Bolivien |

Justizskandal in La Paz

Boliviens Regierung steht nach einem Justiz- und Korruptionsskandal in Ministerien, Justiz und Polizei unter Druck. Ermittlungen der Nationalpolizei zufolge hätten hochrangige Funktionäre und Juristen in höchsten staatlichen Stellen ein regelrechtes Erpresser-Netzwerk aufgebaut. Mittels falscher Anschuldigungen wie Drogenhandel oder Geldwäsche sei gegen wohlhabende Personen Strafverfahren eingeleitet worden. Die Bande habe so mehrere hunderttausend US-Dollar erpresst, berichteten am Wochenende lokale Medien.

Bei den Tätern, die letzte Woche dem Untersuchungsrichter vorgeführt wurden, handelt es sich um die Juristen Fernando Rivera Tardío und Dennis Rodas Limachi. Beide Männer seien Ex-Angestellte der juristischen Staatskanzlei im Regierungsministerium, informierte Innenminister Jorge Pérez. Kopf der Bande sei der Anwalt und Direktor im Innenministerium Boris Villegas, so Beschuldigungen des Regierungspolitikers Gustavo Torrico.

Aufgeflogen waren die wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung beschuldigten Männer nach Ermittlungen eines ehemaligen FBI-Agenten. Im Fall eines wegen Drogengeschäften inhaftierten US-Amerikaners war der Privatdetektiv von dessen Familienangehörigen in den Vereinigten Staaten engagiert worden und in das Andenland gereist. Der Geschäftsmann Jacob Oestreicher sei von der Bande mit falschen Beschuldigungen erpresst worden, erklärte der Ex-FBI-Mann auf dem Internetblog Oestreichers. Der Reishändler war mit 22 Millionen US-Dollar nach Bolivien gereist und hatte mit Unterhändlern eines Drogenbosses aus Brasilien Geschäfte gemacht. Seitdem sitzt der Mann wegen Verdachts der Geldwäsche in der Tiefland-Metropole Santa Cruz in Untersuchungshaft.

Im Oestreicher-Fall habe Präsident Evo Morales »kleine Nachrichten« von »einigen Botschaften« erhalten und Ermittlungen eingeleitet, vermeldete die Tageszeitung La Razón. In drei Terminen hatten sich daraufhin bolivianische Regierungsvertreter mit US-Amerikanern getroffen, darunter Senator Christopher Smith und Schauspieler Sean Penn, die auf die Lage ihre Landsmanns aufmerksam machten. Drei Monate lang sei die Bande beobachtet worden, informierte Regierungsminister Carlos Romero.

Zuletzt vermeldete das Innenministerium 15 weitere Anzeigen wegen Erpressung. Gemeldet habe sich die Familie von Guillermo Fortún, ein 2012 in Haft an Herzinfarkt gestorbener Ex-Minister der Oppositionspartei Nationalistische Demokratische Aktion (ADN). Auch die Angehörigen des wegen Finanzmanipulationen und Betrugs inhaftierten Unternehmers Marcelo Urbach sei eigenen Angaben zufolge Opfer der Bande, so Innenminister Pérez. Gegen Geldzahlungen seien Hafterleichterungen angeboten worden. Ermittelt wird in diesem Zusammenhang auch gegen zahlreiche Staatsanwälte. (bb)