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Inti Raymi - Das "Fest der Sonne"

Alles ist genau umgekehrt: Während auf der Nordhalbkugel des Globus am 21. Juni zumindest rein rechnerisch der Sommer beginnt, wird auf der Südhalbkugel die Wintersonnenwende gefeiert. Bei den Inkas war das „Fest der Sonne“ gleichzeitig der Beginn des neuen Jahres. Ausgiebig gefeiert wird heute noch.

Inti Raymi bedeutet auf Quechua „Fest der Sonne“ (inti „Sonne“, raymi „Fest“). Während der Inka-Herrschaft war es das wichtigste der vier Feste, die in der heute in Peru liegenden Andenstadt Cusco gefeiert wurden. Und das Fest markierte den Beginn des neuen Jahres. So ist es jedenfalls durch den Inca Garcilaso de la Vega (1539-1616) überliefert, der als anerkannter Chronist der Inka-Geschichte gilt und in Cusco als Abkömmling eines spanischen Eroberers und einer Nichte des Inka-Herrschers Huayna Cápac geboren wurde.

Ganze 15 Tage soll damals gefeiert worden sein, mit vielen Tänzen und Opferungen. Die Wintersonnenwende ist die längste Nacht des Jahres. Danach, so die alljährliche Hoffnung, würde Vater Sonne (Tayta Inti), der Sonnengott, die Quelle des Lichts, der Wärme und der Beschützer des Menschen, der Erde wieder näher kommen. 1572 wurde das Fest vom spanischen Vizekönig Francisco de Toledo (1515-1584) als heidnisch und gegen den katholischen Glauben stehend, verboten.

Mehr als 840 Akteure stellen Inka-Zeremonie nach

Es wurde dann im Verborgenen weiterhin begangen und hat sich bis heute erhalten. Im Jahr 1944 belebte Faustino Espinoza Navarro, der lange der Academia Mayor de la Lengua Quechua vorstand, gemeinsam mit anderen indigenen Künstlern und Schauspielern die Tradition von neuem. Vorbild waren die Aufzeichnungen von Garcilaso de la Vega. Über die Jahre ist das Fest zu einem riesigen Spektakel und vor allem: zu einer wichtigen Touristenattraktion in Cusco geworden.

Obwohl die Wintersonnenwende schon am 21. Juni ist, beginnt die große Show in den Ruinenstätten erst am Sonntag. In diesem Jahr werden mehr als 840 Menschen die Zeremonie in den Ruinen von Sacsahuaymán darstellen. Man habe 80 Prozent der Eintrittskarten über das Internet verkauft, vor allem an Touristen aus den USA, Brasilien, Chile und Argentinien. Bis zu 120.000 Personen passen auf das historische „Festgelände“, versichern die Organisatoren. Für den heute am Rathaus von Cusco beginnenden bunten Umzug haben sich laut dem städtischen Eventveranstalter Emufec mehr als 300 Gruppen angemeldet.

Nationalfeiertag in Bolivien

Doch Inti Raymi ist beileibe nicht nur ein touristisches Spektakel nach historischem Vorbild. In vielen Orten der Andenstaaten wird die in den letzten Jahren gestärkte Tradition auch weit weniger touristengerecht begangen. In Ecuadors nördlicher Andenprovinz Imbabura steht am 22. Juni gemäß der indigenen Tradition zunächst einmal unter Führung eines indigenen Geistlichen s indigenen Geistlichen ein rituelles reinigendes Bad in heiligen Wasserfällen, Quellen, Flüssen oder Seen an, ehe am 23. Juni zünftig zu Musik getanzt, üppig gegessen und kräftig getrunken werden darf. Das Fest fällt auch mit dem Ende eines landwirtschaftlichen Wachstumszyklus und den Vorbereitungen einer neuen Aussaat in der Andenregion zusammen. Die Feierlichkeiten reichen vielerorts bis in den Juli hinein.

In Bolivien wird der von den Aymara auch noch heute als Beginn des neuen Jahres gefeierte 21. Juni seit 2010 als Nationalfeiertag begangen. Dieses Jahr führten der Vizepräsident des Landes, Álvaro García Linera und dessen Freundin den traditionellen Festakt der Aymara in der präkolumbianischen Stätte Tiahuanaco an. Präsident Evo Morales, ebenfalls ein Aymara, war bereits zur UN-Konferenz Rio+20 nach Brasilien gereist.

Autorin: Bettina Hoyer

Nach dem Inti Raymi-Umzug im peruanischen Cusco / Jessica Reeder, Flickr