Brasilien |

Kampf um die Erde

Seit Jahrzehnten streiten weiße Farmer und Indigene vom Volk der Pataxo Ha Ha Hae um insgesamt 54.100 Hektar Land im Süden des Bundesstaates Bahia. Seit 2008 liegt der Streitfall bereits beim Obersten Gericht vor, ohne dass eine Entscheidung in Aussicht steht. In den letzten Wochen haben die Indigenen mehrere Dutzend Farmen auf dem ihrer Meinung nach ihnen gehörenden Land besetzt. Damit wollen sie Druck auf die Regierung machen, ihnen endlich den offiziellen Landtitel zu übertragen. Nach mehr als 500 Jahren Kampf um ihr Land scheint ihnen langsam die Geduld auszugehen.

Der Süden des Bundesstaates Bahia ist eine geschichtsträchtige Region. Hier betraten die portugiesischen Seefahrer im Jahre 1500 zum ersten Mal jenes Land, das wenig später Brasilien werden sollte. Schon von ihren Schiffen aus erblickten sie dabei am Strand entlang laufende Indigene. Der zuerst friedlich verlaufende Kontakt zwischen den Kulturen sollte bald in offene Gewalt ausufern, durch die die Zahl der Indigenen stetig reduziert wurde. Bis heute kämpft der Stamm der Pataxo Ha Ha Hae, dem weniger als 2.500 Personen angehören, um die Anerkennung seines Landes.

68 Farmen haben die Pataxo-Indigenen in den letzten Wochen besetzt, Land, das ihrer Ansicht nach ihres ist. Im Jahre 1937 hatten Kartographen des brasilianischen Militärs das Gebiet als Indigenenland eingetragen, was von der staatlichen Indigenenbehörde FUNAI bis heute bestätigt wird. Trotzdem ließen sich in den darauf folgenden Jahrzehnten immer mehr weiße Farmer hier nieder. Bereits aus dem Jahre 1982 stammt ein Räumungsbefehl gegen die Bauern, auf dessen Ausführung die Indigenen bis heute warten. Seit 2008 liegt der Fall zudem beim Obersten Gericht des Landes in der Hauptstadt Brasilia, ohne Aussicht auf eine endgültige Entscheidung.

Die weißen Farmer der Region sind durch die jüngsten Farmbesetzungen aufgeschreckt worden und haben schwer bewaffnete Söldner zum Schutz ihrer Bauernhöfe engagiert. Am Wochenende kam es so zu einem Gefecht zwischen beiden Seiten, bei dem ein Indigener angeschossen und ein Wachmann getötet wurden. Die Regierung fürchtet ein weiteres Ausufern der Gewalt und hat bereits 30 Bundespolizisten zur Unterstützung der lokalen Polizei abgestellt. Weitere Polizeikräfte sollen in den nächsten Tagen folgen.

Die Indigenen geben an, dass in den letzten 30 Jahren insgesamt 30 Stammesangehörige durch weiße Farmer ermordet wurden. Jedoch sei es nie zu einer Festnahme oder Verurteilung der Täter gekommen. In einem im Internet veröffentlichten Statement der Pataxos klagen diese einen ehemaligen Bürgermeister aus der Region an, einen Krieg gegen den Stamm zu führen. Zudem bezichtigen die Indigenen den größten TV-Sender Brasilien, TV Globo, einseitig zu Gunsten der weißen Siedler über den Konflikt zu berichten.

Derweil berichten Journalisten der größten Tageszeitung Brasiliens, der Folha de S. Paulo, dass sie bei einer Reportage in der Region von schwer bewaffneten Söldnern eines Farmers festgesetzt worden seien. Die Bewaffneten hätten eine Art Bunker gebaut, um die Farm vor den Indigenen zu beschützen. Der ungleiche Kampf zwischen Farmern und den Pataxos scheint in eine neue Runde zu gehen.

Text: Thomas Milz