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Kleinstadt rebelliert gegen die Holzmafia

Straßenblockaden, geschlossene Geschäfte, Demonstrationen – seit genau einen Monat befindet sich die Kleinstadt Cheran im zentralmexikanischen Bundesstaat Michoacán im Ausnahmezustand. Der Grund: die indigene Bevölkerung protestiert gegen die illegale Abholzung ihrer Wälder und fordert die Anwesenheit der Streitkräfte.

Schon drei Jahre lang haben die Angehörigen der Etnie Purépecha immer wieder Briefe geschrieben, an die Justiz und die Behörden appelliert, Eingaben und Klagen verfasst, doch niemand unternahm etwas. Dafür gibt es aus ihrer Sicht auch einen Grund: Die Bewohner der Nachbargemeinden würden von der Mafia fürs Abholzen bezahlt, und auch Bürgermeister Roberto Chapina sei von der Holzmafia geschmiert, so die Vorwürfe. Der hat das Dorf längst verlassen und wälzt wiederum die Schuld auf der Regional- und Bundesregierung ab. Diese hätten jahrelang weggeschaut und die Anzeigen ignoriert, sagte er der Presse. Umweltschützern zufolge wurden in den vergangenen Jahren auf 20.000 der 28.000 Hektar des Indigenalandes illegal abgeholzt.

Kahler Berg

„40 Jahre lang haben wir den Wald für unsere Enkel geschützt, und jetzt zerstören ihn uns Fremde, der Packjarakua-Berg ist bereits total kahl“, sagte ein Einwohner lokalen Medien. Von den einst üppigen Wäldern im zentralen Hochland ist nur noch wenig übrig, Cheran ist inzwischen umgeben von Feldern, die in der Trockenzeit brach liegen. Die nackte Erde wird vom Winde verweht, der Grundwasserspiegel ist als Folge der Abholzung gesunken, Flüsse versickern.

Einige der Aktivisten, die den Raubbau anprangen, wurden ermordet oder verschwanden spurlos. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International startete inzwischen einen Hilfeaufruf zur Unterstützung der Gemeinde Cheran. Als Mitte April wieder ein paar Laster der Holzmafia ungestraft durchs Dorf fuhren, nachdem sie Bäume in der Nähe einer Quelle abgesägt hatten, ließ eine Gruppe Bauern ihrer Wut freien Lauf: sie organisierten flugs Straßensperren, verbrannten die Laster, nahmen die Fahrer fest, entwaffneten die lokale Polizisten, sperrten sie ein und riefen die Rebellion aus. Erst einige Tage später und nach Einschaltung zahlreicher Vermittler übergaben sie die Festgenommenen den Behörden.

Gelähmte Kleinstadt

Ihren Protest legten sie jedoch nicht nieder, und so ist sich die 16.000 Einwohner zählende Kleinstadt seither gelähmt. Nach indigener Tradition sind alle, die älter sind als 14 Jahre, mit eingespannt, sei es als Koch, Wächter oder Holzsammler. Die Straßen sind blockiert, in der Nacht brennen Lagerfeuer, nur zwischen 6 und 18 Uhr werden nach strikter Kontrolle Besucher eingelassen. Unbekannte müssen sich erst ausweisen. In vielen Geschäften hängen handgemalte Plakate mit der Aufschrift: „Wir wollen die Armee!“ So lange die nicht eintreffe, werde der Aufstand fortgesetzt – auch wenn die Lebensmittel knapp würden, so einer der Sprecher der Aufständischen, José Juan.

Die Holzmafia schlug zurück: während die Indigenas ihren Aufstand organisierten, fackelten sie die Wälder ab, im Dorf kam es zu einem Feuergefecht. Erst nachdem auch nationale Medien über den Konflikt berichteten, schaltete sich die Bundesregierung ein und schickte Bundespolizisten, Ermittler und Soldaten los. Acht festgenommene Schmuggler und drei beschlagnahmte LKWs mit illegal geschlagenem Holz lautete deren Bilanz nach Angaben des regionalen Sicherheitsministers, Manuel Garcia Ruiz. örtliche Journalisten konnten dies jedoch ebenso wenig bestätigen wie die Anwesenheit der Sicherheitskräfte in Cheran. „Sie haben nur ein paar Polizeiwagen geschickt und ab und zu kreist ein Hubschrauber über der Region“, kritisierte Juan.

Auch andere Dörfer klagen

Die Bewohner richten sich unterdessen auf einen längeren Protest ein und rationierten die Lebensmittelvorräte. „Wir hören erst auf, wenn unsere Forderung nach einem permanenten Armeestützpunkt erfüllt ist und der Anführer der Holzmafia alias „Der Blonde“ festgenommen ist “, sagte Juan. Inzwischen klagten auch andere Dörfer des Bundesstaates, darunter Zirahuen und Chenarastico, über Missbrauch und verlangten nach Schutz vor Holzfällern und anderen kriminellen Gruppen, die sich unter anderem gewaltsam mit gefälschten Landtiteln Grund und Boden unter den Nagel reißen.

Sandra Weiss, Puebla