Chile |

Kein Gesetz zum Schutz der Kinder

Als Cristian Pérez mit fünf zum ersten Mal Schüsse hörte, weinte er und verkroch sich hinter dem Sofa. Mit sieben hielt ihm ein Polizist bei einer Hausdurchsuchung eine Pistole an die Schläfe. Inzwischen zuckt der 13jährige kaum noch mit der Wimper, wenn Polizisten und Gangster sich mal wieder Feuergefechte liefern. Die Marken der verschiedenen Waffen kennt er alle. Kinderalltag in La Legua, einer ärmlichen Arbeitersiedlung im Süden der chilenischen Hauptstadt Santiago. Eine finstere Räuberhöhle, bevölkert von Drogenhändlern, wenn man die Medien hört. Wer hier lebt, wird abgestempelt. „Als mutmaßlicher jugendlicher Straftäter“ oder „Kind von Drogenbossen“.

Cristian ist ein lustiger, etwas runder, aufgeweckter Junge, der sich wie die meisten Altersgenossen für Fußball und Computerspiele begeistert. Manchmal beneidet er den drei Jahre älteren Nachbarjungen, der sich plötzlich teure Handies und Spielkonsolen leisten kann. Doch Cristian weiß nur zu gut, wo der plötzliche Reichtum herkommt – und mit Drogen will er nichts zu tun haben. „Alle, die da mitmachen, nehmen ein schlechtes Ende“, hat er beobachtet. Cristian möchte gerne einmal Lehrer werden, oder vielleicht Informatiker. Die Chancen dafür stehen schlecht, auch wenn er sich in der Schule noch so anstrengt. „Wenn er eine Bewerbung losschickt und seinen Wohnort angibt, wird er gleich aussortiert“, sagt Oscar Muñoz vom Jugendhaus La Caleta.

Seit 18 Jahren arbeitet La Caleta mit den Kindern und Jugendlichen im Viertel. Rund 200 Kinder zwischen zwei Monaten und 20 Jahren finden hier eine Oase, in der sie betreut werden, Hausaufgaben machen, herumtollen, im Internet surfen, Gleichaltrige treffen oder einfach nur jemanden haben, der ihnen zuhört und ihre Probleme ernst nimmt. Denn die meisten Kinder von La Legua sind auf sich alleine gestellt. Ein Drittel der Mütter sind allein erziehend und arbeiten tagsüber, größere Geschwister oder entfernte Verwandte sind mit der Betreuung oft überfordert. Ihre Häuser, die eigentlich vor Jahrzehnten einmal Pferdeställe waren und den Familien nach einer Umsiedelung aus überschwemmungsgefährdeten Gebieten als „Notunterkünfte“ dienten, sind dunkel und eng. Unter den Aluminiumdächern wird es im Sommer stickig heiß und im Winter eisig kalt. Da bleibt nur noch die Straße als Spielplatz. Doch bis vor kurzem gab es in dem Viertel, in dem 150 Familien leben, weder einen Fuß- noch einen Spielplatz. Das hat sich inzwischen geändert – dank La Caleta. „Wir haben uns zusammengesetzt und aufgeschrieben, was wir Kinder möchten, haben den Bürgermeister zu einer Sitzung eingeladen und ihm unsere Anliegen vorgetragen“, schildert Cristian.

Betreuer Muñoz ist stolz auf diesen Erfolg: „Unser wichtigstes Anliegen ist, die Politiker und die Gesellschaft auf die Rechte der Kinder aufmerksam zu machen.“ Deshalb haben die Kinder auch gemeinsam die grauen Wände eines Straßenzugs bemalt mit bunten, fröhlichen Kinderfiguren. „Mama, ich möchte, dass du mich lieb hast und mir viel Zärtlichkeit gibst“, steht da, oder „Kinder haben ein Recht auf Freizeit“. Selbstverständliche Dinge eigentlich. Doch die Realität in Chile ist von extremen Gegensätzen geprägt. Während es den Kindern aus reichen Familien an nichts fehlt, müssen die ärmsten oft schon in jungen Jahren arbeiten gehen, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Von den etwa vier Millionen Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren in Chile arbeiten etwa 47.000, rund 3700 sind einer Studie der Universität Arcis zufolge Opfer sexueller Gewalt. Probleme, die von der Gesellschaft gerne ausgeblendet werden. „Die Chilenen sind sehr konservativ und sehen die Jugend generell als Bedrohung“, sagt die Jugendforscherin Andrea Iglesias. „Dabei gibt es dann zwei Kategorien: die reichen, hedonistischen Yuppies und die armen, potenziellen Straftäter.“

Chile hat zwar die UN-Kinderrechtskonventionen ratifiziert, doch bis heute gibt es keine Ausführungsgesetze. Mit der Unterstützung von terre des hommes gehen die Mitarbeiter von La Caleta Klinken putzen bei den chilenischen Parlamentariern, um sie von der Notwendigkeit einer solchen Gesetzgebung zu überzeugen. Doch für die Politiker – meist jenseits der 50 - sind andere Dinge prioritär: während La Caleta 2007 darum kämpfte, dass der Staat die Subventionen für die hauseigene Kinderkrippe nicht kürzte, wurde gleichzeitig ein Gesetz zur Absenkung der Strafmündigkeit verabschiedet. Nun können schon 14jährige vor Gericht gestellt und verurteilt werden. „Abgesehen davon, dass der Staat überhaupt keine Einrichtungen für sie geschaffen hat, sabotieren solche Entscheidungen die Integrationsarbeit, die wir mühsam an der Basis machen. Wir brauchen einen stringenten, gesetzlichen Rahmen zum Schutz der Kinder, keine Stigmatisation“, fordert der Vorsitzende von La Caleta, David Ordenes.

Für Dina Krauskopf von der Lateinamerikanischen Fakultät für sozialwissenschaftliche Studien (Flacso) sind die Jugendlichen von heute die „verlorene Generation der Demokratie“. „1988 im Referendum gegen Diktator Augusto Pinochet haben 80 Prozent der Jungwähler für die Demokratisierung gestimmt. Heute sind nicht einmal mehr 20 Prozent in die Wahllisten eingetragen. „Die Jugendlichen haben sich enttäuscht von der Politik abgewendet und gehen nicht wählen, und die Politiker kümmern sich nicht um sie, weil sie nicht wählen“, sagt Krauskopf. Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden, wenn Cristian und die anderen Kinder aus La Legua eine Chance auf ein besseres Leben haben sollen.

 

Autorin: Sandra Weiss