Kolumbien |

Kinder mit Nummern

Kinder toben, ein Hahn kräht, und fast scheint es so, als existiere hier oben in den Bergen über der kolumbianischen Hauptstadt Bogota ein kleines Paradies. Doch die jungen Bewohner des Jugenddorfes "Benposta Nacion de Muchachos" haben alles andere als eine glückliche Vergangenheit hinter sich. Die Kinder kommen aus allen Teilen des Landes; die Mehrheit stammt jedoch aus der Hauptstadt Bogota. Sie sind hier, weil sie Opfer des bewaffneten Konflikts in Kolumbien sind - in ihrer Heimat wurden sie von bewaffneten Gruppen zwangsrekrutiert oder waren Opfer sexueller Gewalt. In der Bildungseinrichtung Benposta sollen sie Schutz und Geborgenheit erfahren, erklärt Leiter Daniel Campo Romero die Ziele des Projekts.

Unter den mehr als 130 Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 18 Jahren, die in dem Dorf eine neue, sichere Heimat gefunden haben, ist Jose. Der 14 Jahre alte Junge nennt sich Jose, weil er seinen richtigen Namen nicht verraten darf. Andere Kinder haben nur noch Nummern und keine Namen, um ihre Anonymität zu wahren. Ihre Peiniger sollen keine Chance haben herauszufinden, wo sich ihre Opfer befinden.

Die Kinder lernen wieder zu lachen

Jose wurde von der Guerilla-Organisation FARC zwangsrekrutiert. Freunde aus seiner indigenen Gemeinde in Cauca verhalfen ihm zur Flucht nach Benposta. Nach Hause kann er nicht, denn Deserteure bestrafen die Rebellen mit dem Tod. In Benposta erzählt er seine Geschichte. Hier kann Jose ohne Angst in einem Umfeld weit weg von Krieg und Verfolgung leben. Es ist ein Ort, an dem die Kinder wieder Lachen lernen. "In Cauca gab es fast jeden Tag Kämpfe. Deshalb mussten wir sehr oft marschieren, uns verstecken oder flüchten. Und wenn es zu direkten Aufeinandertreffen kam, dann mussten wir eben kämpfen."

In Benposta finden die Kinder und Jugendlichen aus dem kolumbianischen Krieg ein Zuhause und vor allem eine Perspektive. Unterstützt wird das Projekt vom Kindermissionswerk "Die Sternsinger". Das Geld, das deutsche Kinder bei ihren Sternsinger-Aktionen gesammelt haben, kommt direkt ihren kolumbianischen Altersgenossen zugute. Prälat Klaus Krämer, Präsident des Kindermissionswerkes, zeigte sich bei seinem ersten Kolumbien-Besuch beeindruckt von der Willensstärke der Kinder, die einen neuen Anfang versuchen: "Mich hat tief beeindruckt, dass die Kinder hier ihre Realität selbst gestalten, dass sie Verantwortung übernehmen für ihren Alltag, dass sie auch ihre Konflikte selbst lösen."

Aus der Gewaltspirale aussteigen

Das Konzept von Benposta sieht Eigenverantwortung vor. Die Kinder leben ähnlich wie in einer christlichen Ordensgemeinschaft. Sie wählen einen Bürgermeister, versuchen ihre Konflikte durch Gesprächsrunden und demokratische Abstimmungen selbst zu lösen. Deshalb nennt sich das Jugenddorf auch "Nation der Kinder", weil hier demokratische Grundregeln wie in einem funktionierenden Staat gelten. Krämer ist überzeugt, dass die Idee von Benposta Kolumbien helfen kann, aus der Gewaltspirale auszusteigen: "Ich habe hier sehr selbstbewusste Kinder erlebt, die gezeigt haben, dass sie ihr Schicksal bewältigt haben und dass sie sehr positiv und optimistisch in die Zukunft gehen."

Kindersoldat Jose hofft, dass seine Heimat irgendwann genau wie er den Ausstieg aus dem Krieg schafft. Irgendwann, so wünscht er sich, werde es zu Verhandlungen unter den Kriegsgegnern kommen: "Eine Lösung des Konfliktes könnte sein, dass beide Gruppen verhandeln. Sowohl die Regierung als auch die Guerilla, weil das ganze sonst nie ein Ende hat. Es ist niemals einfach, einen Ausweg aus dem Krieg zu finden - denn beide sind bewaffnet, beide töten und man weiß nie, wer gewinnen und wer verlieren wird."

Quelle: KNA, Autor: Tobias Käufer

In Benposta lernen die Kinder, wie es ist ein Leben ohne Krieg und Gewalt zu führen. Foto: Flickr/Walker