Mexiko |

Kinderrechte am seidenen Faden

Spielende Kinder auf der Müllhalde von Nezahualcóyotl, der ärmsten Millionenstadt Mexikos. Foto: Rolf Bauerdick/Adveniat.
Spielende Kinder auf der Müllhalde von Nezahualcóyotl, der ärmsten Millionenstadt Mexikos. Foto: Rolf Bauerdick/Adveniat.

Es ist 10 Uhr morgens in der mexikanischen Silberminenstadt Guanajuato. Die ersten Touristen schieben sich durch die engen Gassen der pulsierenden Kolonialstadt. Zwischen den Menschentrauben fällt der Blick auf ein kleines Mädchen mit einem müden, emotionslosen Gesichtsausdruck. Es ist die neunjährige Maria-Fernanda.

Schüchtern schlendert sie von einen Fußgänger zum nächsten, in der Hoffnung, ein paar Kaugummis verkaufen zu können. Drei Päckchen für fünf Pesos, keine goldschwere Ware, doch für Maria-Fernanda ist es viel Geld. Zur Schule gehen tut sie, behauptet das kleine Mädchen mit leiser Stimme. Trotzdem sieht man sie fast täglich mit ihrer Schachtel Kaugummis durch die Straßen laufen. Dass Kinderarbeit in Mexiko verboten ist und jedes Kind ein Recht auf Bildung und Sicherheit hat, darüber weiß Maria-Fernanda bestimmt sehr wenig.

Am 30. April ist Kindertag in Mexiko. Schulhöfe werden geschmückt, Piñatas mit Leckereien gefüllt, Geschenke für die Kleinen besorgt und Großaktionen in den Städten geplant, damit Kinderherzen höher schlagen. Allein die Gemeinde Zapopan in Jalisco hat dieses Jahr eine halbe Million Pesos, umgerechnet rund 27.000 Euro, für den Kauf von Süßigkeiten ausgegeben. "An diesem Tag wird viel vom Glücklichsein und Spielen geredet, aber wenig darüber diskutiert, woran es den Kindern eigentlich fehlt, dass zum Beispiel viele von ihnen in Armut leben", so der juristische Berater Sair Pinilla von SOS-Kinderdorf in Mexiko-Stadt.

Arbeit statt Schule

Vor knapp einer Woche tagte SOS-Kinderdorf mit Vertretern der Interamerikanischen Organisation für Menschenrechte (IACHR) zur Situation der Kinder in Mexiko. Die Zahlen sind erschreckend. Laut Daten des Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) leben 70 Prozent der mexikanischen Kinder in Armut, 30 Prozent davon in absoluter Armut. Rund sechs Millionen Kinder erhalten keine Grundschulausbildung, obwohl der Staat laut Verfassung dazu verpflichtet ist, ein Recht auf kostenlose Bildung bis zum zwölften Lebensjahr zu gewährleisten. "Es gibt einfach zu wenig Schulen. Oft können Kinder auch aus formellen Gründen nicht am Unterricht teilnehmen, weil sie keine Geburtsurkunde besitzen oder ein Vormund fehlt", erklärt Sair Pinilla.

Manchmal hindert sie aber auch die Arbeit daran, die Schule zu besuchen. Über drei Millionen Kinder im Alter von fünf bis 17 Jahren sind der Kinderarbeit ausgesetzt. Meistens handelt es sich dabei um Tätigkeiten, die auf den Feldern zu verrichten sind. Dort arbeiten sie häufig ungeschützt mit gefährlichen Maschinen, hochgiftigen Pestiziden und unter starker Sonneneinstrahlung.

Häusliche Gewalt

Laut SOS-Kinderdorf ist die Lebenssituation von Kindern, die ohne elterliche Fürsorge in Mexiko aufwachsen, besonders schlecht. Die Zahl der Waisenkinder wird auf ungefähr 1.600.000 geschätzt. Rund 28.000 von ihnen erhalten in staatlichen Waisenhäusern ein neues Zuhause. Andere finden in privaten Einrichtungen Schutz oder leben bei entfernten Verwandten und Bekannten. In städtischen Regionen landen die meisten von ihnen auf der Straße, wo sie von Drogenkartellen und Straßengangs rekrutiert werden.

Auch häusliche Gewalt ist in allen mexikanischen Gesellschaftsschichten weit verbreitet. Jedes dritte Kind wird zuhause ausgebeutet, körperlich misshandelt, diskriminiert oder sexuell missbraucht. Aufgrund der zunehmenden Gewalt durch die Drogenkartelle hat sich die Sicherheitslage für die Kinder in den letzten Jahren zunehmend verschlechtert. Über die Zahl der toten, verwaisten und traumatisierten Kinder schweigen sich die offiziellen Statistiken aus. Die Vereinten Nationen beklagen schon seit langem, dass es von offizieller Seite keine verlässlichen Daten über die Lebenssituation der Kinder gibt.

Es hapert an der Umsetzung

Armut allein ist aber nicht der einzige Grund, warum Kinderrechte in Mexiko so wenig geachtet werden. "Viele mexikanische Gesetze und Konventionen sind sehr progressiv. Doch es hapert einfach an der Umsetzung. Institionen fühlen sich nicht zur Umsetzung der Kinderrechte verpflichtet, mexikanische Politiker sind träge und die Haushaltsmittel knapp", erklärt Sair Pinilla, Presseassistentin des SOS-Kinderdorfs in Mexiko-Stadt.

In der Tat fehlt immer noch Mexikos Unterschrift auf dem Fakultativprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention, das am 15. Januar in Kraft getreten ist. Es ermöglicht Kindern, individuelle Beschwerden über die Verletzung ihrer Rechte aus der Kinderrechtskonvention bei den Vereinten Nationen in Genf vorzubringen. Sara Oviedo Fierro, Vizepräsidentin des UN-Komitees zu Kinderrechten, vermutet, viele Länder Lateinamerikas hätten das Protokoll deshalb noch nicht unterschrieben, weil sie Angst vor Restriktionen hätten, wenn Kinderrechte nur unzureichend erfüllt würden. Bis jedoch in der mexikanischen Gesellschaft Kinder als eigenständige Individuen geachtet werden, die eine eigene Meinung haben und diese auch äußern dürfen, wird noch viel Zeit vergehen. Bis dahin wird Maria-Fernanda noch viele Kaugummis verkauft haben und vielleicht noch immer an ihrem Traum festhalten. Sie möchte gerne Tierärztin werden.

Autorin: Sara Charlotte König