Venezuela |

Klima der Angst

Hohe, weiße Mauern umgeben das Sendergebäude von Globovision. Eine schmale Tür führt ins Innere eines der letzten verbliebenen regierungskritischen TV-Sender in Venezuela. Die Stimmung im Haus ist freundlich, die Menschen gehen herzlich miteinander um. Der Druck von außen schweißt zusammen. Vor wenigen Wochen hat die Regierung des sozialistischen Präsidenten Hugo Chávez diesen Druck noch einmal erhöht. Die venezolanische Rundfunkbehörde Conatel verpflichtete Globovision zur Zahlung einer Strafe von umgerechnet etwa 1,5 Millionen Euro. Das Vergehen: Globovision hat ausführlich über die Gefängnisunruhen im Land berichtet. Conatel wertet dies als Aufruf zur Straftat; die Meuterer hätten sich angestachelt gefühlt.

Gabriela Perozo, eine der dienstältesten Journalistinnen des Senders, findet das unverständlich. "Es gab eine Desinformation der offiziellen Stellen", sagt sie. Vor den Gefängnissen hätten verzweifelte Angehörige gewartet und wissen wollen, wer unter den Opfern ist. Der Aufstand in den Gefängnissen und die daraus resultierende Gewalt passe nicht in das Bild, dass die Regierung gern über ihr Land verbreiten will. "Wir berichten über diese Themen, weil es unsere journalistische Pflicht ist. Egal ob wir eine rechts- oder eine linksgerichtete Regierung haben, vor Missständen im Land dürfen wir die Augen nicht verschließen", sagt Perozo.

Die Angst kritische Fragen zu stellen

Die für den Sender unbezahlbare Millionenstrafe ist der jüngste Höhepunkt im Streit der Chávez-Regierung mit den unabhängigen Medien. Sollte Globovision tatsächlich zahlen müssen, wäre das wohl das Ende des Senders. "Das Problem der Pressefreiheit wird stetig größer. Alles hat vor zehn Jahren begonnen, als der Präsident der Republik die Medien zu Feinden der Revolution erklärte", meint Perozo.

Eine stufenweise Eskalation folgte: Journalisten, die nicht für die staatlichen Medien arbeiteten, wurden und werden bedroht, geschlagen oder schlicht ausgeschlossen. Zuvor öffentlich zugängliche Quellen sind versiegt; bei Pressekonferenzen werden Fragen unabhängiger Medien entweder gar nicht zugelassen oder unbrauchbar beantwortet. In der Medienlandschaft ist eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstanden.

"Das alles hat zu einem Klima der Angst geführt, Fragen zu stellen und über bestimmte Dinge zu berichten", so Perozo. Juristen sind die wichtigsten Wegbegleiter der Globovision-Redaktion geworden. Jedes Wort muss genau abgewogen werden. Jeder kritische Bericht könnte das Ende bedeuten. "Sie können sich vorstellen, was das für die tägliche Arbeit bedeutet." So geht es Globovision wie zuvor vielen anderen Medien in Venezuela. In den vergangenen zehn Jahren hat die Regierung missliebige TV-Sender, Radioanstalten oder Verlage aus dem Verkehr gezogen.

Globovision versus Jubelberichterstattung

Im gleichen Maße stieg die Kontrolle der Regierung über die staatlichen Medien. Woche für Woche beglückt Chávez seine Leute mit einer eigenen TV-Show. Spricht der Präsident, unterbrechen die staatlichen Medien gern ihr Programm. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Gewalt im Land, der nach wie vor großen Armut oder anderen Missständen findet nicht statt. Wie die gesamte Gesellschaft ist auch die Medienlandschaft gespalten.

Die Globovisionäre gehören zu den letzten Medienvertretern, die nicht in die Jubelberichterstattung über Chavez einstimmen. Die Menschen in Venezuela danken es der Redaktion: "Wenn ich zum Bäcker gehe oder auf der Straße bin, dann sagen mir die Menschen, dass unsere Arbeit wichtig ist", berichtet Perozo. Die Einschaltquoten sind hoch, denn der Hunger nach unabhängiger Information ist groß. Einen Ausblick in die Zukunft des Senders wagt Perozo dennoch nicht: "Die Welt ändert sich ständig; das Land ändert sich ständig. Voraussagen sind sehr schwierig."

Quelle: KNA, Tobias Käufer