des Tuni-Becken versorgen mehr als eine Million Menschen in den Großstädten El Alto und La Paz mit Wasser. Diesen Monat hat das Nationale Hydrologische Institut (SNHN) für den Titicaca-See eine Austrocknungswarnung herausgegeben, eines der wichtigsten Wasserreserven des Andenplateaus stehe 15 Zentimeter vor »Trocken-Alarm«.

Auch der Titicaca-See wird von Gletscherwasser gespeist. 2009 alarmierte Oxfam International, dass Condoriri bis 2045 komplett verschwunden sein wird, Tuni schon in zehn Jahren im Jahr 2025. Landwirtschaft und Trinkwasserversorgung in dem Ballungsraum mit seinen drei Millionen Einwohnern steht eine Katastrophe bevor.

Regenzeit verkürzt

Das Gleichgewicht der Umwelt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Auch die Regenzeit habe sich verkürzt, konstatiert der bolivianische Geologe Mario Enríquez. Im Gegenzug würden die Regenfälle immer intensiver und verursachen Sturzfluten, Überschwemmungen und Erdrutsche. Bolivien werde einen »Effekt zu spüren bekommen, der als Klima-Migration bekannt ist«, prognostiziert der Wissenschaftler für die nahe Zukunft starke Bevölkerungsbewegungen. Finden Familien in ihrer Heimat, vor allem auf dem Land, keine Lebensgrundlage mehr, so würden sie gezwungenermaßen in die Städte umziehen. Die wachsenden Armutsgürtel der Städte würde die schon existierende Armut weiter verschärfen.

Landflucht und Aufgabe traditioneller Anbauten

»Die Veränderungen im Klima haben einen Anstieg der Durchschnittstemperaturen auf der Oberfläche, vor allem in den hohen und mittleren Höhengraden, verursacht sowie einen Wandel in der Menge und Stärke der Niederschläge in vielen Ländern der Region (Südbrasilien, Paraguay, Argentinien)«, bestätigt ein UNESCO-Bericht die kritische Lage in Bolivien.

Die Landflucht von Bauernfamilien in die Städte ist kein Horrorszenario. Die UNESCO sieht »Veränderungen der agrarischen Leistungsfähigkeit von grundlegenden Kulturen der regionalen Ernährung oder das Verschwinden traditioneller Anbauten«. Schon 1990 warnte die »Internationale Expertengruppe zum Klimawandel« (IPCC) davor, dass die »schwerwiegendste Folge« der globalen Erwärmung eine Explosion der »menschlichen Migration« sei. Diverse Studien gehen davon aus, dass bis 2050 weltweit zwischen 200 Millionen bis eine Milliarde Menschen die Flucht vor dem Klima antreten müssen.

Autor: Benjamin Beutler