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Jagdszenen in der Karibik

Santo Domingo. Der Kopf eines jungen Haitianers rollt über den Asphalt: Ein wütender Mob hatte Carlos Nerufis zunächst durch die engen Gassen des Armenviertels der dominikanischen Hauptstadt Santo Domingo gejagt und dann unter den Augen zahlreicher Passanten gelyncht und enthauptet. Der Vorwurf: Der Mann habe einen Ladeninhaber ausgeraubt. In der Dominikanischen Republik verbreiten zunehmende Aggressionen gegen Einwanderer aus Haiti Angst und Schrecken unter den Gastarbeitern aus dem Nachbarland.

Der grausame Vorfall spielte sich bereits vor einigen Wochen ab, doch die Nachrichten über brutale Übergriffe auf Haitianer reißen nicht ab. Im November fanden Polizeibeamte die Leichen einer Mutter und deren zweijährigen Sohnes. Unbekannte hatten die Gastarbeiterin und das Kind an einem Baum aufgehängt. Vier weitere Haitianer wurden vor wenigen Tagen erschossen aufgefunden; die Polizei vermutet rassistische Hintergründe.

In dem karibischen Urlaubsparadies spielen sich seit Wochen fernab der "All-Inclusive-Herbergen" und Touristenmeilen beängstigende Jagdszenen ab. Die dunkelhäutigen Einwanderer aus Haiti sind zum Freiwild für rassistische Übergriffe geworden. Die Menschenrechtsorganisation amnesty international rief die dominikanische Regierung auf, für den Schutz der haitianischen Bevölkerung zu sorgen - bisher vergeblich.

Rund eine Million Haitianer leben nach offiziellen Schätzungen in der Dominikanischen Republik. Zu viele für ein Volk von neun Millionen Menschen, beklagen viele dominikanische Politiker. Häufig sind die oft illegal ins Land gelangten Einwanderer schon an ihrer dunkleren Hautfarbe zu erkennen. Mehr als zwei Drittel der Haitianer erklärten in einer Umfrage, sie seien bereits Opfer rassistischer Übergriffe oder Beleidigungen geworden. Vor allem auf Zuckerrohrplantagen und im Baugewerbe arbeiten die Gastarbeiter, oft unter erbärmlichen Bedingungen und mit derart niedrigen Löhnen, dass es nicht mal zum Nötigsten reicht.

Die Wirtschaftskrise bekamen die ungeliebten Nachbarn als Erste zu spüren. Ins eigene Land wollen sie nicht zurück - Haiti gilt als das ärmste Land Lateinamerikas. Nun ziehen sich die mittlerweile unerwünschten, weil überflüssigen Arbeitskräfte den Zorn der Einheimischen zu. Ein Verdacht reicht, und der wütende Mob jagt die Haitianer aus dem Dorf. Die überforderte Polizei schaut oft hilflos zu. Nicht wenige Haitianer beklagen, dass die Sicherheitskräfte bei ethnischen Übergriffen sogar selbst Hand anlegen.

Unterdessen blüht auf der anderen Seite der Grenze munter der Menschenhandel: Schlepperbanden bringen unvermindert neue Haitianer über die Grenze ins Nachbarland. Die ahnungslosen Neuankömmlinge haben zuvor ihr letztes Hemd verkauft, um eine Fahrkarte ins vermeintliche Paradies zu ergattern. Doch statt Arbeit und Brot warten nur Hass und Ablehnung in der neuen Heimat.

Die katholische Kirche in der Dominikanischen Republik ist mehr oder weniger hilflos. Kardinal Nicolas de Jesus Lopez Rodriguez forderte einen kontrollierten Zuzug der Einwanderer aus Haiti; die Grenze müsse besser bewacht werden. "In keinem Teil der Welt gibt es derart offene Grenzen, nicht mal zwischen Deutschland und österreich", beklagte der Erzbischof von Santo Domingo. Die Aussage brachte ihm harte Kritik ein: Als rassistisch bezeichneten sie Menschenrechtler in Haiti.

Doch es gibt auch andere Töne aus Santo Domingo: In einem jüngst veröffentlichten Hirtenbrief forderten die Bischöfe des Landes einen respektvolleren Umgang mit den Gastarbeitern. "Wir sind alle Brüder, Kinder der gleichen Erde", erklärte der Bischof von La Vega, Antonio Camilo Gonzalez. Und er erinnerte seine Landsleute an die enormen Probleme, mit denen dominikanische Einwanderer in den USA oder Spanien zu kämpfen hätten.

Autor: Tobias Käufer, kna