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Kampf gegen die stärkste Währung der Welt

Auch in Brasilien wackelte die Börse, auch Brasiliens Politiker machen sich Sorgen wegen der Finanzturbulenzen – aber einen positiven Nebeneffekt brachten sie dem Schwellenland diese Woche: der Real verlor leicht an Wert gegenüber dem Dollar und schloss am Dienstag mit 1,59 gegenüber dem zehnjährigen Rekordstand von 1,53 vor zwei Wochen.

Schon seit über einem Jahr versucht die Regierung in Brasilia, der ständigen Aufwertung – seit 2008 um knapp 40 Prozent – etwas entgegenzusetzen. Brasilien ist mittlerweile Spitzenreiter im Big-Mac-Index des „Economist“. Dort kostet ein Hamburger umgerechnet 6,16 Dollar. Zwar weniger als in der Schweiz (8,08), aber so viel wie nirgendwo sonst, wenn man das Durchschnittseinkommen zugrunde legt. Laut Goldman Sachs ist der Real die am meisten überbewertete Währung der Welt.

Seit fast zwei Jahren versucht die brasilianische Regierung der schleichenden Aufwertung und damit dem Wettbewerbsverlust der Exporte etwas entgegenzusetzen – ein schwieriges Unterfangen angesichts des robusten Wirtschaftswachstums und der brasilianischen Hochzinspolitik, von der viele Anleger profitieren wollen.

Sie sind liquide, Europa und die USA bieten keine attraktiven Anlagen – so strömt Kapital en masse nach Brasilien. 48 Prozent aller brasilianischen Firmen haben durch die starke Währung Einbußen zu verzeichnen, die Unternehmer warnen vor Desindustrialisierung. Finanzminister Guido Mantega verkündete deshalb, gegen den „Wechselkurskrieg und den unlauteren Wettbewerb“ in den Kampf zu ziehen.

Der lateinamerikanische Markt den Lateinamerikanern

Die Regierung visierte 1,65 als Wechselkurs an. Sie führte Kapitalverkehrskontrollen und Finanztransaktionssteuern ein, sie erhöhte die Zwangseinlagen, um Spekulanten abzuschrecken, sie schnürte ein Steuererleichterungspaket in Höhe von umgerechnet 11,9 Milliarden Franken für die heimische Wirtschaft. Brasilianische Banken müssen vorzugsweise einheimischen Firmen Kredite geben, die Regierung gibt bei Aufträgen brasilianischen Lieferanten den Vorzug – auch wenn sie bis zu einem Viertel teurer sind.

Hauptkonkurrent sind die Chinesen mit ihren Billigprodukten und dem unterbewerteten Yuan, aber auch die USA. Der „lateinamerikanische Markt den Lateinamerikanern“, lautet daher Mantegas protektionistisches Pendant zum „Buy America“ der USA. Gleichzeitig versucht Brasilien, China zur Aufwertung des Yuan zu drängen. Doch wirklich erfolgreich war die Strategie nicht.

Abwarten in der Krise

Deshalb lehnen Länder wie Mexiko, die ebenfalls mit einer wenngleich mäßigen Aufwertung kämpfen, derartige Maßnahmen von vorneherein ab. Kapitalverkehrskontrollen hätten noch nie Aufwertungen oder massive Devisenflucht verhindert, so Finanzminister Ernesto Cordero.

Und auch Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff wolle nun abwarten, berichtete Reuters unter Berufung auf Regierungskreise. Mit einem Wechselkurs von 1,60 könne sie leben. Vielleicht hilft ihr die Krise - weil viele Analysten die Wachstumsaussichten Brasiliens nach unten korrigierten (vier Prozent für 2011) und die Zinsen nicht weiter steigen dürften, ziehen nervöse Anleger und Spekulanten ihr Kapital ab.

Autorin: Sandra Weiss